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Die Welt als Wille und Verstellung

17.08.2008 ·  Ratgeber: Adam Soboczynski weiß nicht nur, wie man verliebte Frauen schonend abwehrt

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Früher nannte man die Bindung eines Angestellten an seinen Arbeitgeber Loyalität, und sie wurde vorausgesetzt. Das war möglich, weil genug für alle da war: Loyalität lohnte sich, also war man loyal. Heute gibt es auf den Schauplätzen des Lebens - in der Arbeitswelt wie in privaten Beziehungen - überwiegend fragile und wechselhafte Bindungen. Ob die überhaupt noch zustande kämen, habe etwas damit zu tun, wie geschickt man sie unter allerlei Täuschungsmanövern und Verstellungstaktiken etabliere, schreibt der Journalist und Schriftsteller Adam Soboczynski ("Polski Tango") in seinem neuen Buch "Die schonende Abwehr verliebter Frauen". Der Autor empfiehlt darin falsche Bescheidenheit, gespieltes Verletztsein, fingierte Vertraulichkeit, inszenierte Ambivalenz, koketten Selbstbetrug. Dass die Verstellung "Bedingung unseres Aufstiegs" sei, belegt Soboczynski mit einer Reihe von Beispielgeschichten, zusammengeführt in einer Hybridform aus Benimmratgeber, Roman und Essaysammlung. Seine Protagonisten heißen Anja oder Stephan, Sabine oder Frank, "die Layouterin" oder "der Schriftsteller", und sie schlittern mehr oder weniger elegant übers glatte Parkett sozialer Anlässe, wie Partys, Meetings, Verabredungen und Gehaltsverhandlungen.

Soboczynski hat sich ein großes Thema unserer Zeit gewählt und zugleich ein Tabu neu entdeckt: die Verstellung und die gegenseitige Täuschung im täglichen Miteinander vor dem Hintergrund einer beschleunigten Welt, in der die Ressourcen knapp werden. Und er gibt ein Versprechen: Dass man, wenn man sich nur geschickt genug verstellt, Menschen benutzen kann, ohne dass sie sich lossagen oder einen danach mit ihrer Wut verfolgen. "Die schonende Abwehr verliebter Frauen" nennt er das. Auch ein Verleger, der in einem der 33 Kapitel einem Lektor nicht die erwartete Gehaltserhöhung gewährt und ihn durch das noch während der Verhandlung herzlich angebotene "Du" trotzdem stärker an die Firma bindet als zuvor, bedient sich dieser "schonenden Abwehr". Die Formulierung ist von mehreren Beispielen im Buch inspiriert, in denen es darum geht, wie es einem Mann gelingen kann, unbehelligt davonzukommen, nachdem er sich im Interesse einer Frau gesonnt hat, ohne zu einer Gegenleistung oder Verpflichtung bereit zu sein, welche die Frau jedoch unausgesprochen erwartet hat, wobei sie bewusst nicht vom Mann korrigiert wurde. "Verliebte Frauen zu schonen bedeutet, in ihnen die Selbstlüge zu entfalten", erläutert der Autor. Das heißt, darauf hinzuarbeiten, dass eine Frau sich mit Hilfe narzisstischer Denkmuster selbst beschwichtigt: Der hat mich nicht verdient. Ich will ihn eigentlich gar nicht, weil er zu kompliziert ist.

Soboczynski hat sein Buch in eine Phase des Übergangs hineingeschrieben: Er macht das Tabu einer Welt zum Thema, die sich schon wieder weitergedreht hat. In den frühen Tagen von Globalisierung, New Economy und einer vorübergehenden Blüte des Medienbetriebs mögen die süße Täuschung, die schön verpackte Lüge, das schlau eingefädelte Ränkespiel des Öfteren zum Ziel geführt haben. Wo sich Bedingungen und Regeln für alle ändern und die Kriterien des Erfolgs unübersichtlich werden, da lassen sich die Menschen täuschen. Doch die große Zeit der Verstellung ist schon wieder vorbei. Längst kokettieren die Aufsteiger mit ihrer Herkunft, die Desorganisierten mit ihrem Chaos und die Ungebildeten mit ihrem Mainstream-Geschmack. Ratgeberbücher heißen mittlerweile: "Er steht einfach nicht auf dich!" oder "Nein, ihr könnt nicht Freunde bleiben! Es heißt Schluss machen, weil dann Schluss ist".

Die Kunst der Verstellung hat trotzdem zu allen Zeiten ihren Platz in der Welt gehabt, heute wie im 17. Jahrhundert, als der spanische Jesuit Baltasar Gracián ein Regelwerk zum gleichen Thema schrieb, welches Soboczynski mehrfach zitiert. Gracián schrieb seine Ratschläge für die höfische Welt. Soboczynskis Setting ist das, was man den "Kulturbetrieb" nennt. Seine Protagonisten sind Redakteure, Schriftsteller, Architekten, Layouterinnen, Lektoren, Verleger, Romanistikprofessoren und Kunsthistorikerinnen. Um einen Schauplatz für seine Beispielgeschichten zu etablieren, schildert der Autor die Beziehungen innerhalb dieser Gruppe detailliert - von der Art, SMS zu formulieren, bis zu den Umbrüchen der jüngeren Vergangenheit, die Generationenunterschiede schärfer hervortreten lassen als zuvor. Daraus ist ein kluger Essay geworden, der nicht nur die Hierarchie der Kulturschaffenden treffend charakterisiert, sondern auch insgesamt für die Arbeitswelt Gültigkeit besitzt.

Es bleibt ein Tabu, das Soboczynski nicht antastet: das des Intelligenzunterschieds, der zwingende Voraussetzung ist, wenn die Verstellung nicht entdeckt werden soll. Die Benutzten werden immer wütend werden, wenn sie erkennen, dass sie benutzt worden sind. Sie werden sich distanzieren oder auf Rache sinnen. Der entscheidende Punkt ist allein das Erkennen. Ein Mitarbeiter, der seinem Vorgesetzten gewachsen ist, wird in dem Moment, in dem es geschieht, schon begreifen, dass er benachteiligt wird, er wird erkennen, dass das angebotene "Du" den Nachteil nur kaschieren soll. Der Einfluss seines Vorgesetzten auf ihn wird nicht wachsen, die Bindung an ihn nicht gestärkt werden. Dasselbe gilt für eine Frau, die nach einer gemeinsam verbrachten Nacht eine SMS schreibt: "Kaffee? Heute? Oder morgen?" und als Antwort erhält: "Gerne, aber im Moment wahnsinnig viel Stress, melde mich nächste Woche. Liebe Grüße!" Die Täuschung ist längst Teil des Spiels. Das Erkennen ist es auch.

CHRISTINA HUCKLENBROICH

Adam Soboczynski: "Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder Die Kunst der Verstellung". Verlag G. Kiepenheuer, 204 Seiten, 18,95 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.08.2008, Nr. 33 / Seite 28
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