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Der Wüstenplanet

02.07.2006 ·  Unsere Universitäten und der Stolz auf die große Tradition: Ein gewaltiges Mißverständnis

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Der Planet heißt Akademia. Er ist von zwei Stämmen besiedelt, die nicht miteinander kommunizieren können. Einig sind sich beide, daß das Klima auf dem Planeten wüstenhaft und rauh ist. Die erste Gruppe stellt seine Besiedlung in Form von Glashäusern dar. Man ist entweder drinnen oder draußen, und die Kämpfe und Konkurrenzen drehen sich um Einlaß in die geschützten Werkstätten.

Die zweite Gruppe beschreibt den Planeten ganz anders: als ein System von Busbahnhöfen. Man stellt sich an einem Schalter an, und das kann dauern; unklar ist auch, wer wo welche Fahrkarte bekommt. Damit fährt man dann los; es kann allerdings passieren, daß man zwischendurch aussteigen muß, mitten in der Wüste. Eine gute Fahrkarte dagegen bringt einen nach langer Fahrt nirgendwo anders hin als zum nächsten Bahnhof. Die Konkurrenzkämpfe drehen sich also nicht um Zugang zu Orten, sondern um die richtigen Tickets, um Geschwindigkeit.

Die Vertreter beider Richtungen sind nicht in der Lage, die Wahrnehmung der jeweils anderen nachzuvollziehen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie sich hinter Glasscheiben finden und hinausschauen auf den kargen, wüstenhaften Planeten. Für die Mitglieder der einen Gruppe ändern sich die, die draußen stehen und warten. Für die der anderen ändert sich die Landschaft.

William Clarks neues großes Buch zur Geschichte der europäischen Universitäten lädt ein, Claude Lévi-Strauss' berühmte Skizze des Indianerstamms der Wennebago, dessen Angehörige ihr Dorf auf zwei komplett unterschiedliche Weisen beschreiben, auf die Bewohner des Planeten Akademia zu übertragen. Denn "Academic Charisma and the Origins of the Research University" kommt zwar als dickleibige historische Studie daher, aber wenn Clark auf spätmittelalterliches und frühneuzeitliches Material zurückgreift, geht es ihm nicht um Universitätsgeschichte im üblichen Sinn, sondern um Wissenschaftsethnologie. Er will vermeintlich vertraute - und nur allzu gut bekannte - Phänomene des akademischen Betriebs so darstellen, daß sie plötzlich in einem ganz neuen, sehr exotischen Licht erscheinen.

Universitäten reden zwar gerne von ihrer jahrhundertealten Tradition, aber sie reden sehr weit weniger gerne davon, woraus diese Tradition eigentlich bestanden hat. Das hat einen guten Grund. Zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert waren die deutschsprachigen Universitäten intellektuell nicht allzu produktiv, um es vorsichtig auszudrücken. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren die Protagonisten der wissenschaftlichen Revolutionen der Frühen Neuzeit anderswo tätig, an Höfen und fürstlichen Akademien. Die Universitäten waren in dogmatischer und pedantischer Gelehrsamkeit erstarrt. Korrupt waren sie ebenfalls; bestechliche Prüfer waren an der Tagesordnung. Die verbreitete Praxis, daß Professoren ihre Lehrstühle innerhalb ihrer Familie oder praktischerweise gleich an ihre Söhne weitergaben, hat den Ruf der Institutionen auch nicht verbessert. An der Universität Basel gab es 1666 angeblich nur einen einzigen Professor, der nicht mit allen anderen verwandt war. Heidelberg verordnete 1787, Professorensöhne, sofern ausreichend qualifiziert, könnten selbstverständlich den väterlichen Lehrstuhl erben.

Es gehörte nicht zur Jobbeschreibung vormoderner Professoren, sich etwas Neues einfallen zu lassen - im Gegenteil. Ihr Geschäft war die unabschließbare Auslegung kanonischer Texte. Ulrich Pregner, Theologieprofessor in Tübingen im 17. Jahrhundert, hielt seine Vorlesungen vier Jahre lang ausschließlich über das Buch Daniel, dann 25 Jahre über das Buch Isaiah und schließlich 15 Jahre über das Buch Jeremiah, bevor er achtzigjährig starb - "close reading" im Wortsinn. Für seine Institution kein Problem, denn die Verfassung der Universitäten war abgeleitet von monastischen Organisationsformen. Charisma war also unverzichtbar. Es steckte dem Verständnis der Universitätsangehörigen nach in Amtskleidern und Ritualen, Lehrstühlen und Lehrbüchern und natürlich in Titeln - aber nicht in Personen. Berufung der Fähigsten stand in explizitem Widerspruch zur traditionellen Universitätsverfassung.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Kritik an den unproduktiven Universitäten immer lauter. Der anonyme Autor einer Göttinger Universitätssatire von 1782 meinte, Akademiker seien wie Kinder: Je mehr man auf ihr Schreien höre, desto lauter jammerten sie. Der Anonymus schrieb vom positiven Effekt des Neids unter Gelehrten und träumte von einer Universität, an der niemand ein festes Gehalt bezöge und alle Professoren nur von den Gebühren der Studenten lebten. Der Konflikt zwischen altehrwürdiger Autonomie und vom Geldgeber eingeforderter Effizienz ist also möglicherweise um einiges älter als die viel beklagten Bologna-Reformen des 21. Jahrhunderts. Denn tatsächlich wurden viele ehrwürdige deutsche Universitäten mit mehrhundertjähriger Geschichte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert schlicht geschlossen - und zwar für immer.

