Home
http://www.faz.net/-gr6-vee2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Die versteckte Kamera

Der niederländische Journalist Joris Luyendijk erschüttert das Bild von der Arbeit der Nahost-Korrespondenten

Womöglich war es nur ein unglaubliches Missverständnis, das Joris Luyendijk als Korrespondent der niederländischen Tageszeitung "De Volkskrant" 1998 nach Kairo brachte, zurück in jene Stadt, in der er schon als Student ein Jahr gelebt hatte. Sein Bewerbungsschreiben war ein Buch über den Alltag der jungen Menschen in dieser Stadt, über "Die Kinder der Midaq-Gasse", ein Bestseller in den Niederlanden, was vielleicht auch an dem vergleichsweise beunruhigenden Originaltitel lag, der wörtlich übersetzt lautet: "Ein guter Mann schlägt manchmal seine Frau". Luyendijk jedenfalls konnte nicht nur Geschichten erzählen, er konnte auch Arabisch sprechen, eine ganz nette Zusatzqualifikation für einen Nahost-Korrespondenten, die er den meisten Kollegen voraushatte; dass er keine Erfahrungen als Journalist vorweisen konnte, mögen seine damaligen Chefs sogar für ein produktives Defizit gehalten haben.

So saß er dann also wieder in Kairo, zwar nicht mehr dort, wo die Studenten wohnen, sondern im vornehmen Stadtteil Zamalek auf der Nilinsel Gezira, ein wenig weiter weg also von dem, was man gerne für die Wirklichkeit hält. Und während Luyendijk noch überlegte, wie er von seiner Luxuswohnung aus die Kontakte zu den ehemaligen Kommilitonen halten könnte, schon allein, um nicht immer auf Taxifahrer zurückgreifen zu müssen, wenn er nach dem nächsten Bombenangriff wieder nach der Stimmung in der Bevölkerung gefragt werden würde, oder auf den Zimmerservice, um sich die Themen herantragen zu lassen, für die sich der Durchschnittsägypter so interessiert, merkte er allmählich, wie überflüssig solche Bedenken waren: Die Kollegen in der Amsterdamer Redaktion wussten sowieso viel besser, welche Geschichten sie von ihrem Mitarbeiter "vor Ort" wollten: Meist waren es die, über die die Nachrichtenagenturen Zeilen wie "breaking news" geschrieben hatten. Und um der Zusammenfassung der Agenturberichte eine persönliche Note zu geben, reichte es aus, auf die üblichen Floskeln zurückzugreifen: die Wut wächst, die Hoffnung bleibt, ein Wendepunkt ist erreicht, die Zukunft ist ungewiss.

Es dauerte nicht lange, da ahnte Luyendijk, warum er den Posten so leicht bekommen hatte: Der Job, stellte er fest, ist gar nicht so schwer. "Ich hatte mir einen Korrespondenten immer als eine Art Echtzeit-Historiker vorgestellt", schreibt er. "Wenn irgendwo etwas Wichtiges geschah, zog er los, ging der Sache auf den Grund und berichtete darüber. Aber ich zog nicht los, um irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen. Das hatten andere längst erledigt. Ich zog nur los, um mich als Moderator an einen Originalschauplatz hinzustellen und die Informationen aufzusagen."

Fünf Jahre hielt es Luyendijk im Nahen Osten aus, zog von Kairo nach Beirut und weiter nach Ost-Jerusalem, arbeitete später auch fürs Fernsehen und wechselte zur Tageszeitung "NRC Handelsblad", lernte die Regeln und die Mechanismen des Jobs, doch weil auch das Hinstellen und Aufsagen sehr viel Aufwand und Arbeitseifer erforderte, hatte er kaum Zeit, sich über all die Dinge Gedanken zu machen, die ihm so komisch und traurig vorkamen am Arbeitsalltag eines Journalisten im Nahen Osten: die Bestechungsgelder, die er zu Hause abrechnete wie andere Kollegen Trinkgelder; die Unzulänglichkeit der Wörter, die so umkämpft waren wie die Landstriche, die sie bezeichneten, jene "umstrittenen" oder "besetzten" Gebiete, wo die "Terroristen" gegen die "Widerstandskämpfer" auf diskursiver Ebene so erbittert in die Schlacht zogen wie gegen die "israelischen Soldaten" oder "Besatzer" auf der anderen Seite der "Mauer" oder des "Sicherheitszauns"; die Liste der talking heads, die im Kollegenkreis herumgereicht wurden, Menschenrechtler und Wissenschaftler, die je nach Bedarf zitiert wurden, als könnte man die Diktatur, unter der diese Menschen leben, ganz einfach aus ihren Worten ausblenden wie ein leises Hintergrundrauschen; die "O-Töne" der sogenannten einfachen Leute, die er einholte, obwohl er wusste, dass viele Menschen selbst in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr über ihre Präsidenten schimpfen, sobald die Kinder in ein Alter kommen, in dem sie die Gespräche von zu Hause auf den Schulhof tragen; das Schweigen, die Lügen, die Propaganda und die hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Meinungen, die man davon oft kaum unterscheiden konnte.

Drei Jahre lang hat Luyendijk nach seiner Rückkehr gebraucht, um seine Erfahrungen über diese Zeit aufzuschreiben, und dass man dem Buch, das soeben unter dem Titel "Wie im richtigen Leben" auch auf Deutsch erschienen ist, diesen Aufwand nicht unbedingt ansieht, spricht gar nicht dagegen: Den meisten Teil der Zeit hat Luyendijk damit verbracht, Antworten auf Fragen zu finden, auf die es keine Antworten gibt. Dass er es trotzdem geschrieben hat, ist das Bemerkenswerte daran.

