10.12.2006 · Immer ein bißchen zu früh dran: Vor zwei Jahren starb der Radio-DJ John Peel. Jetzt liegen seine Memoiren vor
Sehr lange bevor der Begriff erfunden wurde, gab es die Globalisierung schon. Sie fand im Radio statt. Und sie hatte eine Stimme, die von John Peel, geboren als Robert Parker Ravenscroft. Seit den späten 60er Jahren war der BBC-Moderator die Inspirationsquelle für alle, die neugierig auf immer neue Popmusik waren, spätestens seit den 70ern waren ihm auch in Deutschland ganze Generationen von Musikfans verfallen.
Zwei Jahre nach seinem Tod sind jetzt seine Memoiren auf deutsch erhältlich. So kantenreich und merkwürdig wie die Biografie selbst ist auch die Entstehungsgeschichte des Buches, das in seiner britischen Heimat den schönen Titel "Margrave of the Marshes" (etwa: Markgraf der Sümpfe) trägt, in Deutschland mit dem zwar zutreffenden, jedoch arg prosaischen Untertitel "Memoiren des einflußreichsten DJs der Welt" erschienen ist. Peel hat nur die erste Hälfte des Buches selbst verfaßt. Die B-Seite, gewissermaßen, stammt von Sheila Ravenscroft, Ehefrau, Mutter seiner vier Kinder und unter dem Pseudonym "The Pig" Mitstreiterin und Kolumnistin seiner Sendungen. Sie übernahm die Arbeit, nachdem ihr Mann kurz nach seinem 65. Geburtstag im Oktober 2004 in Peru an einem Herzinfarkt gestorben war - plötzlich und unerwartet, wie man so sagt. Ravenscroft entschied sich dabei, auf Distanz oder gar eine eigene Meinung weitestgehend zu verzichten. Statt dessen trug sie ihren Teil zur Mythenbildung bei. Man mag das für Anbetung oder Verarbeitung von Trauer halten, vielleicht ist es aber auch der angemessene Versuch, sich nicht in den Vordergrund zu drängeln.
Jahrelang hatte Peel sich dagegen gesträubt, sein Leben aufzuschreiben, da er der Welt lieber mit Lieblingsplatten in Erinnerung bleiben wollte. Weil es davon zu viele gab und ihm, so munkelt man, siebenstellige Summen für seine Autobiographie angeboten wurden, trat er im Radio kürzer und machte sich ans Werk. Das Plattendurchhören, das Allerheiligste an seinem Beruf, unterbrach er auch währenddessen nicht, wie man zwischen den Zeilen immer wieder liest. Bis zu 500 Platten (und später CDs) bekam er pro Woche zugeschickt, die sich im Laufe der Zeit nicht nur in allen erdenklichen Ecken seines Hauses stapelten, sondern auch eine ganze Scheune füllten. Als traurigsten, immer wiederkehrenden Vorgang seines Lebens, beschreibt er die Entsorgung nicht gehörter Demo-Kassetten oder CDs.
Experte ohne Wissen
Stilistisch läßt Peel es erwartungsgemäß locker angehen, springt vom Bett seines Enkels Archie in seine eigene Kindheit und wieder zurück in die Gegenwart, dann hierhin, später dorthin. Es entsteht das Bild eines Mannes, der eigentlich niemals wirklich in seine Zeit paßte - und sich dabei nicht entscheiden konnte, ob er zu früh oder zu spät dran war. Nach einer tristen (auch: von Gewalt geprägten) Internatsjugend im bedrückenden Nachkriegsengland folgten um so bedrückendere Armeejahre und dann, etwas planlos, 1961 die Verschickung in die Vereinigten Staaten, wo er auf Geheiß des Vaters in der Baumwollindustrie so etwas wie Karriere machen sollte. Peel meldete sich statt dessen in Dallas bei einem Blues-Radio, durfte dort seine aus England mitgebrachten Platten spielen und entdeckte einen neuen Kosmos.
