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Die Freiheit der Gedanken

29.08.2005 ·  Eine Textauswahl zu Kognitionstheorie und Wirtschaftspolitik

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Manfred Streit: Jenaer Beiträge zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik. Contributiones Jenenses Band 9. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2004, 144 Seiten, 32 Euro.

In diesem kleinen Sammelband hat der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena, der Ökonom Manfred Streit, sehr lesenswerte Beiträge zur Kognitionstheorie, zur Wirtschaftspolitik und zum Werk des großen österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek zusammengestellt. Streits Interesse an der Kognitionstheorie und der modernen Gehirnforschung wurde geweckt, als er im Auftrag der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft das im Jahr 1952 veröffentlichte, höchst anspruchsvolle Hayeksche Buch "The Sensory Order - An Inquiry into the Foundations of Theoretical Psychology" ins Deutsche übersetzt hat.

Bemerkenswert ist an der "Sensory Order" unter anderem, daß Hayek, der auch später immer wieder auf die gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Bedeutung der konstitutionellen Unwissenheit des Menschen und auf dessen begrenzte Erkenntnisfähigkeit hingewiesen hat, bereits 1952 zu Ergebnissen gelangte, die mit dem heutigen Stand der modernen Gehirnforschung übereinstimmen.

Das Gehirn muß alle Prozesse, die der Klassifikation (Mustererkennung) von sinnlichen Wahrnehmungen dienen, aus sich selbst heraus entwickeln. Da nur durch die Mustererkennung die Komplexität der Außenwelt reduziert werden kann, spricht Hayek auch vom "Primat des Abstrakten". Bezüglich der unzähligen Einzelheiten der vielgestaltigen Außenwelt ist der Mensch von seinem Wesen her unwissend. Der Mensch kann nur durch Abstraktion, die immer Komplexitätsreduktion ist, überhaupt etwas erkennen.

Da das Gehirn alle Klassifikationsprozesse aus sich selbst heraus entwickeln muß, ist es ein selbstbezügliches und selbsterklärendes System. Dieses System, so drückt es der von Manfred Streit direkt zitierte Gehirnforscher Gerhard Roth aus, "weist seinen eigenen Zuständen Bedeutungen zu, die nur aus ihm selbst genommen sind". Streit folgert daraus treffend, wenn auch nicht gerade in Übereinstimmung mit den eigentlichen Intentionen Roths: "Wollten wir den menschlichen Verstand erklären, so erforderten beide Eigenschaften, daß unser Verstand gewissermaßen neben sich selbst treten müßte, um sich bei der Arbeit zu beobachten. Mit allgemeingültigen und naturnotwendigen Axiomen kann er nicht erklärt werden." Trotz aller Fortschritte in der medizinischen Analysetechnik bleibe damit auch der Zugang zum Wissen und zur Wissensverwertung als neuronalem Prozeß versperrt. Das heißt, daß das Wissen und die Präferenzen der einzelnen Menschen von keinem externen Beobachter je beobachtet werden können. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?

Für die Ökonomik als sozialwissenschaftliche Disziplin zieht Manfred Streit aus diesen erkenntnistheoretischen Grundlagen Konsequenzen, die insbesondere gegen die konventionelle neoklassische Ökonomik gerichtet sind. Da das Wissen der Individuen aus "Theorien über seine Außenwelt" bestehe, die erstens irrtumsanfällig seien und zweitens keine unabweisbar problemgerecht zugeschnittenen Daten darstellten, die einem externen Beobachter zur Verfügung stünden, gehe die neoklassische Gleichgewichtstheorie am eigentlichen ökonomischen Problem der Wissensentstehung und Wissensverwertung in der Gesellschaft vorbei.

Die konventionelle neoklassische Ökonomik modelliere menschliche Wesen als perfekte Verarbeiter perfekter Information. Selbst die Vertreter der Informationsökonomik gingen immer noch davon aus, daß der beobachtende Wissenschaftler perfekt rational und perfekt informiert sei. Indem angenommen werde, daß entweder der Nutzen einer zusätzlichen Einheit an Information oder die zugrundeliegende Wahrscheinlichkeitsverteilung einer Information bekannt seien, werde der Bezugspunkt der perfekten Rationalität nicht in Frage gestellt. Friedrich August von Hayek nennt diese Vorgehensweise zu Recht eine Anmaßung von Wissen.

Insbesondere auf der Systemebene hat diese Anmaßung von Wissen dazu geführt, daß Wettbewerbsprozesse falsch dargestellt werden. Wie Streit schreibt, wird im allgemeinen neoklassischen Konkurrenzgleichgewicht modelltheoretisch die Position eines externen Beobachters eingenommen, der sich erstens an angeblich objektiven und allgemein zugänglichen Informationen über die Außenwelt orientiert und deshalb zweitens die evolutionäre Funktion des Marktes ausblendet. Diese bestehe gerade darin, Unbekanntes und Neuerungen, also die vielbeschworenen Innovationen, in einem Entdeckungsverfahren hervorzubringen. Unbekanntes, Neuerungen oder Innovationen, die vorab einem externen Beobachter bekannt sind, stellen jedoch gerade nichts Unbekanntes dar und sind eben keine Neuerungen und keine Innovationen.

Manfred Streit führt deshalb aus, daß das Verhältnis und die Wechselwirkungen von Kognition, Rationalität und Institutionen ausdrücklich in der ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Modellbildung zu berücksichtigen sind. Institutionen im Sinne von allgemeinen Verhaltensregeln verringerten die Ungewißheit. Dadurch versetzten sie ökonomische Akteure in die Lage, annähernd verläßliche Erwartungen über das Handeln anderer Menschen zu bilden. "Wegen der Informationskosten und der begrenzten menschlichen Fähigkeit, Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten, erleichtern Institutionen Kognitionsprozesse. Jedoch als Teil der kulturellen Umwelt beeinflussen sie auch die Wahrnehmung von Information durch das Individuum."

Auf diese Weise forme die institutionelle Umwelt die kognitiven Modelle der menschlichen Akteure. Die systematische Wechselbeziehung zwischen Institutionen und kognitiven Modellen sei jedoch weit davon entfernt, ausreichend erforscht zu sein - obwohl sie für das Verständnis menschlichen Verhaltens von grundlegender Bedeutung sei. Das gelte insbesondere für die Erklärung des institutionellen Wandels. Wenn die Akteure kognitive Modelle in Übereinstimmung mit den bestehenden Institutionen bildeten, dann stelle sich die Frage, welche Faktoren den menschlichen Geist dazu anhalten, institutionelle Innovationen zu bilden und institutionellen Wandel hervorzurufen.

Bedauerlicherweise verdeutlicht Manfred Streit an dieser Stelle jedoch nicht, daß mit dieser Frage die Diskussion um die Willensfreiheit des Menschen ihre volle gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Bedeutung erhält. Dieser Hinweis wäre nicht zuletzt deshalb sinnvoll gewesen, weil Friedrich August von Hayek auch in seinem berühmten Werk der "Verfassung der Freiheit" darauf hingewiesen hat, daß die "innere Freiheit und Freiheit im Sinne von Abwesenheit von Zwang" (die äußere Freiheit) "zusammen bestimmen, wie weit ein Mensch Gebrauch von seinen Kenntnissen und Gelegenheiten machen kann".

NORBERT TOFALL

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 10
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