Was aber dem Buch an analytischer Kraft fehlt, wird durch die haarsträubenden Szenen wettgemacht, von denen es berichtet, wobei vor allem die Tatsache erschreckt, dass all diese vermeintlichen Begleitumstände nicht längst tausendfach beschrieben worden sind: die professionelle Pressearbeit des israelischen "Government Press Office" auf der einen Seite etwa und die nicht minder geübten Performances palästinensischer Augenzeugen auf der anderen, die ihre Trauer auf Nachfrage nachstellen. Schon klar: Die Steine, die den Polizisten am Kopf treffen, tun nicht weniger weh, nur weil sie für die Kameras geschmissen werden; und die Opfer der Bombenanschläge stehen auch in Jerusalem nach den Abendnachrichten nicht wieder von den Toten auf. Und trotzdem wäre, zumindest für die Kameraleute, der Schritt zurück einer in die richtige Richtung: dann könnten sie nämlich auch die zwanzig Kollegen zeigen, die die zehn Steinewerfer filmen, und den Falafelstand, an dem sich Schaulustige während der Demonstration stärken.

Die Stärke von Luyendijks Buch liegt dennoch nicht darin, auf all die alltäglichen Inszenierungen und Lügen aufmerksam zu machen, sondern auf die Abgebrühtheit, mit der die Medien damit umgehen; die Ignoranz, mit der sie die Behauptung aufrechterhalten, objektiv zu berichten, im Dienste einer Wahrheit, die irgendwo hinter all den Bildern noch immer zu vermuten wäre. Auf das gute Gewissen, mit dem die Macher der Nachrichten darauf verweisen, dass es ja auf den hinteren Seiten der Zeitung durchaus differenzierte Berichte gibt, in denen die Ursachen jener Bombenanschläge und Fanatikeraufmärsche erklärt werden, die unser Bild der arabischen Welt prägen. Das Dumme ist nur, dass derartige Hintergrundgeschichten die Basis sind, auf der die sogenannten Nachrichten überhaupt erst verstanden werden können, und keine Zusatzinformationen für Studenten der arabischen Geistesgeschichte.

Man möchte zwar schon, wenn sich Luyendijks Buch gelegentlich in einen Anfängerkurs in Medienkritik verwandelt, den Autor manchmal kollegial zur Seite nehmen: Joris, würde man gerne sagen, Junge, dafür hättest du nicht extra nach Arabien fahren müssen. Sogar in Demokratien lügen die Menschen. Man sitzt nur sehr schnell in der Falle, wenn man sich auf diese Position zurückzieht, denn Luyendijks Naivität ist ein Trick: Wer sich über sie lustig macht, macht sich auch schuldig. Wenn man seine Vorwürfe gähnend abwinkt, weil man sie schon so oft gehört hat, dann sollte man besser auch eine Antwort auf die Frage parat haben, warum man einfach weiterberichtet, obwohl man längst begriffen hat, dass man als Journalist im Kampf der Bilder längst die wirkungsvollste Waffe geworden ist. Er sei sich manchmal vorgekommen wie bei der "Versteckten Kamera", schreibt Luyendijk, und man muss das ganz wörtlich nehmen. Nur leider sind es die Zuschauer, vor der die Kamera versteckt wird, nicht die Gefilmten.

120 000 Exemplare hat Luyendijk von seinem Buch in Holland verkauft, obwohl kaum eine Rezension erschienen ist. Als sich die Chefredakteure der drei wichtigsten niederländischen Medien "De Volkskrant", "NRC Handelsblad" und "NOS Journaal" (dem öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender) dann im April endlich den Fragen stellten, die es aufgeworfen hatte, kamen 700 Zuhörer zur Diskussion in die Amsterdamer Konzerthalle Muziekgebouw aan 't IJ. Was sie dort erlebten, war eine bestürzende Mischung aus Schulterzucken, Beschwichtigung und Ratlosigkeit. Dass ihn der niederländische Journalistenverband kurz zuvor zum Journalisten des Jahres 2006 gekürt hatte, daran wollte Luyendijk an diesem Abend lieber nicht denken.

HARALD STAUN

Joris Luyendijk: "Wie im richtigen Leben". Tropen-Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite 33

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Niederländische Fußball-Legende Zeitung erklärt Johan Cruyff versehentlich für tot

In der „Volkskrant“-App taucht unter „Breaking News“ die Nachricht auf, dass die niederländische Fußball-Legende Johan Cruyff tot sei. Der Chefredakteur spricht von einem „dummen Fehler“. Mehr

19.08.2014, 14:02 Uhr | Sport
Nahost-Konflikt Raketenwerfer soll man nicht sehen

Der Hamas in Gaza wird vorgeworfen, unliebsame Berichterstattung zu unterbinden. Immer wieder würden Journalisten an der Ausführung ihrer Arbeit gehindert - wenn nötig mit Gewalt. Mehr

14.08.2014, 16:03 Uhr | Feuilleton
Libyen zerfällt Nervöse Nachbarn

Libyens Nachbarn werden zunehmend nervös. Denn Libyen zerfällt, und eine Kraft, den Zerfall aufzuhalten, ist nicht in Sicht. Mehr

25.08.2014, 17:03 Uhr | Politik