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: Der Präsident des einundzwanzigsten Jahrhunderts

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Vor etwas mehr als einem Jahrhundert erschuf sich der damals achtzehnjährige österreichische Maschinenbaustudent Robert Musil für seine ersten literarischen Versuche ein anderes Ich. Der Name, den dieses Schreib-Ich erhielt, war ein bisschen martialisch, ein wenig geheimwissenschaftlich; vor allem ...

          Vor etwas mehr als einem Jahrhundert erschuf sich der damals achtzehnjährige österreichische Maschinenbaustudent Robert Musil für seine ersten literarischen Versuche ein anderes Ich. Der Name, den dieses Schreib-Ich erhielt, war ein bisschen martialisch, ein wenig geheimwissenschaftlich; vor allem jedoch klang er elegant und war deshalb nicht umsonst aus dem Französischen geborgt: monsieur le vivisecteur. Der Kunstname, fährt Musils Tagebuch fort, sei "natürlich eine Pose", aber er gebe ihm "Kraft, Lust, Streben". Die Vivisektion, notiert zur selben Zeit der siebzehnte Band von "Meyers Konversations-Lexikon", sei "ein Versuch am lebenden Tier, der mit einer Verwundung und Verstümmelung verbunden ist". Dieser Methode, so das Lexikon weiter, verdanke die Heilkunde eine Fülle an Fortschritten; allerdings habe sie auch nicht wenige "empfindsame Gemüter in Aufregung gebracht" und deshalb "zur Gründung von Antivivisektionsvereinen" geführt.

          Die französische Autorin Yasmina Reza spielt - nicht unähnlich der 2006 fast hundertjährig verstorbenen deutschen Lyrikerin Hilde Domin - mit ihrem wahren Lebensalter gern Versteck. Vielleicht ist sie schon geraume Zeit, vielleicht wird sie aber auch erst in Kürze fünfzig. Ohne Zweifel aber ist sie derzeit die weltweit meistgespielte Theaterautorin - mit dem Stück "Kunst" eroberte sie Mitte der Neunziger die Bühnen, ihr gegenwärtiger Globalhit heißt "Der Gott des Gemetzels" (F.A.Z. vom 28. Januar). Etwas im Windschatten dieses enormen Erfolgs segelten bisher ihre Prosaarbeiten, der Geschichtenband "Hammerklavier" (1998) etwa und der Roman "Adam Haberland" von 2005.

          Zumindest in Frankreich hat sich dies seit dem vergangenen Sommer geändert. Dort erschien damals, keine drei Monate nach der Amtseinführung des neuen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, die Prosa "L'aube le soir ou la nuit". Sie enthält die Aufzeichnungen und Reflexionen, die Yasmina Reza fast ein Jahr lang, von Ende Juni 2006 bis Anfang Juni 2007, über ihre ebenfalls fast täglichen Begegnungen mit dem Politiker zu Papier gebracht hat. Zunächst noch den Innenminister, dann den offiziellen Kandidaten der konservativ-gaullistischen UMP und schließlich den neuen Präsidenten ihres Landes hat sie bei dessen In- und Auslandsreisen begleitet, sie hat an Besprechungen des engsten Beraterkreises teilgenommen, aber auch unter vier Augen mit Sarkozy geredet und diskutiert, sie war 2006 bei der privaten Silvesterfeier der Familie ebenso zu Gast wie bei den Massenveranstaltungen des Wahlkampfs, sie war ins politische Gefolge eingebettet und gleichwohl darauf bedacht, unabhängige Beobachterin zu bleiben - und dies, obwohl Sarkozy und Reza im Lauf der Monate von der Höflichkeitsform der Anrede zu einem so kumpelhaften wie auch auf wechselseitigem Vertrauen beruhenden Duzen übergingen.

          Allein schon die Prominenz beider bescherte dem Buch im Nachbarland erwartungsgemäß eine zumindest passable Bestsellerauflage von etwa 250 000 verkauften Exemplaren. Neugierfördernd kam die unmittelbare Aktualität des Stoffes hinzu. Umstände mithin, die jetzt, da das Buch unter dem Titel "Frühmorgens abends oder nachts" auch auf Deutsch veröffentlicht wird, nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt gelten. So hat das turbulente Privatleben, das Sarkozy seit dem vergangenen Sommer auf eine für Staatsoberhäupter singuläre - und singulär boulevardeske - Weise öffentlich ausstellte, auch hierzulande die Wahrnehmung seiner Person so sehr geprägt und verändert, dass alles vorher Geschehene - und von Yasmina Reza Geschilderte - nur noch wie das schattenhafte Vorspiel einer Staatskomödie, gar einer schrillen Politikerfarce erscheint.

