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: Der Traum von der sozialen Stadt

  • Aktualisiert am

Wer ihn nicht kennt, weiß nichts über die Bauwelt der DDR: Richard Paulick war deren wohl wichtigster Architekt und ist trotzdem (oder gerade darum) fast vergessen. Mit ihm vollzog sich das, was Hoffmann-Axthelm "Architektur ohne Architekten" nannte: die Entpersonalisierung des Bauens einer ganzen Epoche unter ideologischem Druck.

          Wer ihn nicht kennt, weiß nichts über die Bauwelt der DDR: Richard Paulick war deren wohl wichtigster Architekt und ist trotzdem (oder gerade darum) fast vergessen. Mit ihm vollzog sich das, was Hoffmann-Axthelm "Architektur ohne Architekten" nannte: die Entpersonalisierung des Bauens einer ganzen Epoche unter ideologischem Druck. Selbst dort, wo jeder den Architekten noch erkennen müßte, wie an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, deren Wiederaufbau bis heute zu den Glanzleistungen der frühen Nachkriegsjahre gehört, oder an der Karl-Marx-Allee (Stalinallee), bleibt er vergessen. Statt Paulick feierte man lange den eloquenten Hermann Henselmann als Erbauer, der dann fast immer zu widersprechen vergaß, obwohl es die reine Unwahrheit war.

          Unter den Baumeistern im sozialistischen Deutschland ragte der in Roßlau geborene und am Bauhaus geschulte Architekt aus vielen Gründen heraus. Richard Paulick war ein ungewöhnlich begabter Generalist. Er studierte in Dresden und bei Hans Poelzig in Berlin, stieß früh zum Dessauer Bauhaus, wo er 1926 mit Georg Muche das erste Stahlhaus entwarf und baute - ein winziges Siedlungshaus für einfache Leute, serientauglich und Avantgarde zugleich. Er ist erst Anfang Zwanzig, als ihn Walter Gropius mit Leitungsarbeit in seinem Dessauer Büro betraut, dreht Mitte der zwanziger Jahre in Berlin expressionistische Filme über das Neue Bauen und gründet 1930 sein eigenes Büro. Ein junger Mann mit großer Zukunft.

          Dann kommt der große Bruch: 1933 ist Paulick bereits im Exil, in Schanghai, wo er bald eigene Firmen hat und eine Professur an der amerikanischen Universität, schließlich das Stadtplanungsamt leitet und viele Freunde trifft, die Kommunisten sind. Das ist insofern wichtig, weil sie ihm wohl eine Nachkriegszukunft in den Vereinigten Staaten verbauten. Nicht ganz freiwillig, und die ersten Jahre zumindest aus Paulicks Sicht vorläufig, kehrt er 1950 nach Deutschland zurück, in die DDR - weil nur sie ihm ein interessantes Angebot machte. Er arbeitet kurze Zeit unter Hans Scharoun, den er lange kannte und dessen Vorstellungen vom sozialen Wohnungsbau er teilte. Dann trennen sich diese Wege, und Paulick ist, so nicht gerade in Ungnade, der ostdeutsche Chefarchitekt.

          Seine frühesten Spuren sind unberührt und werden zum Teil sogar als Baudenkmal geschützt: das Stahlhaus, die Berliner Kant-Garagen, schließlich die Stalinallee mit ihrem umwerfenden Wohnkomfort. Für die Allee verachteten ihn anfangs seine Bauhaus-Freunde, später wird die Straße im Osten denunziert, wohl um den Namensgeber Stalin vergessen zu machen, während im Westen die Bewunderung für diesen letzten europäischen Boulevard stetig zunimmt.

          Tragisch ist das Ende dieser so glänzend begonnenen Architekten-Laufbahn. Die sozialistischen Modellstädte Hoyerswerda, Schwedt und Halle-Neustadt sind Zeugnisse für Paulicks Scheitern am Starrsinn einer Parteibürokratie, die sich die Bauherrschaft anmaßte unter Verachtung der Ästhetik und statt der Baukunst die Bedürfnisse der Kranbahn zum entscheidenden Maß des industriellen Wohnungsbaus machte. Paulick beugte sich diesem Diktat, ein Opportunist war er trotzdem nicht. Wer die Zeit und das SED-Regime kennt und seine Zwänge, wird beurteilen können, daß nicht nur Anstand, sondern auch sehr viel Mut dazu gehörte, als Paulick sich (erfolgreich) dafür einsetzte, seinen Studienfreund und Kollegen Rudolf Hamburger aus sowjetischer Haft zu befreien und in sein Meisterbüro zu holen. Hamburger hatte Paulick einst geholfen, im chinesischen Exil Fuß zu fassen. Die uniformen Städte, die am Ende von Paulicks Schaffen stehen und eigentlich, schaut man zum Anfang zurück, die Erfüllung hätten sein müssen, sie werden heute zu einem Teil, weil unbenutzt und abgelehnt, abgerissen. Über die Vergeblichkeit kreativen Eigensinns im falschen Leben schreibt Paulick schließlich an Georg Muche: "Seit Anfang 1975 bin ich sämtlicher offiziellen Funktionen enthoben."

          Man wird Richard Paulicks Schaffen erst richtig beurteilen können, wenn alle Puzzleteile dieses zerrissenen Lebens wieder zusammengesetzt sind. Paulicks Geburtsstadt Roßlau in Sachsen-Anhalt hat kürzlich einen bemerkenswerten Anfang gemacht und anläßlich seines hundertsten Geburtstages zu einem Kolloquium geladen und eine kleine Ausstellung ermöglicht. Der daraus entstandene Band versammelt alles, was bisher erforscht worden ist ("Bauhaus-Tradition und DDR-Moderne". Der Architekt Richard Paulick. Herausgegeben von Wolfgang Thöner und Peter Müller. Deutscher Kunstverlag, München 2006. 192 S., 80 Abb., br., 24,90 [Euro]). Die Kunsthistoriker Peter Müller und Wolfgang Thöner haben die in ihrer Qualität recht unterschiedlichen Beiträge bestens zusammengefaßt und geben in ihrem Vorwort noch am deutlichsten eine Ahnung davon, was die Erforschung dieses Architektenlebens alles bereithält. Neben Müllers Essay zu Paulicks Rolle bei der ersten Schloßplatzdebatte nach dem Krieg (Paulick lehnte die Sprengung des Schlosses ab) und Thöners Bericht über die Bauhaus-Jahre ragen Jörn Düwels Dokumentation der Stalinallee und der Bericht Philipp Springers über die "dritte sozialistische Stadt" Schwedt aus den übrigen Beiträgen heraus, weil sie zum Schwarz und Weiß die vielen Grautöne dieser anderen Baugeschichte hinter der Mauer hinzufügen. Es bleibt trotzdem das unvollständige Bild einer exemplarischen deutschen Biographie im vergangenen Jahrhundert.

          REGINA MÖNCH

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