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Veröffentlicht: 04.08.2006, 12:00 Uhr

Die spinnen, die Kulturtechniker von heute

O, wie schön ist Panama: Sebastian Gießmann beobachtet den Aufstieg des vernetzten Denkens

Netzwerke, fein gesponnen als Kulturtechnik für Leute von heute, haben Konjunktur. Sozialsystem, Straßenlauf, Nervenleitungen - was läßt sich eigentlich nicht als Netz aus Verbindungen und Knoten bezeichnen? Daß die Sozialutopie der Vernetzung von Raum und Zeit sich nicht selbst verwirklicht, sondern zu einer veritablen Kanalisierung des Denkens geführt hat, ist die Pointe einer kleinen Studie von Sebastian Gießmann über den Aufstieg des Netzwerk-Denkens.

Trotz seines häufigen Gebrauchs ist das Begriffsfeld "Netz" assoziativ und vieldeutig geblieben. Gießmann zeigt, daß die Naturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts die Abstammung der Arten schon netzförmig darstellte, um Diskontinuitäten und Ähnlichkeiten abbilden zu können. Doch konnte sich der Netzbegriff erst in den 1830er Jahren mit Hilfe der optischen Telegraphie durchsetzen, wobei er außer für die Mitteilung von Lottozahlen nur geringe ökonomische Bedeutung gewann und nationale Grenzen kaum überschritt. Die Faszinationskraft des optischen Telegraphen hat seinen Nutzen offensichtlich überstrahlt, denn es ist, wie Gießmann feststellt, über ihn schon damals mehr geschrieben worden, als er selbst übermittelt hat.

Der egalisierende Effekt des Vernetzens verschmälert sich zusätzlich mit der Erkenntnis, daß sein epochaler Erfolg - wie häufig bei Phänomenen der Globalisierung - aus dem Geist von Nationalismus und Militär stammt. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts erschloß der Graf von Saint-Simon das Netz als Organisationsform, um Geld- und Blutkreisläufe zu einem technologischen Gemeinschaftskörper zu verschalten. Der Frühsozialist, der nach der Französischen Revolution mit enteigneten Kirchengütern spekuliert hat, verlegte im Gehirn ein Röhrensystem: Ganz im Sinne der politischen Agitation sollte sich der Organisationsgrad eines Lebewesens an seiner Kanalisierung bemessen. Je mehr Ströme den Kollektivkörper durchzögen, desto fortschrittlicher wäre die Menschheit.

Geleitet wurde seitdem gerne: Verkehrsverbindungen galten als Venen und Arterien der Nation, städtische Kanalisationstechniken sorgten mittels Druckausgleich und Verteilungsröhren für den richtigen Austausch und spülten die Netzmetapher schließlich bis ins Hirn. Solche weniger magischen Kanäle folgten freilich nicht der Logik einer offenen Netzwerkgesellschaft, sondern der hierarchischen Infrastruktur des Transportwesens. Tatsächlich hatte bereits Saint-Simon in Mexiko, Holland und Spanien Vorstöße für die Verlinkung von Ozeanen durch den Bau gewaltiger Schiffskanäle unternommen, die im Zeitalter der imperialen Vernetzung in Teilen realisiert wurden. Oh, wie schön ist Panama! Doch öffnet Gießmann, selbst dem Netzwerkdenken verpflichtet, für Utopisten ein eigenes Überlaufbecken. In einer Fußnote erwähnt er, daß der Kanalbauer Saint-Simon Empfindsamkeit und Gefühl ebenfalls als Kennzeichen des Lebendigen anerkannte.

CHRISTIAN HOLTORFF

Sebastian Gießmann: "Netze und Netzwerke". Archäologie einer Kulturtechnik, 1740 bis 1840. Transcript Verlag, Bielefeld 2006. 114 S., br., 13,80 [Euro].

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