Home
http://www.faz.net/-gr6-sk6w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Lasten im Lebensbund

 ·  Eine empirische Untersuchung zeigt, wie weit es mit der Gleichheit von Mann und Frau in der Ehe gekommen ist. Warum rührt der Mann daheim keinen Finger? Warum kocht er nicht, warum wäscht er keine Wäsche, warum kehrt er den Dreck auf dem Boden nicht zusammen? Die Frau geht arbeiten, und klüger ist sie auch noch.

Artikel Lesermeinungen (0)

Eine empirische Untersuchung zeigt, wie weit es mit der Gleichheit von Mann und Frau in der Ehe gekommen ist. Warum rührt der Mann daheim keinen Finger? Warum kocht er nicht, warum wäscht er keine Wäsche, warum kehrt er den Dreck auf dem Boden nicht zusammen? Die Frau geht arbeiten, und klüger ist sie auch noch. Liebling, sagt der Mann und streckt sich, ich kümmere mich ums Auto. Die Frau denkt an die Anfangszeiten, als der Mann von sich aus das Essen auftrug.

Über das eheliche Verhalten liegen Theorien vor, zum Beispiel die Theorie, daß Eheleute wie zwei Partner sind, die ihren Nutzen, den die Beziehung für sie hat, kooperativ abzuwägen in der Lage sein könnten. Da bestände Hoffnung, aus den traditionalen Vorgaben herauszukommen.

Solche Theorien sind nun empirisch überprüft worden. Die beiden Autoren greifen dafür auf die Daten des Bamberger Ehepaar Panels (BEP) zurück. Dabei handelt es sich um eine soziologische Längsschnittstudie zur Familien- und Beziehungsentwicklung. Der Zeitraum, in dem die Daten erhoben worden sind, reicht von 1988 bis 2002. Am Anfang der Studie wurden etwas mehr als 1500 kinderlose Ehepaare befragt, und zwar kurz nachdem sie geheiratet hatten. Die Autoren wollten zum Beispiel herausfinden, ob und weshalb Frauen und Männer die Erwerbsarbeit und die Hausarbeit teilen oder: ob und weshalb sich diese Teilung im Laufe der Ehe verändert. Dabei spielen Faktoren wie das Bildungsniveau und die Höhe des Einkommens der Partner eine Rolle, und auch die Frage tauchte auf, ob sich die Beziehung des Ehepaares denn vielleicht mit dem ersten Kind verändert. Zu den klassischen "weiblichen" Tätigkeiten im Haushalt wurden Kochen, Abspülen und Abtrocknen, die Wohnung sauber machen und aufräumen sowie Wäsche und Kleidung reinigen und in Ordnung halten gezählt.

Noch im Jahr der Eheschließung war etwas weniger als die Hälfte der Ehepartner "partnerschaftlich" organisiert, und zwar unabhängig von ihrer Bildung. Die Männer geben sich am Anfang konziliant und für die Hausarbeit aufgeschlossen. Nahezu ausgeschlossen aber war schon von Anfang an, daß der Mann sich mehr als die Frau an den "weiblichen" Arbeiten daheim beteiligt oder sogar diese Arbeiten ganz übernimmt - das galt auch dann, wenn die Frau über die größeren Bildungsressourcen verfügte. Der Kerl möchte unter keinen Umständen zum Weibe werden.

Wissen hilft immer weiter: Ein hohes Bildungsniveau der Partner führt dazu, daß nicht zwischen traditionalem (das macht der Mann, das macht die Frau) und nichttraditionalem (der Mann macht, was die Frau traditionell machen sollte, und umgekehrt) Paarverhältnis unterschieden wird, sondern egalisierte Rollenvorstellungen (Mann und Frau teilen sich die Arbeiten) bevorzugt werden. Das Ergebnis der Empirie aber ist: Insgesamt regieren immer noch die Geschlechterrollen die Beziehungen.

