25.11.2009 · Die Evolutionsmedizin untersucht, was unsere Vorfahren uns vermachten: Eine populäre Darstellung führt ein aufstrebendes Fach vor Augen, das in der „Rückbesinnung auf die Lebensbedingungen unserer Vorfahren“ gewaltige Fortschritte sieht.
Von Joachim Müller-Jung„Die Sonnenseite der Traurigkeit“ – ist so etwas denkbar? Können Depressionen einen tieferen Sinn, gar eine positive Funktion haben? Schwer vorstellbar nach all dem, was in den vergangenen Tagen nach dem Freitod des deutschen Nationaltorhüters Enke kollektiv empfunden und publiziert wurde. Wie sollte Schwermut, die einen Menschen allen Erfolgen zum Trotz verzweifeln lässt, denn anders aufzufassen sein als ein Irrweg der Natur, als eine fatale Krankheit?
Was sich kaum jemand vorzustellen wagt, die Evolutionsmedizin tut genau dies. Sie sucht in der seelischen Störung die Sinnhaftigkeit, den evolutionären Anpassungswert. Immerhin: Depressionen kennen die Kung! im afrikanischen Busch genauso wie die Helden der Zivilisation im Westen. Und wenn man die fast schon lückenlose Verbreitung – medizinisch: Prävalenz – depressiver Episoden betrachtet, über die die Weltgesundheitsorganisation mittlerweile laut zu klagen weiß, dann liegen Fragen wie die folgende fast schon auf der Hand: Könnte es sein, fragen sich die beiden amerikanischen Verhaltensgenetiker Paul Andrews und Anderson Thomson Junior in einem aktuellen Aufsatz im „Psychological Review“, dass sich Depression als ein von Isolierung, Appetitlosigkeit und extremer Nachdenklichkeit begleiteter Wesenszug des Menschen durchgesetzt hat, der ihm früher Vorteile beschert hat – zum Beispiel den, dass der Depressive seine Aufmerksamkeit konsequent und effizient auf die Analyse komplexer Probleme, mit denen der Homo sapiens zusehends konfrontiert war, gelenkt hat? Dass die Melancholie das Nachsinnen antreibt wie das Fieber die Immunabwehr? Überspitzt formuliert: Haben die seelischen Auszeiten den Fortpflanzungserfolg des frühen Menschen am Ende gar gesteigert?
Die Evolutionsmediziner verschaffen sich Gehör
Die Wissenschaftler, die sich solche Fragen stellen und medizinisch einen Nutzen daraus zu ziehen versuchen, hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht in einem klinischen Umfeld, das weniger nach den evolutionären Ursachen menschlicher Wesenszüge fragt als nach deren Funktionieren oder Nichtfunktionieren. Und doch scheint ihre Zeit jetzt gekommen. Die Evolutionsmediziner verschaffen sich Gehör. Sie denken über ein eigenes Fachjournal und Fachgesellschaften nach, verlieren auf Medizinkongressen wie jüngst dem „Weltgesundheitsgipfel“ ihren Exotenstatus. Und das erste deutschsprachige Buch mit Popularisierungsanspruch liegt nun auch schon vor.
Geschrieben haben es der Berliner Molekularbiologe Detlev Ganten und die beiden Wissenschaftsautoren Thilo Spahl und Thomas Deichmann. Ihre zentrale These lautet: Gesundheit und Krankheit sind öfter als gedacht das Erbe der Evolution. Schöner liest sich das in ihrem Titel: „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“. Und die wichtigste Frage heißt deshalb auch: Warum ist der menschliche Körper bei allen evolutionären Fortschritten – denken wir an das Größenwachstum des Gehirns – am Ende doch so unvollkommen? Wieso also haben wir noch Weisheitszähne und Wurmfortsatz, wieso den engen Geburtskanal bei Frauen, und weshalb hat die natürliche Selektion nicht verhindert, dass wir Gene vererben, die Gefäßverstopfungen befördern oder Fettsucht begünstigen? Schon diese kleine Auswahl macht deutlich, wo die Evolutionsmedizin am Mängelwesen Mensch ansetzt: an vielen Details.
Alltagstaugliche Beispiele
Nun haben es sich die drei Autoren keineswegs zur Aufgabe gemacht, lückenlose Beweisketten etwa für die evolutionären Hintergründe seelischer Störungen zu liefern. Das könnten sie auch gar nicht. Denn Thesen wie die der amerikanischen Verhaltensgenetiker Andrews und Thomson Jr. als wasserdichte Erklärungsmodelle zu bezeichnen ginge dann doch zu weit. Dafür gibt es noch zu viele unbeantwortete Fragen. Die Evolution der Depression wird in dem Buch sogar ganz außen vor gelassen. Stattdessen spielen andere alltagstaugliche Beispiele eine umso wichtigere Rolle. Unser Kreuz mit Stoffwechseldefiziten etwa. Es ist offensichtlich, dass der Mensch heute mit der äußerst effizienten Stoffwechselverwertung des Steinzeitmenschen seine Probleme hat. Statt, wie es sich für einen Jäger-Sammler-Nachkommen gehört, so viel Energie zu verbrauchen, wie es einer damals alltäglichen Wanderung von dreißig Kilometer entspricht, verbringen wir ein Leben „zwischen Fahrstuhl und Sitzgruppe“. Deshalb werden die Gene träge und der Speicherring am Bauch fülliger. Training tut not.
Was diese Gegenmaßnahme angeht, munitioniert die Evolutionsmedizin die modernen Lifestyle-Ratgeber. Die „Hygiene-Hypothese“ zur Körperabwehr führt die Autoren dagegen geradewegs zu der ironischen Frage: Kommt bald die „Einführung einer allgemeinen Stallpflicht?“ Gemeint sind die Kinder. Bis ins Mittelalter lebten gut 97 Prozent auf dem Land, und entsprechend hatten fast alle Kinder noch Kontakt zu Tieren. Sie lebten buchstäblich im Dreck, das Immunsystem wurde trainiert, ein Immungedächtnis aufgebaut.
Sauberkeit hat Nachteile
Heute fehlt ein solches Immungedächtnis den meisten Kleinen. Dass gleichzeitig Allergien und Asthma zunehmen, selbst Autoimmunleiden durch amoklaufende Antikörper, wird nicht mehr nur von Evolutionsmedizinern in direkten Zusammenhang damit gebracht. Zwar weiß man immer noch nicht, was genau im Dreck das Immungedächtnis trainiert, aber für viele Mediziner steht fest: Übertriebene Sauberkeit hat Nachteile. Tatsächlich aber, so haben die Evolutionsmediziner inzwischen gezeigt, ist weniger mangelnde Hygiene das Übel – die gilt zu Recht als eine der wichtigsten lebensrettenden Erfindungen der Moderne und schützt effektiv vor vielen gefährlichen Erregern. Nein, das Immunsystem der Kinder bekommt in der sterilen Umwelt offensichtlich Probleme mit Keimen, an die der Mensch eigentlich seit vielen Generationen gewöhnt war.
Für moderne Kliniker mag es paradox erscheinen: Die „Rückbesinnung auf die Lebensbedingungen unserer Vorfahren“, so lautet die Lehre der jungen medizinischen Disziplin, könnte gewaltige Fortschritte bringen. Das Buch der drei Autoren hilft in seiner vollkommen unprätentiösen Sprache, sich zwanglos an diesen Gedanken zu gewöhnen.
Die wichtigsten Sachbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Jüngste Beiträge