Und dann: War der Brite Peel schon da, als die Beatles begannen, Amerika zu erobern. Der junge John mutierte zum Beatles-Experten - obwohl er genau das nicht war, sich aber on air eines simplen, aber effektiven Tricks bediente: Wenn die zunehmend wahnsinnigen Fab-Four-Fans Fragen nach dem Namen von Pauls Pinseläffchen stellten oder wissen wollten, wie viele Zuckerwürfel Ringos Tante Beryl in ihren Tee tat, machte es der Nachwuchsmoderator spannend und kündigte die Antwort für die Pause nach dem nächsten Song an - bis dahin hatte er genügend Zeit, die gewünschte Information nachzuschlagen. 1967 kehrte er in die Heimat zurück und heuerte beim größten englischen Piratensender an, der sein Programm tatsächlich von einem Schiff in der Nordsee aus sendete. "The Perfumed Garden" hieß seine Sendung, und obwohl schon ein halbes Jahr später das Aus für den Sender kam und Peel zum frisch gegründeten BBC-Sender Radio 1 wechselte (dem er bis zum Ende seiner Tage treu blieb), war dieser Sendungstitel programmatisch für seine Musikauswahl der kommenden Jahre. Jimi Hendrix, Pink Floyd und T-Rex wurden erst Freunde, dann Superstars, und Peel hatte an letzterem großen Anteil, spielte diesen jedoch stets herunter und wies, wie auch Jahre später bei U2, The Cure oder Nirvana, darauf hin, daß er deren Musik lediglich "etwas früher" als andere aufgelegt habe.
Die 70er genoß er musikalisch in vollen Zügen, ohne wirklich selbst Hippie zu sein; auf die Schilderung von Drogenexzessen (abgesehen vom Rotwein am Abend) wartet der Leser vergeblich. Dafür erfährt man über das Peelsche Intimleben so manches, das man "offen gestanden lieber nicht erfahren hätte", wie die Kinder Peels im Vorwort resümieren. Aus der Sicht des Verblichenen ist das jedoch nur konsequent, informierte er doch schon zu Lebzeiten seine Zuhörerschaft gern auch mal über Einzelheiten seines gerade erworbenen Trippers oder hatte bei der Geburt eines seiner Kinder die einzige Sorge, daß diese unbedingt noch während der eigenen Sendezeit stattfinde, auf daß er im Studio anrufen und seinen Hörern die freudige Nachricht zukommen lassen könne.
Der Liebe zu seiner Frau Sheila, die seinen Künstlernamen Peel (die Spontanerfindung einer Sekretärin beim Radio) nicht annahm, tat das keinen Abbruch. Das beweisen schon des DJs liebevolle (und zum Glück eher dezente) Schilderungen des Beziehungslebens, erst in London, später auf dem Land. Auch das hatte allerdings ein komisches Timing. Denn ihr erstes Kind brachten die Peels/Ravenscrofts ausgerechnet 1977 zur Welt, als Punk durchstartete und das Lebensgefühl nicht gerade zur Familienplanung animierte. "Blitzkrieg Bop" und "Beat on the Brat" hießen die ersten beiden Songs der Platte, die John Peel kurz zuvor in die Finger bekommen hatte, die von den Ramones stammte und die sein Leben genauso verändern sollte, wie es "Heartbreak Hotel" von Elvis Presley 1956 getan hatte.
Es war so eine Sache mit dem Timing: Obwohl er so etwas wie der Patenonkel der Punk-Bewegung in Europa war und seine Radio-Shows von wütenden jungen Männern nur so strotzten, streute John Peel in jener Zeit immer wieder Reggae ein. In die Musik aus Jamaika hatte er sich schon 1968 verliebt und sie immer wieder gespielt - und er sah keinen Grund, jetzt damit aufzuhören. Wütende Hörerreaktionen stachelten ihn eher noch an - auch später, als er, wieder "etwas früher" als andere, begann, Hip-Hop aufzulegen. Seine antizyklische, manchmal vorausschauende, manchmal anachronistische Musikauswahl begründete Peel schlicht und pädagogisch: Er wolle eben Musik spielen, die seine Zuhörer noch nicht kennen.
