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: Die Klingeltöne der Medientheorie

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Der Philosoph Jacob Taubes hat einmal zu Beginn seines Nietzsche-Seminars diesen Witz erzählt: Während der russischen Revolution soll es ein besonders fanatisches Bataillon der Roten Armee gegeben haben. Seine Mitglieder: alles davongelaufene Schüler eines Moskauer Rabbiners. Wird der Rabbi gefragt: "Wie kann das sein? Du unterrichtest sie jahrelang im Talmud, und jetzt das.

          Der Philosoph Jacob Taubes hat einmal zu Beginn seines Nietzsche-Seminars diesen Witz erzählt: Während der russischen Revolution soll es ein besonders fanatisches Bataillon der Roten Armee gegeben haben. Seine Mitglieder: alles davongelaufene Schüler eines Moskauer Rabbiners. Wird der Rabbi gefragt: "Wie kann das sein? Du unterrichtest sie jahrelang im Talmud, und jetzt das. Bewirkt die wahre Lehre denn gar nichts?"- "Es ist furchtbar", hebt er die Hände zum Himmel, "aber eins weiß ich doch: Spaß haben die keinen dabei." So stellte sich Taubes auch die Wirkungen seines Kurses vor. Die Studenten mochten seinetwegen Nietzsche gut finden, aber nach dem Seminar sollte ihnen wenigstens der Spaß am Neuheidentum genommen sein.

          Dass diese Hoffnung realistisch war, darf angesichts des vorliegenden Bandes bezweifelt werden. Er stammt vom damaligen Assistenten des jüdischen Hermeneutikers. Norbert Bolz möchte mit seiner Fibel ("Das Abc der Medien". Wilhelm Fink Verlag, München 2007. 163 S., br., 12,90 [Euro]) Studenten die Grundbegriffe einer von Massenmedien geprägten Welt beibringen. Tatsächlich aber übt er sie freudig in ein Schicksal ein, gegen das der antike Fatalismus ein blasses Abziehbild ist: "Unser Vertrauen in die Massenmedien ist alternativelos"; "In der modernen Welt fehlt einfach die Zeit, den Bericht über die Wirklichkeit mit dieser selbst - was immer das sein mag - zu vergleichen"; "Was allein noch zählt, ist die Zeit, die immer knapp ist"; "Es gibt keine Fronten mehr, die Kritik scheint am Ende"; "Gefühle haben ihre wahre Intensität nicht im Leben, sondern in den Medien"; "In der Mediendemokratie werden die Menschen durch eine Sprache versklavt, die als die unwiderrufliche der Mehrheit auftritt".

          In diesem Stakkatostil des Behauptens unentrinnbarer, aber am Ende männlich bejahter Faktizität ist das ganze Buch geschrieben. Bolz berührt verschiedene Aspekte der Massenmedien - Manipulation, Moralisieren, Skandalpräferenz, Unterhaltung -, doch ohne analytisches Interesse, wie sie sich zueinander verhalten oder in welcher Variationsbreite sie vorliegen. Schon der einfache Befund, dass es mehr als eine Öffentlichkeit gibt, macht die meisten seiner Beschreibungen und Redensarten wie die von der "allein herrschenden Meinung" wertlos. Mal versklaven die Medien, mal befreien sie, haben im Krieg ihr eigentliches Thema oder befördern soziale Intelligenz, mal machen sie verstummen, dann wieder entsprechen sie ganz unserer Neigung zum Geschwätz. Begriffsarbeit und Konsistenzprüfung sind passé, es lebe der gedankliche Polytheismus.

          Tatsächlich geht es auch nicht um Nachdenken, mehr um Nachsprechen. Bolz ist ein akademischer Stimmenimitator. Damals, an der Freien Universität Berlin, konnte er am besten die von Walter Benjamin, Carl Schmitt und allen französischen Philosophen. Aber auch frühgnostisch oder spätmarxistisch konnte er reden. Und wenn er heute Thesen wie die auf den Markt trägt, Männer seien natürlicher- wie effizienterweise "Jäger nach dem Profit", Frauen hingegen besser Hüterinnen des Herds, dann übt er offenbar gerade Karaoke mit Textcollagen aus Eibl-Eibesfeldt und Gary S. Becker.

          Dass es auch beim Medienthema um das Aufsagen fremder Texte geht, zeigt sich daran, wie wenig es Bolz schert, dass sie gar nicht zueinanderpassen. Heidegger, Hayeks Netzwerktheorie, McLuhan, Noelle-Neumann - er hat sie alle drauf. Von der eigenen Begabung fortgerissen, Gedanken Niklas Luhmanns oder Friedrich Kittlers als Schlager vortragen zu können, vergisst er dann aber beispielsweise, dass die soziologische und eine rein medientechnische Theorie der Kommunikation einander ziemlich widersprechen. Für Sätze wie den, in der Informationsflut sei "alles Handeln eine Verkettung von zufälligen Wahlakten", wäre der Autor in Bielefeld stark versetzungsgefährdet. Dass wir "kein Informationsproblem, sondern ein Orientierungsproblem" haben, bestätigt er insofern allenfalls an sich selbst - in Bezug auf die Literatur zu seinem Thema hat Bolz ein echtes Orientierungsproblem.

          Und doch auch eines der Information: Von Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale heißt es etwa, sie sei selbst Opfer einer Schweigespirale geworden. Das ist kompletter Nonsens, weil es in dieser Theorie ja nicht darum geht, dass irgendetwas nicht genug diskutiert wird, sondern darum, dass Mehrheitsüberzeugungen mitunter keinen Eingang in die Medien finden, weswegen die in steigender Isolationsfurcht lebende Mehrheit zu einer zunehmend schweigenden werde. Oder: Über die Politik wird befunden, in ihr laufe alles auf den Star und (!) auf die Mitte hinaus, was schon "einfachste Mathematik" zeige. Bolz denkt an das sogenannte Hotelling-Theorem, wonach zwei Wettbewerber im Raum immer in dessen Mitte streben, weil das ihre Kund- oder Wählerschaft maximiert. Aber - vielleicht weil Schnelligkeit alles ist und die Kritik am Ende - Bolz hat den Ökonomen nicht lange genug zugehört, um zu erfahren, dass dieses Theorem nur unter sehr restriktiven Annahmen gilt und zum Beispiel, wenn es drei Parteien gibt, schon nicht mehr.

          So findet man nirgendwo Tatsachen, die durchdacht, sondern immer nur akademische Melodien, die abgespielt werden. Bolz renommiert mit coolen Einsichten, die er nicht nach der Einsicht, sondern nach der Coolness ausgewählt hat. Und macht dabei einen Eindruck wie jene Jungs im ärmellosen Shirt, die mächtig stolz darauf sind, sich die tollsten Klingeltöne heruntergeladen zu haben, und sie nun allen vorspielen.

          JÜRGEN KAUBE

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