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Der Ruhm wird gebunden kommen und dann wachsen wie eine Feuersbrunst

"Die Welt als Wille und Vorstellung" als Makulatur: Schopenhauers langer Kampf mit seinen Verlegern und den Druckfehlern

In einem Leipziger Antiquariat des Jahres 1865 sorgte eine leise Stimme dafür, daß der Student der klassischen Philologie Friedrich Nietzsche ganz gegen seine Gewohnheit ein ihm völlig fremdes Buch erstand: "Ich weiß nicht, welcher Dämon mir zuflüsterte: ,Nimm dir dies Buch mit nach Hause.'" Ein Dämon mußte es rückblickend schon gewesen sein, der die Bekanntschaft mit Schopenhauer und mit seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" vermittelt hatte. Schließlich ging es nicht um irgendeine bedeutende Etappe auf dem Bildungsweg, sondern um "Krankheit und Heilung, Verbannung und Zufluchtsort, Hölle und Himmel". Schopenhauer las man nicht einfach, sondern man fand sich zu ihm bekehrt, zu neuem Leben erweckt, einer Gemeinde von Jüngern zugehörig, die mehr als nur Leser waren, wie Nietzsche einige Jahre später über den "Erzieher" Schopenhauer schrieb, "nämlich seine Söhne und Zöglinge".

Auf Erweckungen lief es hinaus. Das entsprach einem Grundton von Schopenhauers "System", der auf Erlösung gestimmt ist, auf die Ablösung vom blinden Treiben des Willens und den Aufstieg zur reinen Schau. Das setzte auf einen Begriff von Weltweisheit und metaphysische Erhöhung, die in der Philosophie ausgespielt hatten, ob nun bei dem von Schopenhauer verehrten Kant oder bei dem von ihm verteufelten Hegel. Doch solche "Unzeitgemäßheit" war zum Zeitpunkt von Nietzsches Begeisterung, fünf Jahre nach Schopenhauers Tod, schon dabei, in eine nachhaltig wirksame Modernität umzuschlagen - abseits der akademischen Einhegungen und nicht zuletzt auf dem Terrain einer zur letzten metaphysischen Bastion promovierten Kunstanschauung. Der alte Schopenhauer hat diese Anfänge seines Ruhms kommentiert. Es war die Bestätigung jener Selbstversicherung des Durchbruchs, an die er sich über Jahrzehnte hatte halten müssen: "Meine Zeit wird und muß kommen, und je später, desto glänzender." Auch wenn das heißen mochte, vielleicht erst postum: Das Bewußtsein, als der echte Vollender Kants für die wahre Philosophie einzustehen, erhielt dadurch nur seinen letzten Schliff.

Die ausbleibende Wirkung seines Werks ließ Schopenhauer bis ins hohe Alter hinein kaum eine andere Möglichkeit, als sich zum verkannten großen Gegenspieler zu erklären, sei es der Universitätsphilosophie, sei es der "Gesunkenheit des Zeitalters" insgesamt. Über das Geschick seiner zu Lebzeiten veröffentlichten Bücher, sein Selbstbild und seinen Umgang mit der so lange aufgeschobenen Wirkung erfährt man das meiste in seinem Briefwechsel mit dem Verlag Brockhaus, wo "Die Welt als Wille und Vorstellung" 1818 (mit der Jahresangabe 1819) erschien. Diese Briefe haben eine lange Editionsgeschichte; zuletzt wurden sie von Ludger Lütkehaus in einer handlichen Ausgabe veröffentlicht. Alfred Estermann, langjähriger Leiter des Frankfurter Schopenhauer-Archivs, hat auf Grundlage einer um einige Funde arrondierten und durchgesehenen Sammlung der Briefe einen Parcours durch die von 1818 bis zum Tod Schopenhauers 1860 sich ziehende Korrespondenz vorgelegt. Er bewältigt ihn kenntnisreich und elegant, indem er Zitate aus den Briefen und aus den Briefkonzepten mit Erläuterungen zu einer Geschichte von "Schopenhauers Kampf um sein Werk" verknüpft.

Daß Schopenhauer bei diesem Kampf auf seinen Verleger angewiesen war, wußte er. Zu Geschmeidigkeit und Verständnis im Umgang mit diesen soliden Geschäftsleuten, drei Generationen von Brockhaus als Leitern des Unternehmens, hat ihn das nicht verführt. Es ging um das wahre philosophische System, das in "groß Oktavo mit höchstens 30 Zeilen auf der Seite", mit scharfen deutschen Lettern und fehlerfrei bis zu genau bestimmten Terminen zu drucken war. Das Buch sollte makellos einer Welt entgegentreten, die auf solches Ereignis nicht gefaßt sein konnte. Wehe, er glaubte Anlaß zu haben, daß dabei nicht alles nach seinen Vorstellungen geschah. Friedrich Arnold Brockhaus hätte ahnen müssen, was und wen er sich da einhandelte. Aber erst einige Briefe und unglaubliche Grobheiten Schopenhauers später weiß er, mit welchem "Kettenhund" von Autor er es zu tun hat. Brockhaus' letzte beide Briefe, mit denen er die Korrespondenz kurz vor Erscheinen des Buchs abbricht, können sich sehen lassen.

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Veröffentlicht: 14.03.2005, 12:00 Uhr