24.06.2005 · Ob Politiker, Wirtschaftskapitäne oder Sportler: Alle fürchten sich vor Skandalen. Ein Fußballverein aus dem Ruhrgebiet hat mit Hilfe seiner Basis aus dieser Not eine Tugend gemacht. Als deutscher Rekordmeister der Skandale geht der FC Schalke 04 seine oft turbulente Geschichte offensiv an. Davon ...
Ob Politiker, Wirtschaftskapitäne oder Sportler: Alle fürchten sich vor Skandalen. Ein Fußballverein aus dem Ruhrgebiet hat mit Hilfe seiner Basis aus dieser Not eine Tugend gemacht. Als deutscher Rekordmeister der Skandale geht der FC Schalke 04 seine oft turbulente Geschichte offensiv an. Davon kündet die jüngste Publikation aus einer Reihe von Büchern, die rund um das hundertjährige Bestehen veröffentlicht wurden, das der Klub im vergangenen Jahr gefeiert hat. "Die Spitze des Eichbergs": Unter diesem Titel haben die Autoren Dirk Rademacher und Roman Kolbe im Namen der Fan-Initiative ein Buch vorgelegt, das von den "schönsten Skandalen des FC Schalke 04" handelt.
Mit einem kurzweiligen Blick in die Geschichte ist es ihnen gelungen, die großen und kleinen Affären um diesen berühmten Klub in den Dienst einer Offensive des Charmes zu stellen. "Unser Verein ist die Perle im Skandal-Sandkasten, der Spitzenreiter in der Gerüchteküche, die Ulknudel der Liga", heißt es im Vorwort. Ein Kassenwart, der im Kanal den Freitod wählt; der Bundesligaskandal von 1971 und der anschließende Meineidsprozeß; ein Präsident für drei Tage; ein sogenannter Sonnenkönig, der eine eigene Spiegel-Affäre hatte; die zweimalige Beerdigung eines Fußballidols und immer wieder Jahreshauptversammlungen, bei denen die Mitglieder kurz davor waren, beobachtet von Radio und Fernsehen über Tisch und Bänke zu springen: Das ist der Stoff, aus dem die wahren Legenden rund um den Klub der Königsblauen sind. "Hat es uns geschadet?" fragen die Autoren. Die Antwort geben sie sogleich selbst. "Nein, hat es nicht." Im Gegenteil, die große Gemeinde des zuweilen in die Nähe einer Weltanschauung gerückten FC Schalke sei "enger zusammengerückt". Am Ende bemühen die Autoren das Lebensgefühl einer ganzen Region, um Schalke als sympathischen Skandalverein außer Diensten darzustellen. "Und lachen kann man im Ruhrgebiet, auf Schalke sowieso, auch nicht erst seit gestern, am besten über sich selbst." Oder über den selbstherrlichen wie verschwenderischen Präsidenten Günter Eichberg, der in Wort und Bild als Namensgeber für dieses Kompendium der Skandale dient.
Aus der Skandalnudel der Liga ist ein Unternehmen mit rund hundert Millionen Euro Umsatz geworden, ein Champions-League-Teilnehmer, der in deutschen Landen Bayern München herauszufordern beabsichtigt. Wie es scheint, ein günstiger Zeitpunkt, die Vergangenheit zu bewältigen. Auf 240 Seiten soll die Skandalgeschichte der Königsblauen abschließend behandelt werden. Bei aller Selbstironie gilt: Fortsetzung unerwünscht.
Während die Autoren von der "Spitze des Eichbergs" mit einem Augenzwinkern auf die Grotesken der Vereinshistorie blicken, beleuchtet ein anderes königsblaues Geschichtsbuch den historischen Ernstfall: Schalke im Dritten Reich. Schon der Titel suggeriert eine gewisse Entwarnung: "Zwischen Blau und Weiß liegt Grau." Nicht Braun. Sechs deutsche Meisterschaften des Revierklubs fallen in die Zeit der Nazi-Diktatur, doch die Autoren Stefan Goch und Norbert Silberbach, die das Thema mit wissenschaftlichem Anspruch beleuchten, haben keine Anhaltspunkte für Siege auf Befehl des Führers gefunden. Wie der Titel vermuten läßt, kommen sie zu dem Ergebnis, daß sich "auf" Schalke während des Hitler-Regimes die Gesellschaft gespiegelt habe. Es mag Mitläufer, auch Sympathisanten gegeben haben wie anderswo auch, das ist die Hauptbotschaft. "Eine aktive Rolle haben weder der Verein noch seine Vertreter während der NS-Zeit eingenommen. Aber es gab sicher persönliche Vorteilsnahme einzelner wie Fritz Szepan", schreibt der aktuelle Vorstand als Auftraggeber der Untersuchung im Vorwort.
Den Anstoß zu dieser Studie hatte das Vorhaben geliefert, eine Straße auf dem Vereinsgelände nach Szepan, einem der berühmtesten Schalker Spieler, zu benennen. Als sich herausstellte, daß Szepan im Zuge der "Arisierung" von der Enteignung eines jüdischen Geschäfts profitierte, zog der Klub den Namensvorschlag zurück. Nach dem aktuellen Stand der Forschung ist Szepan nicht die Spitze eines Eisbergs gewesen. So zumindest vermittelt es dieses "offizielle Buch des FC Schalke 04". Wie der Verein reagiert hätte, wenn etwas substantiell Neues zutage getreten wäre, bleibt königsgraue Theorie.
RICHARD LEIPOLD
Besprochene Bücher: Schalker Fan-Initiative (Hg.): Die Spitze des Eichbergs, Klartext Verlag 2005, 240 Seiten, 14,90 Euro. Stefan Goch/Norbert Silberbach: Zwischen Blau und Weiß liegt Grau, Klartext Verlag 2005, 360 Seiten, 17,90 Euro.