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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Briefe des dämonischen Kinds

 ·  Sachlich: Die Frankfurter Brentano-Ausgabe kommt voran

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Gemächlich ziehen die großen Editionsschlachtschiffe ihre Bahn, aber wenn man alle zehn Jahre einen Blick auf sie wirft, haben sie doch große Strecken zurückgelegt. Die vom Freien Deutschen Hochstift veranstaltete und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte historisch-kritische Brentano-Ausgabe ist derzeit auf 38 Bände in 56 Teilbänden angelegt, von denen inzwischen 20 in 28 Teilbänden erschienen sind. Die Ausgabe startete 1975 mit jener drei Jahre später abgeschlossenen sechsbändigen mustergültigen Edition von "Des Knaben Wunderhorn" (durch Heinz Rölleke), die philologische Transparenz in das genialische Treiben der "Liederbrüder" Arnim und Brentano brachte und zu einem Leuchtfeuer in der Erforschung der deutschen Liedgeschichte überhaupt wurde. Es folgten 1978 der Roman "Godwi oder das steinerne Bild der Mutter" und in den achtziger Jahren wichtige Bände aus dem Bereich der Dramen sowie der Märchen und Erzählungen. Neuland wurde damals auch betreten mit der wissenschaftlichen Vermessung des Riesenkomplexes der religiösen Schriften (seit 1980), wobei nicht nur das oft gedruckte Erbauungsbuch "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerick" in all seinen Dimensionen wahrnehmbar wurde, sondern auch viel völlig Unbekanntes ans Licht kam. Die neunziger Jahre brachten außer etlichen Abrundungen vor allem den Beginn der großen Briefedition, die einschließlich Kommentar allein fünfzehn Teilbände umfassen wird.

"Wahrhaftig, wenn ich alle meine poetischen Ideen reimen wollte, ich müste Fabricken anlegen." Brentanos chaotische Hinterlassenschaften, Tausende von Zetteln, Blättern und Briefen, Gedichte in immer neuen Fassungen und immer neuen Kontexten, das meiste undatiert, eine von Entstellungen strotzende Editionsgeschichte, dazu Dokumente, Zeugnisse der Zeitgenossen und eine wuchernde Sekundärliteratur sehr verschiedengradiger Seriosität waren zu prüfen und zu ordnen. Aus dieser gigantischen Bleibselsammlung macht die Edition ein aufgeräumtes Gebilde. Die Erläuterungen, nicht zu knapp und nicht zu weitschweifig, lassen keine Lücke, sie weichen auch den kniffligsten Fragen nicht aus und ersetzen einen beträchtlichen Teil der bisherigen Forschungsliteratur.

Was noch fehlt, sind außer diversen Einzelkommentaren Teilbereiche der Dramen, der Märchen und der Erzählungen, die verstreuten journalistischen Arbeiten, weniges aus dem Bereich der religiösen Werke, die späten Briefe und vor allem die Lyrik. Was immer man sonst von Brentano halten mag: Als Lyriker gehört er in die allererste Reihe. Es ist deshalb anzeigenswert, daß von den neun für die Gedichte vorgesehenen Teilbänden nun die ersten drei erschienen sind, die Jahre von 1816 bis 1819 betreffend, also die Zeit der großen Lebenswende, und die wenig ergiebigen Jahre 1820 bis 1826. Ein ergänzender Briefband (1813 bis 1818) hat im Kernbereich die gleiche Periode im Visier, so daß der Leser die schrecklichen Briefe und die wunderbaren Gedichte dieses dämonischen Kindes nebeneinander halten kann.

Das Patriotische, das Religiöse und die Liebe bilden die Hauptthemen dieser Zeitspanne. Brentanos vaterländische Erregung, das Blücher-Gedicht zum Beispiel, mit dem die Gedichtbände eröffnen, ist nur noch von historischem Interesse. Anders sieht es mit Religion und Liebe aus. Seine religiöse Welt ist zwar befremdlich, ja bestürzend, aber jedenfalls erregend und poetisch stark. Die Erotik ist die entscheidende Triebkraft seines Werkes, auch und gerade wenn ihr die körperliche Realisierung versperrt blieb. Er liebte damals die fromme Pfarrerstochter Luise Hensel, die aber strikt auf Keuschheit und bloßem Seelenaustausch bestand. Clemens hatte sie unter anderem erschreckt durch seine Generalbeichte, deren schriftliche Fassung er ihr zu lesen gab; ein "ungeheurer Sündenhaufen" soll es gewesen sein, so daß sie sich beklagte, er habe sie verdorben.

