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: Die islamistische Herausforderung

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Eine Reise nach Teheran sei wie eine Reise in die sogenannte "Bizarro World" der "Superman"-Comics, wo das Gute böse ist und das Böse gut, schreibt der amerikanische Autor Mark Bowden in der Dezemberausgabe von "Atlantic Monthly": Patriotische amerikanische Symbole seien im Stadtbild allgegenwärtig, aber zu Bildern von Gewalt, Haß und Niederlage verfremdet.

          Eine Reise nach Teheran sei wie eine Reise in die sogenannte "Bizarro World" der "Superman"-Comics, wo das Gute böse ist und das Böse gut, schreibt der amerikanische Autor Mark Bowden in der Dezemberausgabe von "Atlantic Monthly": Patriotische amerikanische Symbole seien im Stadtbild allgegenwärtig, aber zu Bildern von Gewalt, Haß und Niederlage verfremdet. Stars and Stripes als Revolver. Der Weißkopfadler, wie er brennend zu Boden geht. Und wo man im Westen von Bildern der Jugend, von Schönheit und Sex überflutet wird, da dominieren in Teheran die Bilder von greisen alten Männern und ein blutseliger Märtyrerkult.

          Auch fünfundzwanzig Jahre nach der islamischen Revolution in Teheran steht der Westen fassungs- und ratlos vor der Ausbreitung des radikalen Islamismus.

          Ein paar Jahre lang konnte man sich damit trösten, daß ja, wie Clifford Geertz nachgewiesen hat, nicht alle islamischen Kulturen gleich militant sind, daß der Weg der Gewalt von einer Mehrheit der Muslime abgelehnt wird und daß Iran ein Sonderfall ist. Es gab ja noch Jordanien. Es gab ja noch Hannan Ashrawi.

          Aber wer sich heute, nach dem Mord an Theo van Gogh, den Dingen stellt, der muß einsehen, daß wenig Tröstliches geblieben ist. Die meisten Hoffnungen auf Ausgleich und Mäßigung haben sich nicht erfüllt; es ist schlimmer, viel schlimmer gekommen, als es westliche Intellektuelle wahrhaben wollten.

          Es ist den Islamisten gelungen, die Konflikte in Tschetschenien, Kaschmir, Indonesien, den Philippinen, Palästina und im Irak als eine globale Kette desselben symbolischen Konflikts darzustellen, der sich in den Vororten der europäischen Großstädte fortsetzt.

          Der Kampf des Predigers

          Selbst Gilles Kepel, einer der klügsten Islamwissenschaftler, der noch in seinem "Schwarzbuch des Dschihad" aus dem Jahr 2002 davon ausging, daß der gewaltbereite Fundamentalismus am Ende sei, weil er den Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden könne und den Menschen nichts zu bieten habe, hat seine Sicht korrigieren müssen. Es sei, stellt er in seinem neuen Buch fest, dem Al-Qaida-Vizechef al Zawahiri insbesondere in Tschetschenien und im Kampf um den Irak gelungen, aus seiner Ideologie vom Kampf der Zivilisationen eine politische und strategische Realität werden zu lassen.

          Die Lage ist auch deswegen so brenzlig geworden, weil die europäischen Gesellschaften bislang nur punktuell auf die Aktionen der Fundamentalisten reagierten - so, als wären die Verbrechen, von der Fatwa gegen Rushdie bis zum Mord an van Gogh, nur die Taten einzelner Mordlüsterner.

          Für liberale Europäer beginnt nun eine ganz neue Dimension der Auseinandersetzung mit dem anderen, und zwar unter zunehmend unfreundlichen Bedingungen. Eben noch war es richtig, für die Integration, den Schutz der Migranten vor Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu kämpfen. Plötzlich ist die Lage unübersichtlich geworden. In Frankreich und der Schweiz kann man schon studieren, was da auf Europa zukommt, wie schmerzhaft für liberale Intellektuelle und Politiker diese Auseinandersetzung werden wird, auch und gerade wenn man darum kämpfen muß, daß sie friedlich bleibt.

          Soeben ist ein Enthüllungsbuch erschienen über den in den französischen Banlieues und darüber hinaus in der islamistischen Szene einflußreichen Prediger Tariq Ramadan (Caroline Fourest, "Frère Tariq", Grasset 2004).

          Ramadan, ein Enkel des Gründers der ägyptischen Moslembruderschaften Hassan al Banna, wird darin als wirklicher Erbe seines Großvaters dargestellt - als Mann, der den Missionsauftrag der Moslembrüder in Europa fortführen will und dessen Präsenz in den französischen Medien nur durch ein geschicktes "double langage" denkbar ist. Der Reformer des Islams sei in Wahrheit ein missionierender Fundamentalist.

          Kino ist Sünde

          Die Autorin hat dazu in jahrelanger Arbeit auch die entlegensten Kassetten des Predigers studiert; sie kann ein kohärentes Bild dieses alles andere als fortschrittlichen Islamisten zeichnen, der überdies solide Kontakte in die gewaltbereiten Fundamentalistenkreise so ziemlich jeder Couleur hat. Wer Tariq Ramadan bislang für einen Antiglobalisierer oder progressiven Gesellschaftskritiker gehalten hat, wird enttäuscht sein: Der Mann findet es unerträglich, wenn Mädchen und Jungen dasselbe Schwimmbad benutzen, findet es besser, wenn Frauen muslimischen Glaubens verschleiert sind, hält nichts von Diskotheken und vom Kino.

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