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: Die Zwanziger flirten sehr subtil

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Obwohl Margueritte zu den Dreyfus-Verteidigern zählte, finden sich in seinen Büchern antisemitische Tendenzen, die dazu führten, daß er die Versailler Verträge heftig kritisierte. Er kokettierte mit der kommunistischen Partei und hatte doch ein Faible für den rechtsrheinischen Erbfeind, den er archaisierend als "robust gebaute, vor Energie strotzende Rasse" schildert, unter der eine "Atmosphäre der Sittsamkeit" herrsche. So inkongruent diese Mischung aus vorwärts- und rückwärtsgewandten Elementen auch erscheinen mag - ihr Schlüssel scheint in der Kränkung durch den frühen Verlust des Vaters zu liegen.

Plausibel arbeitet die Autorin den Nexus zwischen kriegsversehrter Männlichkeit und einem neuen Selbstverständnis der Frau heraus. Nicht ohne Brio spricht Julia Drost von der "Vertreibung des Mannes aus dem emotionalen und diskursiven Mittelpunkt weiblichen Lebens". Die Mutterschaft hatte nach dem großen Schlachten der Söhne ihre Attraktivität verloren, und auch das erotische Fluidum zwischen den Geschlechtern war zum Erliegen gekommen. Der Einschnitt, den der Erste Weltkrieg im affektiven Paarhaushalt bedeutete, ist wohl kaum ernst genug zu nehmen. Vom "horreur du flirt", der Panik vor jeder sexuellen Kontaktaufnahme, ist in den zeitgenössischen Journalen die Rede. So fremd die traumatisierten Kriegsheimkehrer der Frauen waren, so pervers kamen diese in ihrer modischen Androgynität den Veteranen vor. Die Französin sah nicht mehr ein, warum sie für gleiche Arbeit weniger als ein Mann verdienen, warum sie nicht wählen, studieren, über den eigenen Bauch verfügen und das Sorgerecht für seine unehelichen Kinder abgeben sollte.

Die männliche Welt hingegen stieß sich an den brüsken Bewegungen, dem direkten Blick, dem "arroganten Busen" und der rauhen Sprache der Garçonne und verschlang doch die von ihr handelnden Romane auf der Suche nach pornographischen Passagen. Einen Verteidiger fand Margueritte in Anatole France. "La Garçonne" war für ihn das getreue Gemälde einer denaturierten, von den "unerhörten Ausschweifungen" neureicher Kriegsgewinnler beherrschten Gesellschaft.

Den französischen Tugendwächtern war es mehr um die Außensicht des Landes zu tun. Sie sorgten sich um den Ruf der französischen Frau und setzten alles daran, den Export des Garçonne-Mythos zu begrenzen. Der Regisseur Armand du Plessy begründete seine Verfilmung des Stoffes mit der Notwendigkeit, ausländischen Adaptionen zuvorzukommen, hätte man dort doch "sicher ein visuelles Pamphlet gegen die französische Gesellschaft" daraus gemacht. Doch selbst du Plessys Version zog die französische Zensur lesbischer Anbandelungsszenen wegen aus dem Verkehr. In deutschsprachigen Ländern stieg sie indessen zum Kassenschlager auf. Auch der polemische Roman "Madame wünscht keine Kinder" von Clément Vautel verfehlte sein propagandistisches Ziel. Alexander Korda machte daraus ein deutsches Filmlustspiel, in dem, wie Julia Drost trocken bemerkt, "die pronatalistischen Werte" verlorengingen. Deutsche Sappho-Schülerinnen nannten gar ihre erste Zeitschrift "Garçonne". Margueritte versuchte seinerseits die Rezeption seiner anstößigen Figur durch eine Theaterfassung in friedlichere Bahnen zu lenken; das Ergebnis war ein durch und durch harmloses Stück, dem das Publikum allein deshalb zusprach, weil es vergeblich anzüglicher Stellen harrte. Diesem gähnenden Parkett zuliebe lohnt es sich, in Paris nach den wilden Zwanzigern zu schürfen. Berlin war nicht das einzige Gomorrha.

INGEBORG HARMS

Julia Dorst: "La Garçonne". Wandlungen einer literarischen Figur. Wallstein Verlag, Göttingen 2003. 312 S., 27 Abb., geb., 26,- [Euro].

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