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Der Wundknabe hat alle an der Nase herumgeführt

Der Geist weht, wo er will, und so entschloss er sich 1854, in dem verlassenen Ardennenstädtchen Charleville den Erzengel der Poesie das Licht der Welt erblicken zu lassen. Denn mit dem kleinen Arthur schenkte Vitalie Rimbaud dem Ungeist der Moderne selbst das Leben, der mit wenigen achtlos hingeworfenen Federstrichen ...

Der Geist weht, wo er will, und so entschloss er sich 1854, in dem verlassenen Ardennenstädtchen Charleville den Erzengel der Poesie das Licht der Welt erblicken zu lassen. Denn mit dem kleinen Arthur schenkte Vitalie Rimbaud dem Ungeist der Moderne selbst das Leben, der mit wenigen achtlos hingeworfenen Federstrichen über eine ganze Kultur des Wahren und Schönen das vernichtende Urteil fällen sollte. Seine Dichtung wurde schon zu seinen Lebzeiten zum Menetekel einer pathetisch zelebrierten Zeitenwende.

Mit einundzwanzig Jahren verstummte das Wunderkind schlagartig, um nie wieder auf seine dichterische Phase Bezug zu nehmen. Er verdingte sich fortan als Seemann auf einem Segler nach Java, als Waffenhändler in Abessinien und als Söldner am Horn von Afrika. Auch seine als Aufbruch in die Wildnis gedeutete rastlose Fahrt durch dreizehn Länder wurde Teil seiner Legende. 1891 starb er mit siebenunddreißig in Marseille, nachdem ihm ein Bein amputiert werden musste.

Rimbaud wurde zum Heiligen der Revolte. Wer, wie es der Dichter forderte, absolut modern sein wollte, sah in ihm seinen Vorläufer. In den Kreisen der Avantgarde behandelte man seinen Brief über den Dichter als Seher wie ein Evangelium. Die Aufbegehrenden aller folgenden Generationen waren seine Wiedergänger, ob James Dean, Allan Ginsberg, Bob Dylan oder Jim Morrison. Er steckt aber auch in der Haut praktisch jedes auf ihn folgenden französischen Schriftstellers.

Der 1945 geborene Pierre Michon gehört unverkennbar in diese Linie. Bisher hat er ein vergleichsweise schmales Werk vorgelegt, von dem zwei Bücher kongenial von Anne Weber ins Deutsche übersetzt worden sind. 2004 erschien die deutsche Ausgabe von "Vies minuscules" unter dem Titel "Leben der kleinen Toten", nun ist das großartige "Rimbaud der Sohn" in der Bibliothek Suhrkamp herausgekommen.

Michon geht geradewegs auf die opake Erscheinungsweise des Mythos von Rimbaud zu. Sein Buch setzt an dem Punkt an, an dem dieser Mythos auch den einholt, der sich ihm explizierend nähert. "Leider hat Rimbaud die Gabe, alle, die sich ihm nähern, an der Nase herumzuführen." Damit ist das zentrale Problem, das man mit Rimbaud bekommt, ausgesprochen. Sein Bild schwankt bis heute zwischen Genialität und Scharlatanerie; es erscheint unmöglich, sein Rätsel zu lösen.

An dem Jüngling zeigte sich die Tendenz, seine Umwelt wie die gesamte Kultur, die ihn umgab, in den Schatten der Bedeutungslosigkeit zu verweisen. Ob der Lehrer Izambard, der ihn früh förderte, oder der in Paris hochverehrte Theodor Banville, der ihn empfing, schließlich Paul Verlaine, dessen Geliebter Rimbaud wurde - sie alle verglühten in seinem Licht, auch weil ihre Verse nicht den radikalen Klang des Wunderkindes aufweisen. Rimbaud pfeift auf alles, auch auf die Revolte, die er angezettelt hat. Das Verschwinden wird zur Manie, das Umherziehen kennzeichnet seine Gestalt, die jede Identität zu verlieren scheint. Meinte er das, als er sagte, Ich sei ein anderer?

Inzwischen, so Michon, seien diese Sätze, die man wie einen Katechismus nachbetete, zum nichtssagenden Gerümpel der Moderne geworden. Die Bücher seien nur ein einziges, das, indem es die erreichbaren Fakten auffährt, das Rätsel verfehlen muss. Dieses Rätsel, legt Michon nahe, trete uns als Stoff gegenüber, der selbst nichts anderes als Literatur sei. Aus diesem Verhängnis nimmt Michon alles Bekannte auf: die Familiengeschichte, die wie ein Gruselstück anmutet, mit der Mutter als böse Fee Carabosse und dem Vater als dem abwesenden Dämon, dem der Junge so lange nicht entkommt, bis er dessen unstetes Wanderleben aufnimmt und selbst zum Abwesenden wird.

Das Kind, das mit der Schönheit seiner Verse die verbitterte Fee heilen will und es nicht kann, bis die Bitterkeit und die Gewalt von seinen Versen Besitz ergreift. Der sich in einem homosexuellen Abenteuer wiederfindende Neunzehnjährige, der mit dem zehn Jahre älteren, verheirateten Dichter Verlaine eine verbotene Ehe der Poesie versucht. Bis beide die Unmöglichkeit spüren, "dass in dem gleichen Zimmer in Camden Town zwei zugleich der Vers persönlich sind. Unter Lebenden gibt es da kein Teilen, eine der beiden Saiten muss reißen." Schließlich das berühmte Foto von Carjat, das den Achtzehnjährigen mit dem eiskalten Blick zeigt, der zugleich ein fragender Blick ins Nichts zu sein scheint.

Michons Text liest sich als dithyrambischer Essay und als reales Märchen zugleich. Er ist darin ein Röntgenbild der modernen französischen Literatur, ihrer Typologien und ihrer Legenden, ihrer Ruhmeshallen und ihrer Schrottplätze. Zugleich wird der Mythos der Moderne in seiner ganzen Antiquiertheit vorgeführt. Der Glaube an den perfekten Vers, an die Kraft des Neuen, der Wille zum Personenkult und die Metaphysik der Revolte - das alles verbindet man mit Rimbaud, und es erscheint uns heute wie das Trümmerfeld einer weit zurückliegenden Vergangenheit.

CHRISTIAN SCHÄRF

Pierre Michon: "Rimbaud der Sohn". Aus dem Französischen übersetzt von Anne Weber. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2008. 115 S., geb., 11,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2008, Nr. 266 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 13.11.2008, 12:00 Uhr