          Dass es an der Oberfläche reichlich inaktuell geworden ist, hat diesem Brevier über einen Wahlkämpfer indes eine neue und letztlich viel wichtigere Chance eröffnet. Und diese Chance weiß es zu nutzen. Warum? Ganz einfach: weil es einen doppelten Boden besitzt, aus einer Chronik jüngstvergangener Geschehnisse also zur Literatur wird - und als Literatur zum stilsicheren Protokoll einer staunenswerten Vivisektion. Ganz im Sinne des jungen Musil sind hier Kraft, Lust und Streben im Spiel. Und im übertragenen Sinne des alten Meyer werden hier Versuche am lebenden Gesellschaftskörper angestellt, die durchaus nicht ohne Verletzungen abgehen, der Menschen- wie der Machtkunde aber Erkenntnisse aus erster Hand hinzufügen, die allein vom Schreibtisch aus niemals zu gewinnen sind.

          Glänzend verdichtet sich das überall spürbare Beobachtungs- und Sprachvermögen der Autorin und Ich-Erzählerin zur Mitte des Buches hin. Auf gut vierzig Seiten beschreibt sie dort den Canossagang des Kandidaten zur eitlen Elite der französischen Atomwissenschaft, schildert beiläufig, wie ihn eine einfache Frau in Marseille mal eben so anpöbelt - "Was willst du hier bei uns, du Wichser?" -, lässt Sarkozy seinerseits fast pubertär von der Schauspielerin Jodie Foster und dem Film "Das Schweigen der Lämmer" schwärmen und folgt dem "unaufhörlich durchs Leben" Rasenden an den "Niemandsort" eines Frauengefängnisses in Rennes.

          In England rennt er "buchstäblich" auch durchs Churchill-Museum - "Du hast keine Ader für Churchill, sage ich". "Nein" -, um fünf Uhr früh am nächsten Morgen steht er "im weißen Skianorak" in einer Fischhalle irgendwo in der französischen Provinz: "Küsschen rechts, Küsschen links." Der Besuch in Berlin - die Stadt ist für ihn "der Horror" - enthält als "absurde Zwischenstation" auch das Holocaust-Mahnmal: "erstickt von Kameras, Mikros, der vulgären Meute". In der Neurochirurgie von Créteil macht sich Sarkozy dann eifrig Notizen: "Er schreibt umso mehr mit, als er nicht zuhört." Einzig die Beisetzung der jungen Ehefrau eines seiner engsten Vertrauten bringt für Augenblicke so etwas wie "Ruhe". Yasmina Reza muss einmal lachen über den Anspruch des Kandidaten, er wolle "der Präsident des 21. Jahrhunderts" sein. Aber so, wie sie ihn und die Welt beschreibt, in der er wirkt und die auf ihn einwirkt, entspricht Sarkozy dem Anforderungsprofil ziemlich exakt.

          Zwanzig Jahre nachdem Robert Musil sein Schreib-Ich zum monsieur le vivisecteur ernannt hatte, begann er mit der Arbeit am Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften". Eine der Schlüsselfiguren darin ist der Industrielle Arnheim, dessen reales Vorbild der Politiker Walther Rathenau war, 1922 für wenige Monate Außenminister der Weimarer Republik. Auch die Auftritte und den Charakter Arnheims schildert Musil so, wie er es stets von sich und seinem Schreiben verlangte: mit "Genauigkeit und Seele". Nichts anderes hat Yasmina Reza mit ihrem ganz uncamouflierten Porträt des Nicolas Sarkozy zuwege gebracht. Nennen wir sie deshalb madame la vivisectrice und verzichten auf jeden Antivivisektionsverein.

          Yasmina Reza: "Frühmorgens, abends oder nachts". Aus dem Französischen übersetzt

          von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.

          Carl Hanser Verlag, München 2008. 208 S.,

          geb., 17,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2008, Nr. 61 / Seite L8

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