10.10.2007 · Höfliche Vermessung der Differenzen: Der Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Carl Schmitt von 1971 bis 1978 / Von Henning Ritter
Fünfzehn Briefe in acht Jahren sind nicht viel. Aber bei zwei bedeutenden Briefschreibern können sie einen Briefwechsel ausmachen, dessen Rang freilich auch dann noch in den Sternen steht. Im März 1978 schrieb der Philosoph Hans Blumenberg unter der Münsteraner Seminaradresse an den Staatsrechtler Carl Schmitt in dessen Plettenberger Refugium. Wegen seines nationalsozialistischen Engagements aus der Universität verbannt, hatte Schmitt sich dort ein Asyl geschaffen, von wo er weitgespannte intellektuelle Kontakte pflegte, mit Freunden, aber auch mit einer Vielzahl von internationalen Köpfen, von Raymond Aron bis Alexandre Kojève. Plettenberg im Sauerland ist heute durch die Publikation einer Vielzahl von Briefwechseln Carl Schmitts, durch Erinnerungen an ihn und wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit ihm zu einem imaginären Zentrum der Bundesrepublik geworden, zu einem Ort, wo die Wege verschiedenster geistiger Temperamente sich kreuzen.
Blumenberg schreibt Schmitt, um auf dessen Bemerkungen über sein Buch "Die Legitimität der Neuzeit" zu reagieren, die dieser in einem Nachwort zu der schmalen Schrift "Politische Theologie II" veröffentlicht hatte. Das hätte auf eine akademische Diskussion hinauslaufen können, wurde aber zu einer Konfrontation, in der sich die politische Theologie Carl Schmitts und Hans Blumenbergs Unterwanderung des Begriffs der Säkularisierung unversöhnlich gegenüberstanden. Die Säkularisierungsthese, die Schmitt für die Zurückführung politischer Kategorien auf theologische in Anschlag gebracht hatte, war von Blumenberg in seinem ungeheuer materialreichen und systematisch durchschlagenden Buch radikal in Frage gestellt worden.
Die "Legitimität" im Titel des Buches richtete sich polemisch gegen die Illegitimitätsbehauptungen, die der Begriff der Säkularisierung insinuiert. Die Neuzeit, so behauptete Blumenberg, war nicht mit dem Vorwurf einer "Kulturschuld" gegenüber dem theologischen Denken des Mittelalters belastet. Und die Vernunft der Neuzeit hatte dementsprechend keine Lasten ihrer theologischen Vergangenheit abzuarbeiten. Im Schutz einer reichen Gelehrsamkeit ist Blumenbergs Buch eine vehemente Abweisung jedes theologischen Absolutismus und eine Verteidigung der Vernunft der modernen Gesellschaft.
Carl Schmitts frühe "Politische Theologie" von 1922 hatte Blumenberg dabei als einen Beleg unter anderen für die Denkfigur der Säkularisierung angeführt. Die Beiläufigkeit, mit der er damit die Möglichkeit einer politischen Theologie implizit bestritten hatte, motivierte Carl Schmitt zu seiner Stellungnahme, als er das Thema der Schrift von 1922 noch einmal aufnahm. Blumenbergs Erledigung des Begriffs der Säkularisierung und dessen Ersetzung durch ein Modell von Umbesetzungen leer gewordener Stellen im Fortgang der Geschichte war ein ganz neuartiger Angriff auf die Fundamente des Denkens von Carl Schmitt. Es ehrt ihn, dass er selbst dies zuerst bemerkt hat.
Dieser Hintergrund des Briefwechsels macht deutlich, dass es sich um eine Konfrontation von erheblicher Tragweite für beide Kontrahenten handelte. Die Höflichkeit, die den Gedankenaustausch auszeichnet, die wache Bereitschaft, jedes Argument in seinem ganzen Gewicht zu würdigen, die Verschworenheit beider Autoren, alles auf den Gedanken zu setzen, hat etwas von der Ruhe eines Spiels mit höchsten Einsätzen. Blumenberg spürt dabei ihrer beider Differenzen nach, für die er eine Formel sucht. Blumenbergs Versuch, an den "Kernbestand unserer Differenzen heranzukommen", mündet schließlich im August 1975 in einen eindrucksvollen Brief, in dem er zu der von Carl Schmitt ins Spiel gebrachten Frage Stellung nimmt, "ob eschatologischer Glaube und Geschichtsbewußtsein miteinander möglich sind". In diesem Brief über den Aufschub der Endzeiterwartung und die daraus, wie er meint, schließlich folgende "Negation, Widerlegung, Umkehrung" werden die letzten Differenzen zwischen den beiden Gesprächspartnern greifbar als unvereinbare Positionen, die sich freilich an denselben Fragen artikulieren.
Carl Schmitt bringt den oder das "Katechon" des Thessalonicherbriefs ins Spiel, den "Aufhalter" oder das "Aufhaltende", das in der paulinischen Welt die Gestalt des Römischen Reiches angenommen haben mag, durch das es zu einer Fristverlängerung vor den Eschata gekommen sei. Blumenberg dagegen trägt eine fulminante Deutung des Goetheschen Mottos in "Dichtung und Wahrheit" vor: "Nemo contra deum nisi deus ipse" und deutet den Satz heidnisch und polytheistisch - als Gewaltenteilung, als "Verhinderung der absoluten Macht und jeder Religion als eines Gefühls der schlechthinnigen Abhängigkeit von ihr".
