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: Die Freiheit, die wir messen

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Drei aktuelle Bücher zu den Konsequenzen der Hirnforschung schreiben ein kontrovers debattiertes Thema fort. Die zentrale Frage der Autoren heißt: Wie weit trägt die biologistische Sicht des Menschen? Die Hirnforschung hält uns weiterhin in Atem. Das von Dieter Sturma herausgegebene Buch "Philosophie ...

          Drei aktuelle Bücher zu den Konsequenzen der Hirnforschung schreiben ein kontrovers debattiertes Thema fort. Die zentrale Frage der Autoren heißt: Wie weit trägt die biologistische Sicht des Menschen? Die Hirnforschung hält uns weiterhin in Atem. Das von Dieter Sturma herausgegebene Buch "Philosophie und Neurowissenschaften" eröffnet mit einem Abschnitt aus Peter Hackers und Max Bennetts Buch "Philosophical Foundations of Neuroscience". Über den Titel, den der Oxforder Philosoph und der renommierte Neurowissenschaftler für ihr gemeinsam verfaßtes Buch wählten, darf man nicht gleich stolpern. Er zielt gerade nicht darauf, daß Philosophie ein theoretisches Fundament zur Verfügung zu stellen habe. Philosophie entwirft keine Theorien, sie leistet vielmehr - hier steht insbesondere der späte Wittgenstein Pate - begriffliche Klärung.

          Solche Klärungsarbeit zeigt, wie unser psychologisches Vokabular funktioniert und wo sein sinnvoller Gebrauch aufhört. Unsinn entsteht zum Beispiel dort, wo das "bloße" Alltagsvokabular durch vermeintlich wissenschaftlich besser begründete Redeweisen ersetzt werden soll, aber auch dort, wo sich Philosophen von bestimmten Beispielen des Wortgebrauchs und mit ihnen verbundenen Bildern in Bann schlagen lassen, statt den verschiedenen Gebrauchsweisen und Handlungskontexten nachzuspüren. Auf solche Weise wird etwa die heikle Vorstellung eines von der äußeren Welt strikt getrennten Innenraums des Mentalen angebahnt - samt Folgeproblemen und dem Register der konkurrierenden Lösungsvorschläge.

          Zu diesen Problemen gehören nicht zuletzt die Varianten des Leib-Seele-Problems und damit die Frage: Sofern man auf eine Interaktion zwischen Mentalem und Physischem setzt, wie verträgt sich dies mit der Überzeugung, daß der Bereich des physischen Geschehens kausal geschlossen ist? Bei Neurowissenschaftlern löst diese Frage in der Regel die begreifliche Verdammung aller dualistischen Positionen aus, deren späte Vertreter im Zeichen einer Ersetzung des "Geistes" durch "das Gehirn" sie nicht selten, ohne es zu merken, sind. Aber auch hier lohnt der Versuch, die Formulierung des Problems nicht einfach zu akzeptieren: Ein etwas genauerer Blick auf die Physik, wie der von Brigitte Falkenburg, läßt bereits erkennen, daß es nicht weit her ist mit einer einheitlichen Vorstellung davon, was kausale Determiniertheit durch Naturgesetze heißen soll. Erweitert man das Blickfeld auf Chemie, Mikrobiologie, Evolutionsbiologie und eben auch Hirnforschung, wird dies nicht besser. Vor allem: Man hat es mit einem Patchwork von Erklärungen zu tun, die sich mitnichten auf eine fundamentale und in einem strikten Sinn deterministische Physik zurückführen ließen.

          An der Attraktivität eines als universal unterstellten Kausalitätsprinzips wird das vermutlich wenig ändern. Doch gilt es zu sehen, daß man es dabei mit der Umdeutung einer forschungsleitenden Norm zu einem metaphysischen, natürlich-übernatürlichen Sachverhalt zu tun hat. Wie es zur Herausbildung einer solchen "Arbeitsmetaphysik" kommt, die sich mit Empirie verwechselt, skizziert Dirk Hartmann aus einer phänomenologischen Perspektive: Die Objekte der Wissenschaft, die nur über ihren theoretisch-methodologischen Hintergrund zu explizieren sind, werden unvermerkt unter die lebensweltlich gegebenen Gegenstände versetzt, die nun ebenso den als universal unterstellten wissenschaftlichen Beschreibungsnormen gehorchen sollen. Daraus entstehen dann viele rätselhafte Fragen, auch jene nach der Identifikation von mentalen Ereignissen und ihrer Beziehung zur Körperwelt. Wird den theoretischen Gegenständen auch noch der ontologische Primat zugesprochen, daß also nur sie "eigentlich" wirklich sind, gelangt man unschwer zur Auflösung der "bloßen" Alltagspsychologie und zu anderen "eliminativen" Strategien.

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