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: Diese Putzfrau kommt mir nicht ins Haus

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Es sagt einiges über den Reiz der Sachs-Familienchronik von Wilfried Rott, wenn man am Ende feststellt, daß die Partien über Gunter Sachs noch die langweiligsten waren. Begeisterung wecken schon die ersten Seiten, die davon erzählen, wie der schwäbische Schreinersohn Ernst Sachs seinen Schicksalssport in einem aus Holz gezimmerten Fahrrad entdeckt.

          Es sagt einiges über den Reiz der Sachs-Familienchronik von Wilfried Rott, wenn man am Ende feststellt, daß die Partien über Gunter Sachs noch die langweiligsten waren. Begeisterung wecken schon die ersten Seiten, die davon erzählen, wie der schwäbische Schreinersohn Ernst Sachs seinen Schicksalssport in einem aus Holz gezimmerten Fahrrad entdeckt. Bald gehört er zu den tollkühnen Männern auf den fliegenden Rädern des Frankfurter Velocipedclubs, und während er seine Brust in schneller Folge mit allen nationalen Siegesplaketten dekoriert, freundet er sich mit der Crème der deutschen Industrieväter an: Willy Tischbein, dem Mitgründer der Continental Gummi-Werke, Heinrich Kleyer, dem späteren Kopf der Adlerwerke, und den Gebrüdern Opel, die gern auch zu fünft auf dem Fahrrad sitzen.

          Zunächst stand man dem No-name aus Petershausen am Bodensee im Klub der Visionäre noch skeptisch gegenüber, doch der heroische Charakter des Neuzugangs überzeugte schließlich. Ernst Sachs ist von einem kritischen Radunfall eben genesen, der ihn mit der letzten Ölung Bekanntschaft machen ließ und ihm die Notwendigkeit besserer Bremstechnik vor Augen führte. Kaum der Mechanikerlehre entwachsen, erfindet er eine leicht rollende Nabe und registriert mit dem Patent in der Tasche als Achtzehnjähriger gemeinsam mit dem Geldgeber Karl Fichtel in Schweinfurt seine eigene Firma.

          Aus einem Lehrling und zwei Gesellen wird bald ein größeres Unternehmen, dessen Meister der Chef aus dem Schlaf reißt, wenn ihm eine neue Idee kommt. Ergebnis der fieberhaften Tüftelei ist die "Torpedo-Nabe", die Bergabfahrten sicher macht, weil sie das Bremsen mit der Pedale erlaubt. Dank dieses Coups nimmt Ernst Sachs es mit der amerikanischen Konkurrenz auf und reist selbst zweiundzwanzigmal über den Atlantik, um die Massenproduktion bei Henry Ford zu studieren und in den Vereinigten Staaten selbst eine Tochterfirma zu gründen. Wie ein Sausewind geht es im Geschäft voran, als das Land zum Ersten Weltkrieg mobil macht.

          Im nahen Mainberg erwirbt Ernst Sachs ein veritables Schloß, dessen Gemäuer bis ins Mittelalter reichen, und staffiert es in gründerzeitlichem Geschmack historisierend aus. "Gewaltig entfaltet sich der Schönheitssinn einer fast schon hingeschiedenen Epoche", schreibt Wilfried Rott mit der ihm eigenen feinen Ironie über den Mix von Hirschgeweihen und Amoretten. Mit der Einrichtung einer Gemeinschaftsküche, die während des Ersten Weltkriegs Soldatenfamilien versorgt, hat der paternalistische Führungsstil des Fabrikherrn seinen ersten großen Auftritt. Ins Bewußtsein aller Schweinfurter schreibt sich die Familie Sachs zudem mit dem Bau eines Schwimmbads und Stadions ein.

          In den Zwanzigern macht der Fahrrad- einem Autoboom Platz. Dabei sind die amerikanischen Serienproduzenten den deutschen Bastlern haushoch überlegen. Auf der Automobilausstellung von 1925 führt die deutsche Seite achtundachtzig Modelle individualistischer Bauweise vor, deren Absatz nur Schutzzölle am Leben erhalten. Als die liberale Weimarer Republik die Zollschranken in der vergeblichen Hoffnung auf Gegeninitiativen senkt, hat die Stunde vieler Autobauer geschlagen. Doch Sachs-Sohn Willy ist durch die Eheschließung mit Elinor von Opel in der Nähe des modernsten und daher erfolgreichsten heimischen Automobilproduzenten bestens aufgestellt. Gemeinsam mit der Schwiegerfamilie wird die Kupplungs- und Kugellager-Produktion geplant und aufeinander abgestimmt.

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