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„Digitale Bildungsrevolution“ : Das maschinengestützte Lernen und seine Spuren

Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: „Die digitale Bildungsrevolution“. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 240 S., Abb., geb., 17,99 €. Bild: Deutsche Verlags-Anstalt

Wenn personalisiertes Lernen auf Big Data trifft: Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt entwerfen einen Weg in die Zukunft des maschinengestützten Lernens – und verfolgen damit einen eigenen Plan.

          Die gute Nachricht zuerst: Technik kann Pädagogen nicht ersetzen, stellen Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt fest. Bildung sei zu einem wichtigen Teil Beziehungsarbeit. Die Digitalisierung könne unmöglich alle Inhalte und Fähigkeiten vermitteln, die Schüler und Studenten auf ihrem Weg durchs Leben brauchten. Und doch bleibe, da sind sich die beiden Autoren sicher, bei der von ihnen apostrophierten digitalen Bildungsrevolution, die ihrem Buch den Titel gegeben hat, kein Stein auf dem anderen. Niemand kann sich langfristig auf seine Rolle oder seine Reputation verlassen, auf anerkannte Mächte und eingespielte Möglichkeiten. Doch das muss keine schlechte Nachricht sein.

          Die Frage, ab welchem Alter der Umgang mit digitalen Medien angeraten ist, stellt sich den beiden Autoren nicht. Die Frage, welches Rüstzeug Schüler für den Umgang mit dem Internet brauchten, stellen sie nur am Rande. Ihnen geht es um die Einlösung eines der großen Versprechen der Digitalisierung im Bildungsbereich: die Versöhnung von Masse und Klasse. Bildung für alle war bisher nur durch eine Abstimmung der Lehrpläne aufs Mittelmaß einzulösen - um den Preis der Langeweile bei den besseren Schülern und den der Überforderung der schlechteren.

          Mahnende Worte

          Jetzt könnten die konventionellen Curricula in kleinste Module aufgebrochen werden, die jeder Schüler in digitaler Aufbereitung individuell angeboten bekommt und abarbeiten kann - in der für ihn idealen Abfolge, in seinem Tempo, mit Lernkontrollen und Protokollen, die seine Lehrer erst dann hinzuziehen, wenn es hakt. Und die gleichzeitig von Algorithmen ausgewertet werden für die Entscheidung, worin welcher Schüler als Nächstes unterrichtet werden soll und wann sein Lernfortschritt auffällig ist. Personalisiertes Lernen ist das eine Stichwort dieses Verfahrens, Big Data das andere.

          Dass sich der Entwickler der Lernsoftware Knewton damit brüstet, hunderttausendmal mehr Daten von seinen Nutzern zu erheben, als eine bestimmte Google-Suchabfrage erzeugt, nutzen Dräger und Müller-Eiselt für mahnende Worte: „Das Optimieren von Lernwegen mag eine solch gigantische Datensammlung rechtfertigen, ebenso gerechtfertigt ist allerdings die Frage: Was passiert zukünftig mit diesen persönlichen Informationen?“

          Alles schläft, einer wacht

          Wie aber lässt sich die von den Autoren angemahnte Datensouveränität, also die Kontrolle jedes Einzelnen über seine Daten, einlösen, wenn zum einen der Umfang des Datensammelns nicht offengelegt wird? Wenn zum Zweiten die Auswertungen und Prognosen undurchsichtig bleiben, die auf seiner Grundlage errechnet werden? Und wenn drittens kein Bewerber einem erhofften künftigen Arbeitgeber den Einblick in seine Daten verwehren könnte, ohne dadurch Nachteile befürchten zu müssen?

          Die Bildungsvision des Buchs: Wissen wird digital aufbereitet, sein Angebot individuell abgestimmt, spielerisch vermittelt, kooperativ ausgetauscht und wechselseitig bewertet. Big Data hilft, Bildungswege zu optimieren und Misserfolge zu minimieren. Und auch der Nachweis von Wissen und Fähigkeiten werde modularisiert: Hochschulabschlüsse verlören an Bedeutung, sagen die Autoren voraus, an ihre Stelle träten die Dokumentation einzelner Lernerfolge, ihre Beurteilung und Anerkennung durch spezielle Akkrediteure. Oder gleich das Ergebnis des einem Assessment Center vergleichbaren Online-Spiels als Kern eines Bewerberprofils.

          Auch wenn im selig schlummernden Deutschland von dem Thema noch wenig zu spüren sei: Ein Tsunami rolle auf das Land zu, schreiben die Autoren. Sie sprechen auch pro domo. Der eine ist Vorstand, der andere Bildungsexperte der Bertelsmann-Stiftung, die in der Kritik steht, mit ihren Rankings, Studien und Leitfäden bildungspolitisch Einfluss zu nehmen und dabei „neoliberale Rationalisierungsstrategien“ zu propagieren. Der mehrheitlich der Stiftung gehörende größte Medienkonzern des Landes hat unlängst sein Bildungsgeschäft „eine der wichtigsten Wachstumsplattformen“ genannt und angekündigt, sie mittelfristig zur dritten Geschäftssäule mit einem angestrebten Umsatz von einer Milliarde Euro auszubauen. Einer also ist schon wach. Man muss dieses Buch auch als politische Agenda lesen.

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