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Die versunkene Metropole

 ·  Wie Istanbul eine türkische Stadt wurde: Eine Reise in die Vergangenheit. Und durch Orhan Pamuks neues Buch

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Die Frage, welchen Nutzen die Leser aus Autobiographien ziehen, führt auf das sprichwörtliche weite Feld. Sie tauchen in ein anderes Leben ein und mögen ganz darin aufgehen. Aber dabei kann es auch zu überraschenden Selbstbegegnungen im anderen Leben kommen, in aller Naivität und mit dem Ausruf: Ja, so war es, da war ich auch, das habe ich auch gesehen! So jedenfalls geht es mir mit Orhan Pamuks Jugendgeschichte, die den Namen der Stadt im Titel führt, die ich oftmals auch die meine nannte, weil ich zwei Jahre meiner Kindheit dort verbrachte, vom zehnten bis zum zwölften. Es ist das Alter, in dem auch Orhan Pamuk seine Stadt mit wachen Augen wahrzunehmen begann.

Im Lauf der Jahre wird er nicht nur zu einem neugierigen Beobachter des Stadtlebens, sondern schließlich sogar zu einem Stadthistoriker, der vieles zusammenträgt, von dem er annimmt, daß es eines Tages noch dazu dienen kann, sein Bild der Stadt mit einem sprechenden Detail zu bereichern. Sein Leben wird immer mehr zu einem Leben mit seiner Stadt. Vor allem macht er sich mit ihren Zeitschichten vertraut, von der byzantinisch-griechischen über die osmanische Zeit, die seit dem neunzehnten Jahrhundert unter starkem europäischem Einfluß steht, sogar ganze Stadtviertel prägt. Pamuk sagt aller modischen Mobilität ab und harrt fast dreißig Jahre ununterbrochen in Istanbul aus, ohne sich vom Fleck zu rühren und in Bücher vertieft, die über ihre Geschichte geschrieben wurden, von Türken und Europäern.

Europäische Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, wie Flaubert, Nerval, Théophile Gautier und andere, spielen dabei eine so herausragende Rolle, nicht weil sie die Wahrheit über die Stadt erzählt hätten, sondern weil deren Geschichte sich erst im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts vom europäischen Blick zu emanzipieren begann, in gewisser Weise paradox, weil diese Emanzipation vom Orientalismus und Exotismus mit der energischen Verwestlichung durch die türkische Republik zusammenfiel. Auch dies ein Paradox, denn die Verwestlichung leitete zugleich ein, was Pamuk die "Türkifizierung" vor allem Istanbuls nennt.

Die Verwandlung

Orhan Pamuk, 1952 geboren, wuchs in einer Stadt auf, deren Bevölkerung von rund einer Million am Ende der fünfziger auf zehn Millionen im Jahre 2000 anwuchs. Es ist diese Explosion der Stadt, ihre Verwandlung von einer levantinischen Metropole, die nur langsam wachsend und ohne dramatische Veränderungen seit der Eroberung Konstantinopels 1453 in den alten Mauern ausgeharrt hatte. Wir, die Familie des Philosophen Joachim Ritter, der gastweise zwei Jahre an der Universität lehrte, kamen im Jahr dieses Jubiläums in die Stadt. Wir wohnten auf Burgaz, der zweiten der fünf Prinzeninseln, meine Schwester und ich fuhren täglich mit dem Schuldampfer voller Kinder in Schuluniform zur legendären "Köprü", der Brücke über das Goldene Horn, liefen durch die dichte Menge, vorüber an den Booten, die den nächtlichen Fischfang entluden, in das Galataviertel und die engen Straßen des europäischen Viertels von Istanbul, bis wir schließlich das Avusturya Lisesi erreichten, die österreichische Nonnenschule, zuletzt ging es eine Art Strudelhofstiege hinauf. Schon dies ein tägliches Abenteuer. Die Idee, was Stadt sei, hat sich da tief eingegraben.

Mit der Welt von Orhan Pamuks Familie - er lebte weit jenseits unserer Wege in Cihangir und Nisantasi, in den Vierteln der wohlhabenden Türken, kamen wir kaum in Berührung. Wir wohnten ja in einem Inseldorf. Wenn die griechischen, türkischen, westeuropäischen Sommergäste im Herbst in die Stadt zurückkehrten und ihre Sommerhäuser verschlossen, war man mit den Griechen und Türken allein, hinzu kamen im Winter die Fischer vom Schwarzen Meer, die auf ihren Booten lebten und große Berge von Thunfischen ans Ufer brachten. Türkisch war schnell gelernt, und daraus ergaben sich bald die Freundschaften, so mit dem Sohn des Polizeichefs der Insel, einem Lausbub, auf dem die ganze Hoffnung der Familie lag und der mit mir die Schule besuchte. Er wurde von seiner Familie verehrt wie ein Wunderkind, lernte aber kaum und streunte mit uns herum, auch auf den Möwenfelsen, von dem er eines Tages zu Tode stürzte. Die Feier seiner Beschneidung - er lag tief vergraben zwischen den Kissen des elterlichen Bettes - ist unvergeßlich als Beispiel des Familienkults einfacher Türken.

