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Diarmuid Jeffreys: Weltkonzern und Kriegskartell : Der Sündenfall der deutschen Chemie

Bild: Verlag

Weltherrschaft durch Forschung, Massenvernichtung durch Fabrikarbeit: Der englische Journalist Diarmuid Jeffreys beleuchtet die dubiose Geschichte der IG Farben und ihren „faustischen Pakt“ mit dem deutschen Staat.

          Die ebenso gefeierte wie umstrittene Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ über die Rolle des Auswärtigen Amtes bei den NS-Verbrechen und deren Aufarbeitung brauchte für seine insgesamt 880 Seiten vier Herausgeber, ein rundes Dutzend Autoren und einen redaktionellen Koordinator. Diarmuid Jeffreys stemmte dagegen ein ähnliches Vorhaben allein. „Weltkonzern und Kriegskartell“, die Studie des englischen Journalisten über die Verwicklung der IG Farben in die Politik des „Dritten Reichs“, hat zwar nur einen Umfang von knapp siebenhundert Seiten, doch die auszuwertenden Unterlagen werden kaum weniger zahlreich gewesen sein. Zudem haben sie den Nachteil, nicht wie im Falle des Auswärtigen Amtes in einem einzigen Archiv zu liegen, denn die wichtigsten Dokumente zur Geschichte der IG Farben sind auf gleich drei große Unternehmensarchive verteilt: die von BASF, Bayer und Aventis (ehedem Hoechst).

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zur Interessengemeinschaft Farben, dem seinerzeit viertgrößten Konzern der Welt und größten in Europa, hatten sich 1925 die drei größten deutschen Chemieunternehmen, eben BASF, Bayer und Hoechst, zusammengeschlossen, und ein paar kleinere Partner zählten auch noch mit dazu - fast die gesamte deutsche Chemieindustrie fand unter dieses gemeinsame Dach. Das war nicht die unmittelbare Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs und der darauf folgenden wirtschaftlichen Not in Deutschland. Schon während des Kriegs waren Pläne zu einem solchen Zusammenschluss debattiert worden; dessen wichtigster Fürsprecher war Carl Bosch, der 1919 Vorstandsvorsitzender der BASF wurde. Als Bremser fungierte aber zunächst Carl Duisberg, sein Pendant bei Bayer. Beide Herren waren hochbegabte Chemiker (Bosch sollte 1931 den Nobelpreis erhalten) und hatten über Jahrzehnte ihre Industriesparte entscheidend mitgeprägt.

          Schier unvorstellbare Größe

          Dabei hatten sie beobachten können, wie gnadenlos sich der internationale Wettbewerb in einer Zeit entwickelte, in dem Patentschutz oft nur auf dem Papier bestand. Da die deutsche Chemieindustrie weltweit die Führungsrolle innehatte, litt sie darunter besonders. Um ihren Status nicht nur zu halten, sondern womöglich noch auszubauen, betrieb Bosch einen Zusammenschluss, der möglichst jede inländische Konkurrenz beseitigen sollte, um sich ganz auf die Herausforderungen des Weltmarkts konzentrieren zu können. Und dass dabei wiederum eine internationale politische Führungsrolle des Deutschen Reichs hilfreich wäre, war ihm und Duisberg auch klar.

          Im Ersten Weltkrieg war somit bereits das eingeleitet worden, was Jeffreys mit der zentralen Allegorie seines Buchs einen „faustischen Pakt“ nennt. Die deutschen Chemiefabrikanten verschrieben sich dem Staat, der aus militärischer Notwendigkeit als Großabnehmer für synthetischen Treibstoff und Gummi (Buna), für Sprengstoff und Giftgas auftrat. Bereits 1916, so ein überraschender Befund aus Jeffreys' Buch, regte Carl Duisberg bei der Obersten Heeresleitung die Deportation von belgischen Zivilisten als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich an. Dieses Beispiel, das immerhin 60.000 Menschen betraf, sollte ein Vierteljahrhundert später im Zweiten Weltkrieg Schule machen. Nur ging es dann um Millionen, und im Falle von Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen auch um „Vernichtung durch Arbeit“. Dazu waren Chemiefabriken ganz besonders gut geeignet.

          Ohne ihre schier unvorstellbare Größe und vor allem die Ausschaltung aller deutschen Rivalität auf dem rüstungstechnisch entscheidenden Feld der chemischen Produktion wäre die IG Farben für die Nationalsozialisten aber nicht ein solch unentbehrlicher Partner geworden. Wer die wechselseitige Verflechtung von Staat und chemischer Industrie in Deutschland verstehen will, muss auch deren Anfänge kennen, nicht nur den Exzess des Höhepunkts, als bei Auschwitz Hunderttausende im Buna-Werk der IG Farben schufteten und starben. Deshalb tut Jeffreys gut daran, seine Geschichte weit vor der eigentlichen Bildung der IG Farben zu beginnen, nämlich mit dem Siegeszug der anorganischen Chemie im mittleren neunzehnten Jahrhundert.

          Keine grundlegende deutsche Studie zu diesem Thema

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