Wahrscheinlich trafen die Kugeln die stille Schönheit nur versehentlich. Die tiefen trichterförmigen Löcher in Bauch und Schulter hat sie sich irgendwann in dem Bürgerkrieg zugezogen, der jahrzehntelang in Kambodscha wütete. Solche Wunden sind vergleichsweise leicht zu heilen. Gefährlicher für die himmlischen Töchter an den Mauern der alten Tempel waren jedoch Männer, die nicht mit Gewehren kamen, sondern mit Äxten - um ihnen im Auftrag ausländischer Sammler die steinernen Köpfe abzuschlagen.
Diese Bedrohung der Zierden des Angkor Wat haben die kambodschanischen Behörden heute weitgehend im Griff. Weit schlimmer trifft viele der fast zweitausend anmutigen "Apsaras", die seit dem 12. Jahrhundert aus den Wänden der größten Tempelanlage der Welt hervorlächeln, ein ganz irdisches Problem: das Altern.
Hans Leisen wollte sie nicht tatenlos in Schönheit sterben lassen. 1995, bei seiner ersten Reise zum Angkor Wat, erkannte der Steinrestaurator der Fachhochschule Köln den dramatischen Zustand der Sandsteinfiguren und der rund sechshundert Meter langen Flachreliefs, welche die Wände des Tempels schmücken. Umgehend begann er mit ersten Untersuchungen zur Schwere der Schäden und Maßnahmen zur Notsicherung. Zwar beteiligen sich viele Nationen an der statischen Sicherung der Ruinen von Angkor, dem ehemaligen Machtzentrum des zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert blühenden Khmer-Reiches (siehe "Die hydraulische Megalopolis"). Doch dem Schutz der Kostbarkeiten auf der Steinoberfläche widmet sich nur Leisens Projekt. Er bewahrt gewissermaßen das Gesicht Angkors.
In diesem Jahr feiert sein vom Auswärtigen Amt gefördertes "German Apsara Conservation Project" (GAPC) zehnjähriges Jubiläum. Gerade präsentierte sich das Projekt parallel zur Ausstellung "Angkor - Göttliches Erbe Kambodschas", die nach Stationen in Bonn und Berlin von heute an im Museum Rietberg in Zürich zu sehen ist. Das Nationalmuseum in Pnomh Penh und das Musée Guimet Paris verliehen dafür die elegantesten ihrer hinduistischen und buddhistischen Steinplastiken, Bronzefiguren und Holzskulpturen. Alle stabil und reisetauglich, ganz im Gegensatz zu Leisens Sorgenkindern.
"Manche unserer Patientinnen sind todkrank", sagt er, "wo sie extrem geschädigt sind, können wir zwar stabilisierend eingreifen. Aber dahinter gehen die Verwitterungsprozesse unaufhaltsam weiter." Manchmal sind die Schäden offensichtlich, dann durchziehen tiefe Risse die feinen Züge der Apsaras, dann ist die Hand abgebrochen, die einst einen Lotossamen hielt, dann bröckelt das schlanke, zum Tanz erhobene Bein. Aber selbst die noch scheinbar vollkommen intakten Himmelsnymphen können krank sein und unter dem unter Restauratoren so gefürchteten Schalensyndrom leiden. "Der im Angkor Wat verarbeitete Sandstein enthält Tonminerale als Bindemittel der Sandkörner. Eindringendes Wasser lässt ihn daher quellen, trocknet er, schrumpft der Stein wieder", erklärt Leisen.
Die Apsaras des im 10. Jahrhundert erbauten kleinen Banteay Srei Tempels, zwanzig Kilometer vom Angkor Wat entfernt, sind dagegen perfekt erhalten. Das Baumaterial stammt zwar auch aus den Steinbrüchen in den Kulen-Bergen, doch aus einer anderen Schicht. "Das sind feldspatführende Grauwacken", erklärt Leisen. Dieser Sandstein wird nicht von quellfähigem Ton zusammengehalten, sondern von Quarz. Er ist für Bildhauer ungleich schwieriger zu bearbeiten, dafür erfreuen sich die daraus gefertigten Apsaras aber einer beneidenswerten Festigkeit. Kurz nach der Entdeckung des Tempels in den zwanziger Jahren zeigte sich der Schriftsteller André Malraux, der spätere Kulturminister de Gaulles, so verzückt von den Apsaras aus Banteay Srei, dass er vier losmeißeln ließ, um sie illegal nach Frankreich zu entführen - doch er wurde noch vor der Grenze gefasst.