Die Kosmopoliten

Ein solches Sommerleben, wie wir es über Monate Tag für Tag im Boot und im Wasser führten, berichtet Orhan Pamuk in seiner Biographie nur einmal: Sein Vater bringt ihm auf der Nachbarinsel, wo die Familie ein Ferienhaus besaß, das Schwimmen bei. Vielleicht hat sich durch das idyllische Leben am Marmarameer das Bild der Stadt, die wir oft besuchten, verklärt zu einer Ansicht, wie sie von den Stichen des neunzehnten Jahrhunderts nahegelegt wird: eine orientalische Exotik, in der Landschaft und malerische Figuren zu einer unwandelbaren Szenerie verschmelzen. Es ist dieses neunzehnte Jahrhundert der osmanischen Relikte, das auch der Nicht-Tourist Pamuk sich im Lauf der Jahre erschließt, wenn er sich auf die Suche nach den alten Konaks, den Holzhäusern, macht, die während seiner Jugendjahre eins nach dem anderen in Flammen aufgehen, ohne bei den Zuschauern irgendein Bedauern zu wecken. Sein Vergleich der byzantinischen Reste, die vor allem von amerikanischen Archäologen in Obhut genommen wurden, mit dem Schicksal der osmanischen Vergangenheit bringt ihn zu der bedrückenden Einsicht, daß diese "traurigen Zeugnisse einer absterbenden Kultur" einem Streben nach Europäisierung im Wege standen, das einzig dem Wunsch zu entspringen schien, "die mit quälenden Erinnerungen behafteten Überreste des untergegangenen Reiches so schnell wie möglich loszuwerden". Die Stadt, mit den Resten einer so reichen Vergangenheit gesegnet, war, im Zeichen eines zwanghaften und nicht durchweg von Erfolg gekrönten Aufstiegs in die Moderne, ihrer Vergangenheit überdrüssig.

Das betraf nicht nur die Bauten, sondern auch die in der Stadt seit Jahrhunderten zusammenlebenden Menschen. Wer sich fragt, was "kosmopolitisch" heißt, konnte es in den fünfziger Jahren am ehesten in Istanbul erfahren. Im Geschäftsleben standen in der Rangliste der Tüchtigen die Armenier an erster Stelle, gefolgt von den griechischen und jüdischen Geschäftsleuten. Kosmopolitisch im Sinne der Vielsprachigkeit und des Zusammenlebens von mehreren mit der Stadt historisch verwachsenen Bevölkerungen, meist in getrennten Stadtvierteln, aber im geschäftigen Leben durcheinandergewürfelt. Es kam das Ende dieser - wie auch immer einzuschätzenden - Symbiose am 6. und 7. September 1955. Diese Tage gehören zu den am meisten beschwiegenen der jüngeren türkischen Geschichte.

Daß Pamuk diese Vorgänge in seiner Autobiographie - zum Zeitpunkt der Ereignisse war er gerade einmal drei Jahre alt - schildert, ist bemerkenswert. Heimlich angestachelt von der türkischen Regierung, schreibt er, hätten entfesselte Massen an den zwei Tagen im September den Besitz von Griechen und anderen Minderheiten geplündert und zerstört. Der Mob habe sich über die griechischen Stadtviertel hergemacht, Läden geplündert, Häuser angesteckt, griechische und armenische Frauen vergewaltigt und Istanbul für zwei Tage für alle Nichtmuslime in eine Hölle verwandelt. Berichte über die Vorgänge erschienen in Westeuropa allenfalls unter "Vermischtes".

Die Folge war, daß die meisten Griechen und Angehörigen anderer Minderheiten Istanbul verließen, das seither eine einsprachige Stadt geworden ist. Von meinem Besuch 1976 ist mir der Eindruck der akustischen Verarmung geblieben, wie die Reduktion einer Melodie auf wenige Töne. Wenige Jahre später begann der nicht abreißende Zustrom der ländlichen Bevölkerung aus Anatolien, der die Einwohnerzahl allmählich auf mehr als zehn Millionen ansteigen ließ. Von da an konnte man nicht mehr von der kosmopolitischen Metropole sprechen, sosehr auch das städtische Leben seither durch seine Verdichtung und die Touristen belebt scheinen mochte.

Bei genauem Hinsehen war freilich schon vorher zu erkennen, daß der Begriff des Kosmopolitischen, auf diese Stadt angewandt, weitgehend einer Fiktion entsprach. Und ist es nicht überhaupt eher ein historischer Begriff, der eher für das achtzehnte oder neunzehnte Jahrhundert verwendbar ist, als man die abstrakte Idee der Menschheit der realen Menschheit vorzog? Istanbul, die Silhouette der Stadt, mit der Kuppel der Hagia Sophia und den Moscheen mit ihren Minaretten, ist ein bezwingendes Bild für das, was man sich unter der Koexistenz der Kulturen vorstellen möchte. Noch bis zum Anfang der sechziger Jahre ließen sich ähnliche ästhetische Symbiosen von Orient und Okzident in den alten Stadtvierteln, die sich in einer beispiellosen Kontinuität seit der türkischen Eroberung 1453 in der Topographie des alten Konstantinopel gehalten hatten, wahrnehmen, denen sich das Pera-Viertel als ein Paris im Miniaturformat unaggressiv zugesellte.