Freundschaft ohne Worte
Oder eben so nicht kennen. Die "Peel Sessions" stehen im Zentrum des Peelschen Nachlasses, und sie nehmen auch im Buch viel Platz ein. Schier endlos ist die Liste der Bands, die für ihn Songs aus ihrem Repertoire neu arrangiert und live eingespielt haben. Teils wurden diese Songs, meistens drei oder vier pro Session, lediglich im Radio gespielt, andere wurden auf Platte veröffentlicht, manche erst Jahre später. Von Pulp und PJ Harvey beispielsweise, zwei von unzähligen Lieblingskünstlern des Maestros, sind erst in diesen Wochen neue Gesamtausgaben ihrer Auftritte bei John Peel erschienen, gleichsam "Best Ofs" mit persönlicher Note.
The Fall, die Lieblingsband unter den Lieblingsbands Peels, spielten 24 solcher Sessions ein und halten damit den Rekord; sie veröffentlichten 2005 ihre gesammelten Peel-Songs, an die hundert, in einer sechs CDs umfassenden Box. Ihre Platten bewahrte er als einzige in einem Extra-Regal auf. Und mit dem exzentrischen Sänger Mark E. Smith verband Peel eine ebenso unerschütterliche wie merkwürdige Freundschaft, denn obwohl sich die beiden über ein Vierteljahrhundert kannten und schätzten, redeten sie nur wenige Worte miteinander. Mehr als ein gelegentliches Schulterknuffen brauchte Peel nicht von dem Mann, den er verehrte. Abgesehen natürlich von den Fall-Platten, die für Peel wie eine Lebensversicherung funktionieren sollten: In einer BBC-Dokumentation zu seinem 60. Geburtstag sagt John Peel, daß er schon aus dem Grund nicht sterben möchte, weil demnächst ein neues Fall-Album herauskommt. Kein feiner Zug des Schicksals: Die 25. Studio-Platte der Band verpaßte er im Jahr 2005 ebenso wie den Champions-League-Sieg des FC Liverpool, den er ähnlich abgöttisch liebte.
Haltung ohne Ende
Ein paar Große hat er allerdings überlebt, aber recht war ihm das auch nicht. Elvis (und später auch Kurt Cobain) hätte nach Peels Meinung vor sich selbst gerettet werden können, wenn er einfach nur rechtzeitig Urlaub bei den Peels in Suffolk gemacht hätte. "Jetzt komm schon, Elvis, du kannst die Einkäufe erledigen. Du brauchst nur ins Dorf zu laufen und Hundefutter zu holen." So stellte sich Peel das vor: Frischluft und Familienleben hätten den King bestimmt wieder auf Vordermann gebracht.
Peels Umgang mit Presleys Todesnachricht im August 1977 offenbart eine Haltung und Größe, nach der man sich heute bei Medienschaffenden sehnt. Er verzichtete an jenem und den darauffolgenden Tagen - im Gegensatz zu allen anderen Radio-DJs - darauf, Elvis-Songs zu spielen, da er solche Reaktionen für "Nekrophilie" hielt. Peel notierte an jenen Tagen in seinem Tagebuch, daß er sich an Elvis lieber normal und angemessen erinnern möchte, so wie er das zum Beispiel auch mit seinem eigenen Vater tue. Und: "Im übrigen ist der Tod, was die Lebenden betrifft, nicht das Ende des ganzen Buches, sondern lediglich das Ende eines Kapitels, und auch wenn die Toten im weiteren Verlauf der Geschichte keine aktive Rolle mehr spielen, so wirkt ihr Einfluß trotzdem nach."
Selten einen besseren Satz für den eigenen Nachruf gelesen.
DIRK KRÖMER
John Peel: "Memoiren des einflußreichsten DJs der Welt". Rogner & Bernhard, 558 Seiten, 24,90 Euro