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Detlef H. Rost: Intelligenz : Außerirdische haben sie vielleicht auch

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Bild: Verlag

Was ist dran an der sozialen, emotionalen oder schlicht multiplen Intelligenz? Gar nichts, meint Detlef Rost, und bricht ganz nüchtern eine Lanze für die Aussagekraft des klassischen IQ.

          Die Psychologie erlebt seit einigen Jahren eine inflationäre Vermehrung von Intelligenzen: Körperintelligenz, soziale Intelligenz, visuelle, moralische, spirituelle und kulturelle Intelligenz erfreuen sich wachsender Popularität: Der klassische IQ hingegen steht für die Überschätzung des Rationalen. Zugleich können die Schulen sich kaum mehr vor Hochbegabten retten, die zahlreich wie nie aus den Sprechzimmern der Psychometriker marschieren.

          Stehen wir vor der Realisierung der alten pädagogischen Utopie, derzufolge man nur genau genug hinschauen muss, um festzustellen, dass jeder intelligent, begabt, der Beste ist? Nein, sagt Detlef H. Rost, Professor für Psychologie an der Universität Marburg. Statt wundersamer Intelligenzvermehrung sieht er Ahnungslosigkeit, schlechte Theoriebildung und Messfehler am Werk. Er hat sich den Intelligenz-Zirkus kritisch vorgenommen und ein trockenes, politisch wenig korrektes, dafür aber aufklärendes Buch geschrieben. Sein Ergebnis: Es gebe nur eine Intelligenz, eine stabile Größe, die am besten erforschte psychologische Größe überhaupt. Man könne sie messen und daraus zuverlässige Voraussagen über den Erfolg in Schule, Beruf und dem Leben im Allgemeinen ableiten. Und leider ist es dann, wie es immer war: Die meisten Menschen - etwa 68 Prozent - sind durchschnittlich intelligent, 14 Prozent sind dümmer, 14 Prozent klüger als der Durchschnitt, etwa zwei Prozent sind hochbegabt.

          Verzerrte Werte

          Die aktuelle Inflation von Hochbegabten führt Rost auf falsch geeichte Tests zurück. Der IQ ist kein absoluter Wert, sondern misst die Abweichung vom Mittelwert. Da die Menschen in den Industrieländern immer intelligenter werden, verzerren veraltete Vergleichsgrößen, wenn sie weiterhin herangezogen werden, den IQ nach oben.

          Zweifellos gibt es auch in der seriösen Psychologie eine unübersichtliche Vielfalt von Intelligenzdefinitionen. Fast alle Intelligenzforscher, so Rost, bezeichnen abstraktes Denken, logisches Schlussfolgern, Problemlösefähigkeit und die Kapazität zur Wissensaneignung als zentrale Elemente von Intelligenz.

          Nur eine Intelligenz

          Die Frage, ob es eine oder mehrere Intelligenzen gibt, hat die Intelligenzforschung seit ihren Anfängen um die Wende zum 20. Jahrhundert beschäftigt. Charles Spearman, einem der Gründerväter der Intelligenzforschung, war aufgefallen, dass gute Schulnoten in verschiedenen Fächern miteinander korreliert sind. Wer gut in Deutsch ist, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Mathematik besser als der Durchschnitt. Er nannte diese allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit „generelle Intelligenz“ oder „Generalfaktor“, kurz „g“. Der Kern von Spearmans Theorie hat nach Rost bis heute Bestand.

          Für die zahlreichen neu entdeckten Intelligenzen hat Rost dementsprechend nicht viel übrig. Konzepte ließen sich nicht schärfen, indem man ihnen unscharfe Begriffe, Konzepte oder Theorien hinzufügt. Für die „soziale Intelligenz“ von Thorndike etwa sei bis heute keine klare Definition in Sicht. Howard Gardner ignoriere die hohe Korrelation der von ihm postulierten „multiplen Intelligenzen“ und führe statt stichhaltiger Belege nur Anekdoten an. Golemans „Emotionale Intelligenz“ sei ein Kandidat für das Unwort des Jahres. Eine Untersuchung von Managern und ihren Mitarbeitern konnte keine Beziehung zwischen Führungsfähigkeit und emotionaler Intelligenz nachweisen.

          Was sagt der Generalfaktor aus?

          Bleibt also der Generalfaktor g, der sich bei starker Ausprägung in hoher Verarbeitungsgeschwindigkeit, gutem Kurzzeitgedächtnis und hoher Wissensautomatisierung manifestiere. Er werde in klassischen Intelligenztests gemessen, ist ab dem sechsten Lebensjahr stabil genug für eine Prognose des Erfolgs in der Grundschule und ab dem achten bis zehnten Lebensjahr tauglich für längerfristige Prognosen.

          Doch was folgt daraus, außer dies: Dass, wer Intelligenz messen will, sich an klassische Intelligenztests statt an Fragebögen zu emotionalen und sozialen Fähigkeiten halten möge? Kann man Zehnjährigen eine Nummer auf die Stirn kleben, die ihr weiteres Leben bestimmen wird? Wären die Schulempfehlungen für Grundschulkinder besser, wenn sie auf Intelligenztests statt auf dem wie auch immer gewonnenen Eindruck der Lehrer beruhten? Dazu hat Rost leider nichts zu sagen.

          Nicht nur die Gene

          Die mit dem IQ erhobene Intelligenz sei nur zu etwa fünfzig Prozent erblich. Ein großer Teil der IQ-Unterschiede in unserer Gesellschaft geht mithin auf Umwelteinflüsse zurück. Gezielte Förderung benachteiligter Kinder habe im Vorschulalter besondere Chancen, denn in diesem Alter hat der Erblichkeitsfaktor noch das geringste Gewicht. Doch solche Förderung sei schwierig: Förderprogramme für benachteiligte Kinder haben die in sie gesetzten Erwartungen bislang nicht erfüllt, denn einige Jahre nach Abschluss der Programme war in der Regel kein Effekt mehr nachweisbar. Die wichtigste Instanz für die Entwicklung von Intelligenz ist immer noch die Schule mit ihrer jahrelangen kontinuierlichen Arbeit.

          Am Ende des manchmal polemischen, meist jedoch nüchternen Buches sollte man sich daran erinnern, dass Intelligenz vielleicht der am besten erforschte, aber sicher nicht der einzige Faktor ist, der das Leben des Individuums gelingen oder scheitern lässt.

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