Mit dieser Deutung bekräftigt er seine Weigerung, auch der suspendierten Verheißung durch die Figur des "Katechon" eine echte Strahlkraft zuzugestehen. Doch er sagt seinem Gegenüber gleichwohl, wie dringend es ihm erscheine, dass dieser auf seiner "Deutung und Heraushebung von ,katechon'" insistiere. Und in unübertroffener intellektueller Grandezza fügt er hinzu: "Es käme mir schon darauf an zu erproben, ,was ich aushalten kann' - denn, verzeihen Sie, ein ,Gegner' dieser Dignität ist es, was sich ein Denkender über alle Zustimmungen hinaus wünschen muss. Ich bin anmaßend genug, diesen Wunsch zu haben und zu äußern."
Nun ist der eine der beiden Kontrahenten in seinen Achtzigern, damit beschäftigt, die Integrität seines Werkes gegen dessen politische Infragestellung zu behaupten, während der andere mit der "Legitimität" gerade die Bahn einer dichten Folge von großen Büchern betreten hatte - im Zeitraum des Briefwechsels wird "Die Genesis der kopernikanischen Welt" erscheinen, außerdem die eingreifende, auch Carl Schmitt gerecht werden wollende Umarbeitung der "Legitimität der Neuzeit". Während Carl Schmitt, wenn auch vom Alter beschwert, die Vorzüge seiner Isolierung genießt, die es ihm erlaubt, alle Kräfte auf die Bündelung seines Werks zu konzentrieren, ist Blumenberg von seinen akademischen Pflichten so sehr okkupiert, dass der Briefwechsel darunter nicht weniger als unter dem Riesenpensum seines Bücherschreibens leidet. Im November 1974 stöhnt er: "Das Semester läßt keinen Seitenblick mehr zu, weder nach rechts noch nach links, nicht einmal nach links." Auf solche Belastungen geht gewiss auch zurück, wenn er seinen Briefpartner von der Erwartung dispensiert, eine Antwort auf zugesandte Schriften zu erhalten. Der Alterspessimismus des einen und der akademische Überdruss des anderen halten sich die Waage, sie lassen all das, was ihnen immerhin abgewonnen wurde, als ein kleines Wunder erscheinen.
Aber warum ist der Band so dick? Es sind doch - mitsamt den Anmerkungen - gerade einmal fünfzig Seiten, die der Briefwechsel in Anspruch nimmt. Aber hinzu kommen dicke Konvolute von "Materialien". Im ersten Block sind Auszüge aus der ersten und der umgearbeiteten Fassung von "Legitimität der Neuzeit" nachgedruckt, außerdem Carl Schmitts auf Blumenberg bezügliche Seiten aus "Politische Theologie II" und schließlich die einschlägigen Seiten über Goethes "ungeheuren Spruch" aus Blumenbergs "Arbeit am Mythos". Der Nutzen bei der Lektüre des Briefwechsels ist nicht zu bestreiten, doch welcher an diesem esoterischen Gedankenaustausch Interessierte hat diese Bücher nicht in seinem Regal? Unentbehrlich darüber hinaus, jenseits der Auszüge, bleiben Eindruck und Gesamtkenntnis dieser Bücher. Als ohne Einschränkung verdienstlich kann dagegen der Abdruck eines kleinen, nur an entlegener Stelle zugänglichen Aufsatzes von Carl Schmitt über "Drei Möglichkeiten eines christlichen Geschichtsbildes" angesehen werden, der zu den vielen Sonderdrucken gehört, die Carl Schmitt seinem Briefpartner zusandte.
Der Aufsatz eröffnet den zweiten Block der Materialien. Zum ersten Mal werden hier aus dem Nachlass Hans Blumenbergs Aufzeichnungen in Glossenlänge gedruckt, für die er keinen Buchplan hinterlassen hat, wie es bei einer Reihe von postum veröffentlichten Büchern Blumenbergs der Fall war. Hier dagegen sind aus diesem reichen Glossenbestand sechzehn nach dem Ende des Briefwechsels mit Schmitt entstandene Texte unter dem Stichwort "Carl Schmitt allgemein" rubriziert worden. Jeder Editor, so taktvoll er auch verfahren mag, kommt hier in die Rolle der Elisabeth Förster-Nietzsche. Auch wenn er nicht fälscht, greift er doch in die Absicht der Texte ein. Denn was Blumenberg unter dem Rubrum UNF (Unfertiges) beiseitelegte, um bei Gelegenheit darauf zurückzugreifen, ist "unfertig" nicht in dem Sinne, dass es seine literarische Bestimmung noch nicht gefunden gefunden hat. Es ist Nachlass. Und dieser sollte so wie vom Autor hinterlassen veröffentlicht werden, nicht als Material für andere, noch so einleuchtende Zwecke.
Hans Blumenberg, Carl Schmitt: "Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien". Herausgegeben und mit einem Nachwort von Alexander Schmitz und Marcel Lepper. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 309 S. , Abb., geb., 22,80 [Euro].