http://www.faz.net/-gr3-omsi

: Der Weltgeist läßt bitten

  • Aktualisiert am

Wer Klaus Roths Buch über die Genealogie des Staates lesen will, braucht Zeit, viel Zeit, in jedem Fall mehr Zeit, als dies heutigen Lesegewohnheiten und Zeitbudgets, auch und gerade in akademischen Kreisen, entspricht. Vermutlich wird das Buch mehr pensionierte Studienräte denn Studenten und Nachwuchswissenschaftler als Leser haben.

          Wer Klaus Roths Buch über die Genealogie des Staates lesen will, braucht Zeit, viel Zeit, in jedem Fall mehr Zeit, als dies heutigen Lesegewohnheiten und Zeitbudgets, auch und gerade in akademischen Kreisen, entspricht. Vermutlich wird das Buch mehr pensionierte Studienräte denn Studenten und Nachwuchswissenschaftler als Leser haben. Roth hat nämlich ein wahrhaft anachronistisches Buch geschrieben, das von seiner Anlage und seinem Argumentationsduktus her an die umfänglichen Untersuchungen erinnert, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts von emeritierten Professoren als Summe ihrer lebenslangen Forschungen vorgelegt worden sind.

          Aber Roths Buch ist kein Alterswerk, sondern eine politikwissenschaftliche Habilitationsschrift, die vor einiger Zeit am Otto Suhr Institut der Freien Universität Berlin eingereicht und dort angenommen worden ist. Und obendrein ist es, was man von politikwissenschaftlichen Habilitationen nicht unbedingt erwartet, ein Werk von großer Bildung und stupender Belesenheit, ein im besten Sinne bildungsbürgerliches Buch also, das so ganz und gar nicht in die vorherrschende Tendenz der Segmentierung und Spezialisierung von Wissenschaft passen will. Das alles sind Gründe genug, sich die Zeit zu nehmen und auf eine Lektüre einzulassen, die zu einem wahren Streif- und Beutezug durch die abendländische Geistesgeschichte wird.

          Es geht Roth, zumindest verheißt dies der Titel seines Buches, um die Genealogie des Staates. Dabei versteht er Staat nicht als Sammelbezeichnung für jegliche Form politischer Ordnung, sondern will den Begriff auf den institutionellen Flächenstaat beschränkt wissen, wie er sich in Europa im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert herausgebildet hat. Aber Beschränkungen beziehungsweise Selbstbeschränkungen sind Roths Sache offenbar nicht, und deswegen setzt seine Genealogie des Staates auch nicht bei den sogenannten konfessionellen Bürgerkriegen der Frühen Neuzeit an, für die der institutionelle Flächenstaat das erfolgreiche Lösungsmodell dargestellt hat, sondern geht zurück bis zum Investiturstreit, von Roth als "Papstrevolution" bezeichnet, in dessen Verlauf die sakral-imperiale Herrschaftsidee des salischen Kaiserhauses durch das energische Auftreten Papst Gregors VII. zerstört worden ist.

          Freilich kommt Roth auf die schließlich nach Canossa führenden Auseinandersetzungen erst in der Mitte seines über 800 engbedruckte Seiten (ohne Literaturverzeichnis und Register) starken Buches zu sprechen: Der Investiturstreit nämlich hat, wie er argumentiert, ideengeschichtliche Voraussetzungen, die in einer Genealogie des Staates nicht ausgelassen werden können. Und so beginnt die Arbeit bei der Entdeckung der Demokratie in der Poliswelt der Griechen sowie parallel dazu, aber zeitlich noch weiter zurückgreifend, bei der Entfaltung theokratischer Vorstellungen im Alten Testament. Unterderhand ist aus einer Untersuchung zur Genealogie des institutionellen Flächenstaats auf diese Weise ein Gang durch die Geschichte des politischen Denkens geworden, bei dem kaum eine Zwischenstation und ein Aussichtspunkt ausgelassen werden. Denn wenn schon die griechischen und jüdischen Ursprünge behandelt werden, dann müssen natürlich auch die Römer in Augenschein genommen werden, dazu die urchristliche Gemeindebildung, die Entstehung der Amtskirche und so weiter.

          Alles Staat oder was? Unverkennbar ist Roths Argumentation hegelianisch imprägniert, auch und gerade dann, wenn er sich des auf Nietzsche zurückgehenden Begriffs der Genealogie bedient. Nicht nur, daß Nietzsches aphoristische Kürze und Würze Roth gänzlich abgeht - es fehlt ihm auch das Gespür für die Brüche, Überlagerungen und Umdeutungen, wie sie eine genealogische Analyse im Sinne Foucaults auszeichnen müßte. So ist Genealogie, allen methodologischen Vorbemerkungen zum Trotz, für Roth nur ein Wort, das ihm die Lizenz gibt, nicht erst in der Frühen Neuzeit oder vielleicht auch dem späten Mittelalter anfangen zu müssen, sondern seiner omniinklusiven Entdeckerfreude freien Lauf lassen zu dürfen. Das möchte man ihm gönnen, zumal dabei kluge Beobachtungen zutage gefördert und überraschende Zusammenhänge hergestellt werden, wenn dabei nur nicht immer wieder die hegelianische Grundannahme durchscheinen würde, daß sich dies alles vernünftig entwickelt habe, so daß die Genealogie des Staates zuletzt nichts anderes ist als die Auslegung und Entfaltung einer Gestalt der politischen Vernunft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hohe Spritpreise : Benzindiebe gehen um in Deutschland

          Die hohen Benzinpreise sind nicht nur an der Tankstelle ärgerlich – es wird auch lukrativer, Sprit zu klauen. Die Polizei warnt inzwischen vor Benzindiebstählen in ungekanntem Ausmaß. Bei den Ermittlungen sind die Beamten meist machtlos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.