Alles, was sein verunglücktes Leben ihm nicht gewährt hatte, verlegte er in die Religion. Im "Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe", geschrieben im Frühjahr 1816, flehte er: "Meister, ohne dein Erbarmen / Muß im Abgrund ich verzagen, / Willst du nicht mit starken Armen / Wieder mich zum Lichte tragen." Im Dezember 1816 fügt er das Lied in einen Brief an Luise ein, mit einer kleinen Veränderung: "Willst du nicht mit Liebes Armen / Wieder mich zum Lichte tragen." Die Angesprochene aber nahm das nicht wörtlich genug für seinen Geschmack.

In jenem Frühjahr 1816 hatte er in einem Brief an Johann Nepomuk Ringseis zwar schon Sehnsucht nach der Geborgenheit im Glauben erkennen lassen, aber doch auch seinen Abscheu bekannt vor den, wie er es empfand, Zumutungen und Abgeschmacktheiten der katholischen Kirche seiner Zeit. Er sehnte sich nicht so sehr nach einer Institution als vielmehr nach einer unbedingt glaubwürdigen Person, der er sich gänzlich unterwerfen wollte. Im Januar 1817 legte er seine Generalbeichte ab. Von da an versuchte er alle Welt zu bekehren, vor allem Luise Hensel, aber auch seinen protestantischen Freund Achim von Arnim, dem er mit riesigen Episteln auf die Nerven fiel. Im September 1818 begab er sich nach Dülmen in Westfalen, um die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick aufzuschreiben. Er war Mitautor und Einbläser dieser Visionen, das ist heute unbestritten. Seine Dülmener Briefe an Luise legen Zeugnis davon ab, daß es ihm gelang, die Nonne in seine Psycho-Agitation einzuspannen - als Seelenführerin sollte sie Dinge ekstatisch schauen, die im Interesse des armen Clemens lagen. Diese Briefe haben etwas Schauriges. Peinlicher Schwulst, wundersüchtige Frömmelei, religiöse Erpressung, erbarmungswürdige Selbstbezichtigung und schwelende Liebesglut wechseln miteinander ab, und es muß ursprünglich noch schlimmer gewesen sein, denn Luise hat die Briefe zensiert.

Und doch spricht die existentielle Not so wahr aus allem Verkehrten, daß einem immer wieder das Wasser in die Augen steigt. Mit überlegenem Spott kommt man all dem nicht bei, und zu den Vorzügen der Ausgabe gehört es, daß die Erläuterungen stets von diskreter Sachlichkeit geleitet sind, obgleich die Versuchung zu höhnischen Kommentaren oft stark gewesen sein muß. Noch als Besessener - von den Dämonen der Liebe oder von denen der Religion gepeinigt - war Brentano modern, ein Identitätsgestörter, der nirgends Ruhe fand, ein Suchender und Angstgepeinigter, der litt wie ein Hund, aber groß war in seinem Scheitern. Was alles geschah in diesem gequälten Herzen, kann der Leser nun Blatt für Blatt, Monat für Monat und Jahr für Jahr nachvollziehen.

HERMANN KURZKE

Clemens Brentano: "Sämtliche Werke und Briefe". Historisch-Kritische Ausgabe. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln 1999-2002. Band 3.1: Gedichte 1816-1817. Herausgegeben von Michael Grus und Kristina Hasenpflug. 684 S., geb., 190,- [Euro]. Band 3.2: Gedichte 1818-1819. Herausgegeben von Michael Grus, Kristina Hasenpflug und Hartwig Schultz. 528 S., geb., 190,- [Euro]. Band 3.3: Gedichte 1820-1826. Herausgegeben von Michael Grus. 407 S., geb., 158,- [Euro]. Band 33: Briefe 1813-1818. Herausgegeben von Sabine Oehring, 570 S., geb., 190,- [Euro] .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2003, Nr. 32 / Seite 38
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