Aber dieses wohlkomponierte Bild leitete schon damals in die Irre. Denn die Koexistenz des Heterogenen beruhte auf einer Entmachtung der Symbole. Nicht nur die byzantinischen Kirchen waren, da die türkische Republik sie zu Museen erklärt hatte, ihres religiösen Kerns beraubt, auch die Moscheen schienen sich damals in der säkularen Gesellschaft auf dem Weg zu einer Musealisierung zu befinden. In der Sultan-Achmed-Moschee in Blickweite der Hagia Sophia herrschte zur Zeit des Freitagsgebets eine ebenso stille Beschaulichkeit wie in dem mächtigen Innenraum der Hagia Sophia, wo sich Touristen andächtig ihrem Kunsterlebnis überließen. Hier die wohlhabenden Touristen aus Europa und Amerika, und dort die kleine Schar von Betenden, Lastträger und Handwerker, arme Leute.

Am augenfälligsten war dabei der Unterschied von Arm und Reich. Religion, das berichtet auch Pamuk aus seiner Kindheit, war etwas für Dienstboten, für arme Leute. In seiner Familie war niemand fromm, schon seit Generationen hatte man sich an einem aufgeklärten Europa orientiert, alle Wege schienen dorthin zu führen. In seiner Familie, berichtet Pamuk, sei die Religion "auf eine Reihe seltsamer und manchmal sogar unterhaltsamer Regeln" reduziert gewesen, "an die sich in ihrer Not die unteren Klassen hielten, und in dieser Erscheinungsform fand die Religion im Alltag unserer Familie, die nach den Gesetzen einer undurchschaubaren Logik zwischen Ost und West harmonisch hin und her schwankte, leichter ihren angestammten Platz."

Die Unsichtbaren

Auch der Schriftsteller hielt sich an diese undurchschaubare Logik. Als er sich als Junge entschließt, das Fasten zu halten, tut er es aus ihm selbst nicht durchsichtigen Gründen. Er eignet sich ein religiöses Ritual als eine Privatangelegenheit an, über dessen Sinn er sich mit niemandem verständigt. Vielleicht gab er dem Druck von unten nach, der seit Anfang der sechziger Jahre immer stärker wurde und schließlich auch viele in der besseren Istanbuler Gesellschaft dazu brachte, sich mit der Religion zu befreunden.

Allmählich korrigierte sich jene aus dem Willen zu entschiedener Verwestlichung entsprungene Einstellung, die noch in den fünfziger Jahren ganz selbstverständlich gewesen war. Bedrückend ist noch heute die Erinnerung an einen Besuch bei unserem Nachbarn, einem Rechtsanwalt, der in Deutschland studiert hatte. Mit einer fast verzweifelten Geste der Verlegenheit lenkte er uns an seinem Vater vorbei, der regungslos neben der Tür zum Wohnzimmer hockte, ein Mekkapilger, ein Verrückter, wie sein Sohn sagte. Zahllose Gesten der Verachtung der Frömmigkeit einfacher Leute tauchen in der Erinnerung auf, die mit der Kluft zwischen Arm und Reich deckungsgleich waren: Der reiche Istanbuler sah die Armen gar nicht, er hätte keinem von ihnen bei einem Unfall geholfen - eine Beobachtung, die schon André Gide im Tagebuch seiner Türkeireise festgehalten hatte.

Wenn Pamuk mit viel Takt und Rücksichtnahme seine Beziehung zur Religion erläutert, entkoppelt er die Unterscheidung zwischen Fromm und Nichtfromm von der zwischen Arm und Reich. Das soziale Vorurteil hat für den Istanbuler, der in den siebziger Jahren ein Linker war, offenbar eine ganz andere Qualität als das religiöse. Und dies angesichts eines politischen Islams, für den die soziale Frage der wirksamste Hebel der religiösen Frage ist. Man kann, wenn man die Verhältnisse in den fünfziger Jahren ins Auge faßt, nur staunen, mit welcher Leichtfertigkeit die religiösen Energien sich selbst überlassen blieben, als wären sie schon ein für allemal gebannt. Erstaunlich ist auch, daß man den Weg nach Europa gehen wollte, ohne das explosive Gemisch von Armut und Frömmigkeit zu entschärfen.

HENNING RITTER

Orhan Pamuk: "Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt", deutsch von Gerhard Meier, Hanser-Verlag, 24,90 Euro. Kommt am 18. November in die Buchhandlungen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 28
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