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: Der zornige Gott

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"Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt", so beginnt das Tagesgebet zum ersten Weihnachtsfeiertag. Gekleidet in den Lobpreis Gottes, betreibt dieser uralte, auf Leo den Großen zurückgehende Text eine religionsgeschichtlich einmalige Erhöhung des Menschen.

          "Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt", so beginnt das Tagesgebet zum ersten Weihnachtsfeiertag. Gekleidet in den Lobpreis Gottes, betreibt dieser uralte, auf Leo den Großen zurückgehende Text eine religionsgeschichtlich einmalige Erhöhung des Menschen. Geschaffen nach dem Bild Gottes und erneuert durch Christi Erlösung, kommt ihm eine quasigöttliche Würde zu.

          Aus diesem Befund wurden, wie der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt zeigt, in Spätantike und Mittelalter weitreichende Folgerungen gezogen. Wegen der Gottebenbildlichkeit verurteilten die Kirchenväter die Sklaverei und frühmittelalterliche Bußbücher den Mord. Der 1241 gestorbene Papst Gregor IX. berief sich zur Begründung seiner Forderung nach Gerechtigkeit für die Juden darauf, daß sie "das Bild des Erlösers besitzen und vom Schöpfer des Alls geschaffen sind". Francisco de Vitoria, einer der bedeutendsten Vertreter der spanischen Spätscholastik, erweiterte dieses Argument drei Jahrhunderte später auf die Indios Südamerikas.

          Eine weitere tragende Säule des christlichen Glaubens bildet das Liebesgebot. Die Liebe zu Gott läßt sich freilich ebensowenig erzwingen wie die Liebe zu einem Menschen. Deshalb war nach der übereinstimmenden Auffassung aller frühchristlichen Autoren eine Bekehrung nur dann von Wert, wenn sie aus freien Stücken erfolgte. Die einzige Waffe der Verkündigung durfte danach das Wort sein; Zwangsmissionierung war unzulässig.

          Das Verbot von Missionskriegen fand eine weitere Stütze in der hochmittelalterlichen Rezeption der aristotelischen Staatslehre. Danach hatten die Heiden mit den Christen die allgemeinmenschliche Natur gemeinsam. Deshalb konnten sie ein selbständiges Gemeinwesen haben, das naturrechtlich anzuerkennen war und nicht ob des bloßen Heidentums angegriffen werden durfte. "Die Sarazenen sind nicht zu töten", dekretierte die Kanonistik.

          Wie aber, wenn sich jemand bekehrt hatte und hernach dem christlichen Glauben untreu wurde? Die Antwort Jesu erblickte man über lange Zeit in dem Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut. Dem "Lasset beides stehen bis zur Ernte" entnahmen die Autoren des ersten christlichen Jahrtausends ein Verbot physischer Gewalt gegen Häretiker und Gotteslästerer. Das Urteil über sie stehe allein Gott zu, der Mensch dürfe es nicht vorwegnehmen.

          Damm des Liebesgebotes.

          Mit diesen Forderungen traf das Christentum auf religionsgeschichtlich tiefverwurzelte Gegenmächte. So wurde das Verbot Heiliger Kriege von der Kreuzzugsbegeisterung überspült, deren Umwertung des brutalen Kriegsdienstes zur Bußableistung ihrerseits ein Begleiteffekt der großen geistlichen Reformbewegung des Hochmittelalters war. Als besonders wirkungsmächtig erwies sich die Überzeugung, die Vernichtung von Gottesfeinden sei Staatsaufgabe. Bereits im Codex Justinianus war deren Tötung vorgesehen. Gottes Zorn ob der an ihm verübten Schmähung müsse durch die schwerste Strafe besänftigt werden, damit er nicht Erdbeben, Hungersnot und Pestilenz auf die Erde schicke. Dessenungeachtet gab es im ersten christlichen Jahrtausend nur eine einzige Ketzertötung. Noch hielt der Damm des Liebesgebotes stand.

          Seit der Jahrtausendwende aber setzten die Verfolgungen ein, nun mit Schwert und Feuer. Auf dem Vierten Lateran-Konzil erhielt das System von kirchlicher Aburteilung und weltlicher Hinrichtung seine kirchenamtliche Bestätigung. Wie verhielten sich die mittelalterlichen Theologen zu dieser neuen Linie? Die Antwort ist nach Angenendt "so kurz wie bestürzend: Sie paßten sich meistenteils an." Selbst der größte unter ihnen, Thomas von Aquin, machte keine Ausnahme. Hartnäckige Ketzer verdienen in seinen Worten "nicht nur von der Kirche durch den Bann ausgeschieden, sondern auch durch den Tod von der Welt ausgeschlossen zu werden".

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