Die Grundidee des Buches ist bestechend einfach und bemerkenswert effektiv: Man nehme die fünf Oscar-Kandidaten für den besten Film des Jahres 1967 und erzähle ihre Geschichten von der Entstehung bis zum Abend der Verleihung: "Bonnie and Clyde", "Doctor Dolittle", "The Graduate", "Guess Who's Coming to Dinner" und "In the Heat of the Night". Nun bilden die Oscars oft genug nur einen beschränkten Ausschnitt des Filmwesens ab und bieten sich eigentlich nicht unbedingt an, wenn man von Aufbruch und Veränderung erzählen möchte.
Aber in jenem Jahr bildete sich in den Worten des Autors Mark Harris (Exredakteur von "Entertainment Weekly" und übrigens der Lebensgefährte des Dramatikers Tony Kushner) tatsächlich etwas ab, nämlich der Umstand, "dass etwas an sein Ende gekommen und etwas anderes im Entstehen war". Wobei das Studiosystem alter Ausprägung damals noch keineswegs wahrhaben wollte, dass es seit längerem schon auf dem letzten Loch pfiff, und seine Nachfolger noch keine Ahnung hatten, dass sie bereits den Anfang einer Bewegung bildeten, die später als New Hollywood bekannt werden sollte. Diese Geschichte zu erzählen ist schon deswegen interessant, weil sie ihren Ausgang nimmt in einer Zeit, als sich vom späteren Aufbruch kaum einer träumen ließ.
Im Frühjahr 1963 nämlich fragten sich der Art Director Robert Benton und der Journalist David Newman, die bei "Esquire" dem Zeitgeist auf der Spur waren, warum sich dieser nur in europäischen Filmen wiederfand, aber nicht im amerikanischen Kino. Also beschlossen sie, selbst ein Drehbuch zu schreiben - und zwar für ihren Lieblingsregisseur François Truffaut, dessen "Jules und Jim" sie ein Dutzend Mal gesehen hatten. Sie hatten keinerlei Erfahrung, aber einen Stoff - und zwar die Geschichte des Gauner-Pärchens Clyde Barrow und Bonnie Parker.
Wie das Buch über Freunde von Freunden dann bei Truffaut landete, der tatsächlich Interesse zeigte, ehe er sich dann doch lieber für "Fahrenheit 451" als englischsprachiges Debüt entschied, und wie dann plötzlich der ebenfalls bewunderte Godard als Rettung erschien, dessen Vision eines schnell und billig in New Jersey gedrehten Films aber den Produzenten nicht behagte, und wie dann Warren Beatty als Produzent einsprang, der mit dem Gedanken spielte, seine Schwester Shirley MacLaine und Bob Dylan zu besetzen - das sind Geschichten, die wie Rückkopplungseffekte einer virtuellen Filmgeschichte durch dieses Buch pfeifen, das letztlich von der Entstehung New Hollywoods aus dem Geist der Nouvelle Vague handelt.
Überhaupt wird bei der Lektüre wieder mal klar, dass das, was wir zu sehen kriegen, nur die Spitze eines Eisbergs von Möglichkeiten ist, deren Realisierung jeweils nur um Haaresbreite nicht zustande gekommen ist. Was im Nachhinein immer so aussieht, als könne es gar nicht anders sein, besitzt bei näherer Betrachtung selten die Zwangsläufigkeit, die man schöpferischen Prozessen gerne zumisst. So erfährt man bei Harris beispielsweise, dass an der Richtigkeit der Besetzung von Dustin Hoffman in der "Reifeprüfung" selbst noch während des Drehs vom Regisseur, dem Broadway-Wunderkind Mike Nichols, wie vom Schauspieler selbst gezweifelt wurde. Andererseits ist womöglich gerade dieses Gefühl, fehl am Platze zu sein, das Geheimnis des Erfolgs, weil es das Lebensgefühl einer jungen Generation so viel genauer beschrieb als andere Filme.