Hätte Malraux versucht, Statuen aus dem Angkor Wat zu stehlen, wäre er vielleicht schon an der Kooperation der Damen gescheitert. Klopfen hätte bei der Auswahl geholfen: Sieht die Dame kerngesund aus, klingt aber hohl, dann leidet sie unter Schalenbildung. Das Kräftespiel von Quellen und Schrumpfen löst bei dem tonigen Sandstein mit der Zeit eine drei Zentimeter dicke Schicht unmerklich vom Rest des Steins. Eben noch perfekte Apsaras können so plötzlich zu Boden stürzen. Da helfen nur gezielte Injektionen einer speziellen Kieselsäureverbindung. Ein kleines Wundermittel, mit dem der Steinarzt die Hohlräume in etwa so natürlich füllen kann wie beim Menschen ein Lifting mit Eigenfettspritze. Auch als kosmetische Packung lässt sich die Tinktur aufschlämmen. Der Kieselsäureester bildet in den Steinporen ein Gel, das kleine Risse auch von außen kittet.
Zwar sind die Erfahrungen, die man mit dieser Methode seit 20 Jahren an deutschen Kirchen gesammelt hat, durchaus vielversprechend. Klar ist aber auch: Dahinter altert der Stein weiter. Prävention ist kaum möglich, denn die klimatisch bedingten Verfallsprozesse haben an dem Tag begonnen, als die Blöcke aus den Kulen-Bergen geschlagen wurden. Man kann weder den Monsun abstellen noch den ganzen Komplex unter eine Glasglocke stellen. "Die eine Rettungsmaßnahme für die Ewigkeit gibt es nicht", sagt Hans Leisen. "Wir betreiben Denkmalpflege, und das bedeutet, dass wir immer wieder nach unseren Objekten schauen müssen." Es bedeutet aber auch, sich damit abzufinden, dass sie irgendwann verschwinden werden.
Zumal die Feuchtigkeit nicht das einzige Problem ist. Auch über 850 Jahre von Fledermäusen bekotet zu werden ist nicht nur ein kosmetisches Malheur. Denn der flüssige Kot dringt ins Steininnere ein, kristallisiert dort salzig aus und sprengt irgendwann die Figuren. "Da greifen sehr viele komplexe Phänomene ineinander und jedes Objekt hat seine eigenen spezifischen Probleme", sagt Leisen.
Anders hätte man es von Individualistinnen auch nicht erwartet, schließlich trägt auch keine der über 1850 Apsaras die gleichen Gürtel, Ketten oder Diademe. Auch die Haare sind bei jeder individuell frisiert, selbst die zarten Muster auf den manchmal fast transparent wirkenden Sandsteinsarongs um ihre Hüften variieren beträchtlich. Allen gemein ist außer dem bezaubernden Lächeln sonst nur das aus Indien importierte ästhetische Ideal der übertrieben schmalen Taille und des nackten Oberkörpers mit hochsitzenden runden Brüsten.
Doch anders als an altindischen Tempeln fehlt diesen göttlichen Wesen der Ausdruck satter Erotik. Sie vermitteln vielmehr ein Gefühl von frischer Jugendlichkeit. So als seien sie bereit, jederzeit loszutanzen, um Götter und Könige, notfalls auch buddhistische Mönche zu unterhalten. Denn nach der von König Jayavarman VII. initiierten religiösen Revolution Ende des 13. Jahrhunderts wurde das zunächst dem Hindu-Gott Vishnu gewidmete Heiligtum "Brah Bishnulok" in den buddhistischen Angkor Wat, die "königliche Stadt, die ein Kloster ist", umfunktioniert. Zumindest für die Potentaten tanzten neben den steinernen auch menschliche Apsaras, die jeder Khmer-König an seinem Hof ausbilden ließ. Grundlage dieser bis heute lebendigen Ballettform sind Gesten und Schritte des klassisch indischen Tanzes, die Musik könnte schon immer kambodschanisch gewesen sein. Denn von den Gandharvas, den himmlischen Musikern, mit denen sich indische Apsaras an Tempelwänden zeigen, fehlt hier jede Spur.
