01.08.2005 · Sehen lernen: Jörg Probst durchstöbert die umfangreichen Skizzenbücher Adolf von Menzels
Wo Adolf von Menzel stand und saß, zeichnete er, was er sah. Die Kunstwissenschaft adelte ihn daher zu einem der Begründer des Realismus. Bei seinen Zeitgenossen war die Beobachtungsgier des Malers sprichwörtlich. Tausende von Zeichnungen schuf er in seinem fast neunzigjährigen Leben. Sie dienten ihm oft als Vorlagen für seine berühmten Historienbilder, dokumentieren aber auch sein zielloses Interesse an Menschen, Details aller Art oder Ausschnitten der Umgebung und Landschaft. Ein ungehobener Schatz innerhalb dieses zeichnerischen Werks waren bislang die etwa 4000 Blätter, die sich in seinen Skizzenbüchern erhalten haben und die zusammen mit einem Großteil des Nachlasses ins Berliner Kupferstichkabinett kamen.
Gerade weil Menzel überall zeichnete, sind in seinem Werk diese praktischen Büchlein und Hefte besonders wichtig. Aber Skizzenbücher sind ebenso aufschlußreich für die Arbeitsmethoden der Künstler wie fragil, weswegen sie bis heute leider viel zuwenig beachtet werden. Das mag auch daran liegen, daß sie schon aus konservatorischen Gründen nur wenigen Betrachtern zugänglich sein können. Trotzdem ist es angesichts der umfangreichen Literatur, die es zu Menzel gibt, erstaunlich, daß dieser Bilderschatz bislang kaum berücksichtigt wurde. Vielleicht kapitulierte man einfach vor dem Umfang dieses Konvoluts.
Jörg Probst gelang es als erstem, eine Schneise durch diesen Bilderwald zu schlagen. Er analysiert charakteristische Motivgruppen quer durch alle Schaffensperioden. Das ist eine ökonomische Strategie, birgt aber die Gefahr, nur den Menzel zu entdecken, den man kennt. Der Autor entging dieser Gefahr weitgehend, indem er spannende Blätter und Blattfolgen wählte, die den Künstler beim Studieren einer Fliege an einem Glas, beim Beobachten des Treibens auf einem Platz oder dem Studium einer unscheinbaren Ecke etwa im Dresdner Zwinger zeigen. Daß Probst dabei die Verwandtschaft und Gleichberechtigung von Naturwissenschaften und künstlerischer Praxis hervorhebt, ist eher einer Wissenschaftsmode geschuldet als tiefer greifender Erkenntnis förderlich. Menzels Blick mag man als fotografisch charakterisieren, aber er hat ebensowenig mit der zeitgenössischen Fotografie zu tun, wie sein Interesse an markanten Details eines Kopfes die zu seiner Zeit aufblühenden Polizeitechniken voraussetzt. Interessant wäre der Versuch einer psychologischen Deutung des Seh- und Denkprozesses bei Menzel, die Probst nicht anstellt.
In den Skizzenbüchern erscheinen Blätter, auf denen man nachvollziehen kann, wie der Künstler versucht, eine Person mehrere Male festzuhalten, und wie er dabei Gesten isoliert, die einem in den Gemälden wiederbegegnen. Faszinierend ist es, zu sehen, wie Menzel die Bewegungsabläufe eines an seiner Käfigstange turnenden Kakadus in Sequenzen in einem Bild festhielt oder wie er über mehrere Blätter den gequälten Schlaf eines Reisegefährten auf einer Eisenbahnbank vor den Augen des Betrachters abspult. Im Stilleben einer abgegessenen Festtafel entdeckte er eine ganze Stadtlandschaft. Es begegnet uns also nicht nur der sture Beobachter. In einer ganzen Reihe von Bildern phantasierte Menzel in Materialoberflächen, Stoffknäuel oder Flecken Gesichter und Fratzen.
Eine Geschichte des Skizzenbuchs ist noch nicht geschrieben, und vielleicht kann sie auch nicht geschrieben werden, weil die Ausnahmen die Regeln übersteigen würden. Bedauerlich ist nur, daß Jörg Probst nicht versucht hat, Menzels Skizzenbücher mit denen anderer Künstler zu vergleichen. Und naturgemäß kann seine Studie nur einen ersten Einblick in dieses Werk bieten. Sie weckt aber damit um so mehr die Neugier, Menzels Skizzenbücher einmal vollständig ansehen zu können. Dies sollte mit den heutigen technischen Möglichkeiten kein Problem mehr sein, hofft der Normalsterbliche, der wohl nie die Gelegenheit bekommen wird, die Skizzenbücher leibhaftig zur Hand zu nehmen.
ANDREAS STROBL
Jörg Probst: "Adolf von Menzel". Die Skizzenbücher. Sehen und Wissen im 19. Jahrhundert. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2005. 204 S., 83 Abb., br., 34,50 [Euro].