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: Die versteckte Kamera

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Womöglich war es nur ein unglaubliches Missverständnis, das Joris Luyendijk als Korrespondent der niederländischen Tageszeitung "De Volkskrant" 1998 nach Kairo brachte, zurück in jene Stadt, in der er schon als Student ein Jahr gelebt hatte. Sein Bewerbungsschreiben war ein Buch über den Alltag der ...

          Womöglich war es nur ein unglaubliches Missverständnis, das Joris Luyendijk als Korrespondent der niederländischen Tageszeitung "De Volkskrant" 1998 nach Kairo brachte, zurück in jene Stadt, in der er schon als Student ein Jahr gelebt hatte. Sein Bewerbungsschreiben war ein Buch über den Alltag der jungen Menschen in dieser Stadt, über "Die Kinder der Midaq-Gasse", ein Bestseller in den Niederlanden, was vielleicht auch an dem vergleichsweise beunruhigenden Originaltitel lag, der wörtlich übersetzt lautet: "Ein guter Mann schlägt manchmal seine Frau". Luyendijk jedenfalls konnte nicht nur Geschichten erzählen, er konnte auch Arabisch sprechen, eine ganz nette Zusatzqualifikation für einen Nahost-Korrespondenten, die er den meisten Kollegen voraushatte; dass er keine Erfahrungen als Journalist vorweisen konnte, mögen seine damaligen Chefs sogar für ein produktives Defizit gehalten haben.

          So saß er dann also wieder in Kairo, zwar nicht mehr dort, wo die Studenten wohnen, sondern im vornehmen Stadtteil Zamalek auf der Nilinsel Gezira, ein wenig weiter weg also von dem, was man gerne für die Wirklichkeit hält. Und während Luyendijk noch überlegte, wie er von seiner Luxuswohnung aus die Kontakte zu den ehemaligen Kommilitonen halten könnte, schon allein, um nicht immer auf Taxifahrer zurückgreifen zu müssen, wenn er nach dem nächsten Bombenangriff wieder nach der Stimmung in der Bevölkerung gefragt werden würde, oder auf den Zimmerservice, um sich die Themen herantragen zu lassen, für die sich der Durchschnittsägypter so interessiert, merkte er allmählich, wie überflüssig solche Bedenken waren: Die Kollegen in der Amsterdamer Redaktion wussten sowieso viel besser, welche Geschichten sie von ihrem Mitarbeiter "vor Ort" wollten: Meist waren es die, über die die Nachrichtenagenturen Zeilen wie "breaking news" geschrieben hatten. Und um der Zusammenfassung der Agenturberichte eine persönliche Note zu geben, reichte es aus, auf die üblichen Floskeln zurückzugreifen: die Wut wächst, die Hoffnung bleibt, ein Wendepunkt ist erreicht, die Zukunft ist ungewiss.

          Es dauerte nicht lange, da ahnte Luyendijk, warum er den Posten so leicht bekommen hatte: Der Job, stellte er fest, ist gar nicht so schwer. "Ich hatte mir einen Korrespondenten immer als eine Art Echtzeit-Historiker vorgestellt", schreibt er. "Wenn irgendwo etwas Wichtiges geschah, zog er los, ging der Sache auf den Grund und berichtete darüber. Aber ich zog nicht los, um irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen. Das hatten andere längst erledigt. Ich zog nur los, um mich als Moderator an einen Originalschauplatz hinzustellen und die Informationen aufzusagen."

          Fünf Jahre hielt es Luyendijk im Nahen Osten aus, zog von Kairo nach Beirut und weiter nach Ost-Jerusalem, arbeitete später auch fürs Fernsehen und wechselte zur Tageszeitung "NRC Handelsblad", lernte die Regeln und die Mechanismen des Jobs, doch weil auch das Hinstellen und Aufsagen sehr viel Aufwand und Arbeitseifer erforderte, hatte er kaum Zeit, sich über all die Dinge Gedanken zu machen, die ihm so komisch und traurig vorkamen am Arbeitsalltag eines Journalisten im Nahen Osten: die Bestechungsgelder, die er zu Hause abrechnete wie andere Kollegen Trinkgelder; die Unzulänglichkeit der Wörter, die so umkämpft waren wie die Landstriche, die sie bezeichneten, jene "umstrittenen" oder "besetzten" Gebiete, wo die "Terroristen" gegen die "Widerstandskämpfer" auf diskursiver Ebene so erbittert in die Schlacht zogen wie gegen die "israelischen Soldaten" oder "Besatzer" auf der anderen Seite der "Mauer" oder des "Sicherheitszauns"; die Liste der talking heads, die im Kollegenkreis herumgereicht wurden, Menschenrechtler und Wissenschaftler, die je nach Bedarf zitiert wurden, als könnte man die Diktatur, unter der diese Menschen leben, ganz einfach aus ihren Worten ausblenden wie ein leises Hintergrundrauschen; die "O-Töne" der sogenannten einfachen Leute, die er einholte, obwohl er wusste, dass viele Menschen selbst in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr über ihre Präsidenten schimpfen, sobald die Kinder in ein Alter kommen, in dem sie die Gespräche von zu Hause auf den Schulhof tragen; das Schweigen, die Lügen, die Propaganda und die hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Meinungen, die man davon oft kaum unterscheiden konnte.

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