Diese Geschlechterrollen lassen sich durchbrechen, wenn die Frau stärker als der Mann am Erwerb beteiligt ist, über ein höheres Einkommen verfügt und im Hinblick auf das Bildungsniveau nach unten geheiratet hat. Doch heiraten Frauen nicht gerne nach unten. Die Frau muß schon gleich am Anfang kämpfen und schuften: Ein partnerschaftliches Modell kann sie verstärkt nur durchsetzen, wenn ihre Einkommens- und Erwerbsressourcen signifikant größer sind als die des Mannes. Die Frauen müssen das partnerschaftliche Modell gegen die normativen Widerstände traditioneller Rollenerwartungen durchsetzen. Frauen müssen mehr leisten, weil die Ressourcen von Mann und Frau kulturell unterschiedlich bewertet werden.

Die beiden Autoren haben auch herausgefunden, daß die Bereitschaft der Männer, sich an der Haushaltsarbeit zu beteiligen, im Laufe der Ehe - sinkt. Weder Bildung noch Erwerbstätigkeit, noch Einkommen haben eine nennenswerte Wirkung auf die Beteiligug der Männer an der Hausarbeit. Auch wenn die Frau mehr arbeitet und mehr verdient, tut der Mann im Haushalt nichts: Er möchte offenbar nicht noch mehr männlichen Boden unter den schwachen Füßen verlieren, indem er "weibliche" Tätigkeiten ausübt. Die Geburt des ersten Kindes macht die Männer auch nicht besser, im Gegenteil, ihre Bereitschaft zur Hausarbeit wird dadurch noch drastisch gesenkt.

Die Reaktionen der Männer und Frauen werden nicht durch die Ressourcen gesteuert, sondern sind, das sind die Befunde der Autoren, eindeutig geschlechtsrollenspezifisch bedingt. Die Chance der Frau, ihren Mann zur Hausarbeit heranzuholen, steigt, wenn das erste Kind spät geboren wird: Die Ehepaare haben dann Zeit gehabt, sich in partnerschaftliche Beziehungen einzuüben. Mehr Kinder machen das Dilemma mit den Männern daheim aber auch nicht besser.

Also: Die Arbeitsteilung in der Familie nach der Geburt des ersten Kindes hängt weder an den Ressourcen noch am Alter der Kinder oder an der Frage nach der Erwerbstätigkeit der Frau. Die Frauen bleiben schlicht und einfach auf ihrer Hausarbeit sitzen, weil die Rollenvorstellungen nicht zu stoppen sind. Nach vierzehn Ehejahren waren von den untersuchten Paaren rund 85 Prozent traditional organisiert, nur 14 Prozent partnerschaftlich und 1 Prozent nichttraditional. Die Macht der Gewohnheit hat wieder zugeschlagen.

Die einzige Hoffnung, die die Autoren sehen, ist die Bildung der Ehegatten und inbesondere die Bildung der Frauen. Denn die Bildung hat einen Einfluß auf die Wahrscheinlichkeit einer egalitären Rollenverteilung.

Florian Schulz und Hans-Peter Blossfeld: "Wie verändert sich die häusliche Arbeitsteilung im Eheverlauf? Eine Längsschnittstudie der ersten 14 Ehejahre in Westdeutschland". Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 58, Heft 1, 2006.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.04.2006, Nr. 13 / Seite 74
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
„Tussikratie“ Big Sister weiß, was gut für dich ist

Ein sehr gutes Buch - mit einem sehr bescheuerten Titel: Der Essay „Tussikratie“ zeigt, wie wenig damit gewonnen ist, wenn die Frauen für alles, was nicht klappt, nur die Männer verantwortlich machen. Das Problem liegt ganz woanders. Mehr

21.04.2014, 08:25 Uhr | Feuilleton
Medizinstudium Iran will weniger Frauen studieren lassen

Iran will weniger Frauen für das Medizinstudium zulassen. Fast 70 Prozent der Medizinstudenten dort sind weiblich, wodurch ein Ärztemangel in Regionen entstehen könnte, in denen Frauen nicht arbeiten. Mehr

08.04.2014, 20:53 Uhr | Politik
Wirtschaftsforschung Bildung besteht nicht nur aus Geld

Ökonomische Logik ist nicht alles. Doch sie führt auch in der Bildung zu vernünftigen Gedanken. Es zeigt sich: Nur mehr Geld ausgeben nutzt nichts. Mehr

13.04.2014, 10:10 Uhr | Wirtschaft

02.04.2006, 12:00 Uhr

Weitersagen