Und auch Anne Bancroft als Mrs. Robinson war alles andere als erste Wahl. Da auch Mike Nichols Truffaut-Fan war, fragte er erst Jeanne Moreau, die ablehnte, dann Doris Day, die sich nicht gegen den Strich besetzen lassen wollte, dann Patricia Neal, die sich aber von ihren Schlaganfällen noch nicht erholt hatte. Dann bekam Nichols einen Anruf von Ava Gardners Sekretär, der ihn erst mal bat, so zu tun, als habe er sie angerufen und nicht umgekehrt. Sie bestellte ihn also in ihr Hotel, schickte die Typen, die im Foyer ihrer Suite herumhingen, raus mit der Bemerkung, sie müsse jetzt mit ihrem Regisseur sprechen, setzte sich an ihren Sekretär und sagte: "Eins muss klar sein. Ich ziehe mich nicht aus!" Dann jedoch beschloss sie, die Maske fallen zu lassen, und gestand Nichols: "Die Wahrheit ist: Ich kann nicht schauspielern. Sie haben es alle versucht, Huston und all die anderen, aber ich kann es einfach nicht." Nichols versuchte zu widersprechen, aber sie war nicht davon abzubringen. "Das habe ich nicht vergessen", sagte Nichols später: "Sie hat mich gerührt. Aber es war klar, dass sie nicht Mrs. Robinson war. Sie war erst 43, wirkte aber schon wie das Relikt eines verblassenden Hollywood."
Das Buch ist voll von solchen Geschichten: Wie sehr der alternde Studio-Mogul Jack Warner "Bonnie and Clyde" hasste, weil er schließlich selbst am besten wusste, wie Gangsterfilme auszusehen haben; mit welch schlafwandlerischer Sicherheit der ständig bekiffte Cutter Hal Ashby den Schnitt besorgte; wie sich Faye Dunaway mit Diätpillen für die Rolle herunterhungerte, bis alle sie nur noch "Fadin' away" nannten. Oder wie sie bei "Dr. Dolittle", einem missglückten Versuch, das Rezept von "My Fair Lady" und "Sound of Music" zu wiederholen, nicht nur mit dem Tiermist und einer Insektenplage zu kämpfen hatten, sondern vor allem mit Allüren des ständig alkoholisierten Stars Rex Harrison, der sich mit seiner nicht minder trunksüchtigen Frau Rachel Roberts ständig unschöne Szenen lieferte.
Bei "Guess Who's Coming to Dinner" hatte man dafür damit zu kämpfen, dass zum einen der sterbenskranke Spencer Tracy immer nur für wenige Stunden arbeiten konnte und zum anderen das offene Geheimnis gewahrt werden musste, dass Katherine Hepburn die Frau an seiner Seite ist. Regisseur Stanley Kramer, der sich auf seine liberale Haltung viel zugute hielt, kam nie darüber hinweg, dass er dafür nicht nur von den Konservativen angegriffen wurde, sondern auch von der anderen Seite, die seine Darstellung von Sidney Poitier als "Alibi-Neger" für rückständig und feige hielt.
Überhaupt ist Poitier so etwas wie der tragische Held des Buches, denn 1967 war er einerseits auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angelangt, aber um den Preis der Verleugnung aller Eigenschaften, die aus ihm weniger als einen Heiligen gemacht hätten. Und je heller sein Stern in Hollywood strahlte, desto heftiger wurde er von Aktivisten seiner eigenen Hautfarbe angegriffen. Und obwohl er in zwei der fünf Finalisten Hauptrollen spielte (und bei "Dolittle" um ein Haar auch), war seine Karriere danach so gut wie zu Ende, auch wenn er die Rolle des Mr. Tibbs danach noch dreimal wiederholte.
All diese Erzählungen funktionieren deswegen so gut, weil sich Mark Harris tatsächlich nur auf dieses Quintett konzentriert, dabei die fünf Handlungsstränge parallel entwickelt und dem Leser längliche Nacherzählungen der Filme erspart. Wobei sich Harris die bitterste Pointe am Ende aus gutem Grund erspart. Denn schon im darauffolgenden Jahr streckte Oscar seiner Legende vom Aufbruch die Zunge heraus, indem Carol Reeds läppisches Musical "Oliver!" gewann - während Kubricks bahnbrechende Weltraum-Odyssee "2001" noch nicht einmal nominiert wurde.
MICHAEL ALTHEN
Mark Harris: "Scenes from a Revolution - The Birth of the New Hollywood". Canongate Books. Edinburgh 2008. 490 Seiten, 20 Britische Pfund.