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: Der Zwerg, wie er wächst

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Eines der ungeheuerlichsten Schubert-Lieder ist die Ballade vom "Zwerg", der die schöne junge Königin, die ihn des Königs wegen verlassen hat, auf dem Meer erwürgen und versenken muß; und so rätselhaft sehnsüchtig-fürsorglich sie ihr Los akzeptiert, so sehr zerreißt es dem Zwerg das Herz: psychoanalytisch ein Motiv-Vexierbild.

          Eines der ungeheuerlichsten Schubert-Lieder ist die Ballade vom "Zwerg", der die schöne junge Königin, die ihn des Königs wegen verlassen hat, auf dem Meer erwürgen und versenken muß; und so rätselhaft sehnsüchtig-fürsorglich sie ihr Los akzeptiert, so sehr zerreißt es dem Zwerg das Herz: psychoanalytisch ein Motiv-Vexierbild. Der deformierte Außenseiter, erotisch verstrickt, ist ein zentraler Topos schwarzer Schauerromantik. So notiert Cosima Wagner 1878: "Richard erzählt mir, daß er einst völlige Sympathie mit Alberich gehabt, der die Sehnsucht des Häßlichen nach dem Schönen repräsentiere."

          Rigoletto, der Glöckner von Notre Dame und das Frankenstein-Monster zeugen ebenfalls davon, Oscar Wilde hat ihn in seinem Kunstmärchen "Der Geburtstag der Infantin" aufgegriffen und mit dem Spiegel-Motiv des "Dorian Grey" kombiniert: Der Hofzwerg weiß nicht von seiner "Häßlichkeit", verliebt sich in die schöne herzlose Prinzessin; doch nachdem er sich zufällig im Spiegel gesehen hat, schockiert von seinem abstoßenden Äußeren, stirbt er an gebrochenem Herzen. Sein Scheitern als Liebhaber kann er nur destruktiv gegen sich selbst richten; Wagners Nibelung jedoch verschiebt den Trieb-Verzicht ins Streben nach Weltherrschaft.

          Die Polarität von "häßlich" und "schön", der Geschlechter, von Außenseitern und Establishment, Kunst und Lebensrealität war ein zentrales Thema im Wien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, nicht zuletzt unter Künstlern und Intellektuellen jüdischer Herkunft. Ob Karl Kraus oder Otto Weininger, die Komponisten Franz Schreker und Alexander Zemlinsky, der Arnold Schönberg der "Glücklichen Hand" - immer wieder kreisen deren Gedanken wie Werke um diese Fragen, letztlich die nach der Identität. So war es kein Zufall, daß Schreker schon 1908 die Ballett-Pantomime "Der Geburtstag der Infantin" schrieb, und Zemlinsky 1919 bis 1921 "Der Zwerg", nach Georg C. Klarens Wilde-Adaption. Das Sujet indes fand Weiterungen. So schrieb Schreker, Zemlinsky habe ihn um ein Libretto um die "Tragödie des häßlichen Mannes" gebeten; doch als er dieses 1911 fertig hatte, war ihm klar, daß er es selber komponieren mußte: "Die Gezeichneten", mit der Hauptfigur des adligen Krüppels Alviano. Als Hans Neuenfels Schrekers Hauptwerk 1979 in Frankfurt mit Michael Gielen ingeniös wiedererweckte, beschwor er suggestiv Boris Karloff als "Frankenstein"-Monster.

          Daß Schreker wie Zemlinsky seit bald dreißig Jahren wieder vermehrt Interesse finden, hat mindestens zwei Gründe, einen ikonographischen und einen kompositorischen: Das Identitäts-Dilemma, seit Rimbauds "Je est un autre" zentral für die gesamte Moderne, tritt immer markanter in der Kunst hervor, ob bei Arnulf Rainer oder Lars von Trier. Und mit dem Zerfall eines angeblich konsistenten Avantgarde-Dogmas namens "Darmstadt", der Absage an eine hegelianische Geschichts-Teleologie auch in der Ästhetik rücken Zwischenpositionen wieder ins Blickfeld: Was heißt Fortschritt?

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