Wenn heute von Universitäten die Rede ist, bezieht man sich eben nicht mehr auf diese alten Institutionen, sondern auf das neue und rasch international nachgeahmte Modell der Forschungsuniversität Humboldtscher Prägung; und die wollte mit ihren Vorläufern explizit nichts zu tun haben. Auch darum wäre es wünschenswert, daß sich ein mutiger Verlag für eine deutsche Ausgabe von William Clarks Buch fände.

Es war der Druck der Ministerien als Geldgeber, der am Ende des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts die moderne Forschungsuniversität und ihren Geniekult entstehen ließ. Von nun an sollten Gelehrte nicht mehr länger altehrwürdiges Wissen auslegen, sondern neues erzeugen. Der dozierende Professor mußte deshalb zum Autor werden. Denn Schriftlichkeit hieß Nachprüfbarkeit: Das ältere System geschlossener Zirkel von Nepotismus (und Korruption) machte der bürokratischen Kontrolle des Unterrichts und seiner Inhalte Platz.

Soweit die Theorie. In der Praxis wurden aus den neuen rationalen Seminarleitern allerdings sehr rasch charismatische Wissenschaftsfürsten mit eigenen Hackordnungen, Leibeigenen und eifersüchtig abgesteckten Forschungsterritorien. Auch die gelehrte Selbstdarstellung und die böse kollegiale Nachrede verschwanden nicht, sondern wurden adaptiert, wie Clark zeigt. Berichte an die Behörden und Rezensionen in den entstehenden wissenschaftlichen Zeitschriften erwiesen sich dafür als ebenso nützlich wie Gerüchte und vertrauliche Gutachten. Daher die vielen indirekten Aussagen, Passivkonstruktionen, doppelten Negationen und ungenannten Gewährsleute, die für solche Texte typisch sind. Und zwar bis heute.

Statt des Degens konnte der Gelehrte also von nun an sein Schreibzeug zücken. Im 17. Jahrhundert mußte an der Universität Salamanca noch jeder frisch Promovierte in der Corrida einen Stier, den "paseo doctoral", töten und mit dessen Blut seinen eigenen Namen auf eine Hauswand schreiben; erst dann wurde ihm die volle Anerkennung des Titels zuteil. Heute, so ließe sich Clarks Argument ironisch verkürzen, geht man für solche Mannbarkeitsriten auf Konferenzen. Oder schreibt Rezensionen über die Bücher der Kollegen.

Mit der Forschungsuniversität des neuen preußischen Typs war das durchaus kompatibel. Denn die rasche Bürokratisierung der deutschen Universitäten nach Humboldts Reformen war nicht Anzeichen für ihr Scheitern, sondern für ihren Erfolg. Erst diese erfolgreiche Stabilisierung schuf den Spielraum, den Akademiker als Helden romantischer Erzählungen wieder ins System einzuspeisen: als Angehörigen eines wehrhaften Geistesadels staatlicher Druckkostenzuschüsse.

Das ist die Lektion von "Academic Charisma": Simulacra produzieren ihre eigenen Subjekte. Akademiker, so zeigt Clark, werden buchstäblich von ihren eigenen Namen in den Mündern anderer Leute verfolgt. Die so heftig gesuchte Nachrede behält auf grausame Weise recht: Professoren werden tatsächlich zu denen, als welche sie in Berichten und Gerüchten dargestellt werden. Nachzulesen ist das heute unter anderem in den Kleinanzeigen des Wirtschaftsteils der "Neuen Zürcher Zeitung". Nach dem "alten deutschen Adelsgeschlecht", das "durch Adoptionen noch 3 Adelstitel" anbietet ("ernsthafte und solvente Interessenten melden sich bitte unter Chiffre K 045-703198"), steht da: "Deutscher Doktorvater gesucht? Kein Problem. Tel 0049-2204-xxx. www.drgxxx.de".

VALENTIN GROEBNER

Der Autor ist Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Luzern.

William Clark: Academic Charisma and the Origins of the Research University, University of Chicago Press, 2005, 662 Seiten, ca. 45 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.07.2006, Nr. 26 / Seite 28
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