Sehr unerfreuliche Spuren haben dagegen Retter aus dem Mutterland des Hinduismus und Buddhismus hinterlassen. Restauratoren des Archaeological Survey of India hatten sich in den achtziger Jahren bereits einmal der Skulpturen angenommen. Immerhin stellen die Reliefs Szenen aus den großen indischen Epen Ramayana und Mahabharata dar - auch die Apsaras stammen aus Indien. Geboren wurden sie, als Götter und Dämonen mit einem Berg als Quirl und einer Riesenschlange als Seil das Milchmeer zu Butter schlugen, um den Nektar der Unsterblichkeit zu erlangen. Auf 49 Metern Länge ist diese Tat auch in der östlichen Galerie Angkor Wats zu bestaunen.
Leider waren die Methoden der indischen Steinkonservatoren nicht so feinfühlig, wie es sich geziemt hätte: Mit Drahtbürsten reinigten sie die brüchigen Oberflächen, trugen großzügig Pilz- und Pflanzengifte auf, zementierten alle sichtbaren Fugen zwischen den Quadern zu und versiegelten große Teile der Oberfläche wasserdicht mit Acrylharz. Mit schlimmen Folgen. Eine Sorte von Mikroorganismen hat das indische Biozid zwar erfolgreich beseitigt, dafür wuchern andere Algen und Flechten nun umso mehr und legen sich als kaum entfernbarer schwarzer Biofilm auf die Steinoberfläche. Auch ist Acrylharz zwar eine schöne Sache als Lack auf Damenfingernägeln, aber eben nicht auf Sandstein. Wasser, das eben doch immer irgendwo einsickert und sich langsam ansammelt, kann nun nicht mehr verdunsten. Alles zusätzliche Probleme für die Mitarbeiter des GACP: "Allein um das Acrylharz wieder aus dem Stein zu lösen, werden vier Mitarbeiter zweieinhalb Jahre brauchen. Alle Oberflächen müssen zentimeterweise mit in Aceton getränkten Zellulosekompressen gesäubert werden", sagt Leisen.
Über Arbeitsmangel können sich die von Leisen ausgebildeten 20 kambodschanischen Restauratoren sowieso kaum beklagen. Ständig erweitern sie ihren Aktionsradius, retten an anderen Tempeln jetzt auch Reste von Putz, Stuck und den seltenen Wandmalereien. Beeindruckt von der Qualität ihrer Rettungsmaßnahmen, fordern auch die Projektleiter benachbarter Ruinen in der ehemaligen Großstadt Angkor diese ersten einheimischen Denkmalpfleger als schnelle Restaurierungsfeuerwehr an. Etwa, wenn bei einem Autounfall ein steinerner Gigant stürzt und aus einem Graben gerettet und wieder sicher plaziert werden muss. Auch Angkor-relevante Diplomarbeiten wird der Professor des Kölner Instituts für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft noch reichlich an seine Studenten vergeben können. Immer vorausgesetzt, die Finanzierung bleibt auch weiterhin gesichert.
Und vielleicht geht ja auch irgendwann Leisens Wunsch in Erfüllung, dass das einheimische Restauratorenteam des GACP eine offizielle Abteilung der kambodschanischen "Behörde zum Schutz und zur Verwaltung Angkors und der Region Siam Reap" wird. Die nennt sich abgekürzt APSARA. Und das sollte doch ein gutes Omen sein.
Literatur: Angkor, Göttliches Erbe Kambodschas. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, 2006