http://www.faz.net/-gr3-93bdg

Entstehen der Gefühle : Kultur beginnt bei den Einzellern

  • -Aktualisiert am

Zentrum der Gefühle: das Gehirn Bild: dpa

So viel Affekt war nie: Der Neurologe Antonio Damasio lässt in seinem Buch die Geschichte des Lebens um die Gefühle kreisen. Da bleibt so manche Frage offen.

          Im Anfang war die Ursuppe: ein Gebräu aus Wasser, Ammoniak und Methan, das vor 3,8 Milliarden Jahren auf der Erde brodelte. Durch Blitze entstanden Amino- und Fettsäuren, aus denen sich die ersten Zellen formten. Noch zwei Milliarden Jahre sollte es dauern, bis diese Bakterien der Urzeit zu Vielzellern verklumpten, aus denen irgendwann Tiere mit Nervensystemen hervorgingen und schließlich Bewusstsein und die menschliche Kultur.

          Wie konnten sich all diese Ordnungsprozesse der Entropie widersetzen, also der zunehmenden Unordnung im Universum, wie sie die Thermodynamik vorhersagt? Die Antwort von Antonio Damasio lautet: durch Homöostase. Der portugiesisch-amerikanische Neurologe versteht darunter allerdings nicht nur das bloße „Fließgleichgewicht“, etwa wenn Zellen durch Stoffwechsel ihre Energiebilanz erhalten, sondern vielmehr einen universellen Lebensdrang, der an die antike Idee einer „Vitalkraft“ erinnert. In seinem neuen Buch möchte er unter anderem zeigen, wie Gefühle in der Evolution entstanden sind und wie sie das Leben des Menschen regulieren.

          Parforceritt durch die Erdzeitalter

          Dafür nimmt er seine Leser mit auf einen Parforceritt durch die Erdzeitalter. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen neigt er jedoch keineswegs zum Reduktionismus: Unsere Biologie legt uns nicht alternativlos fest. Vielmehr bereitet sie die Grundlage für unsere Autonomie und die Einzigartigkeit kultureller Leistungen. So findet sich Damasio zufolge schon bei Einzellern ein Lebensdrang, der an Vorformen menschlichen Verhaltens erinnert. Einige Bakterienarten „kooperieren“ mit anderen, um langfristig zu überleben, während sich manche Stämme bis zur Vernichtung bekämpfen. Bienen- und Ameisenkolonien funktionieren durch Arbeitsteilung mit „Experten“ für Architektur und Abfallentsorgung sowie einer Leibwache für die Königin. Damasio sieht darin mehr als vordergründig suggestive Parallelen zwischen Tier und Mensch, nämlich stabilisierende Verhaltensmuster, die sich in der Evolution durchgesetzt haben.

          An menschlichen Gefühlen kann man das gut verdeutlichen. Wurden sie lange als Störenfriede für die Vernunft angesehen, etablierte sich in den letzten Jahrzehnten die These von der Intelligenz des Bauches, nicht zuletzt dank Damasios eigener Pionierarbeit. Schmerz beispielsweise sensibilisierte den Menschen nicht nur für mögliche Verletzungen, sondern veranlasste ihn auch, Kulturtechniken der Schmerzlinderung bis hin zur modernen Medizin zu entwickeln. So gesehen, regulieren Gefühle das Leben, indem sie es automatisch bewerten. Wohlbefinden sagt uns, dass alles in Ordnung ist, Stress hingegen signalisiert eine Unwucht in der Lebensführung. Männliche Aggression hatte in der vorzivilisatorischen Epoche einmal die Funktion, den eigenen Stamm vor fremden Angreifern zu schützen. Damasio zufolge haben sich soziale Praktiken wie etwa Religionen weltweit in einer Art kultureller Evolution durchgesetzt, weil sie die Kooperation zwischen Menschen vielfältig beförderten.

          Gleichgewicht der Affekte ein Balanceakt

          Natürlich ist das Gleichgewicht der Affekte ein Balanceakt, der durch Umweltveränderungen empfindlich gestört werden kann. Gerade hier ist Damasios Homöostase-Theorie erhellend. So hängt zum Beispiel Kooperation von der Außentemperatur ab: Bei Hitzewellen nimmt die Zahl der Morde und der religiös motivierten Straftaten zu, ein Faktor, der in soziologischen Analysen von Gewalt oft zu kurz kommt. Solche Befunde zeigten, dass die biologischen Wurzeln der Kultur tiefer reichen, als Freud und Jung es sich jemals erträumten.

          Damasio ist bekannt für seine populärwissenschaftlichen Bücher, die die Funktionsweise des Hirns mit anschaulichen Beispielen erklären. Wer auf eine Fortsetzung dieser erzählenden Tradition hofft, der wird enttäuscht. Das neue Buch ist erstaunlich arm an Beispielen und nimmt eine eigenartige Zwitterstellung ein: für ein Lehrbuch ist es zu oberflächlich, für ein vermittelndes Sachbuch zu technisch. So bleibt man nach kurzatmigen Ausführungen über Spinalganglien, Myelin und das „default mode network“ ratlos zurück.

          Gefühle spielen entscheidende Rolle

          Auch die Hauptthese, Gefühle spielten die entscheidende Rolle für das menschliche Bewusstsein und die Entstehung der Kultur, fällt eher schwach aus, weil Damasio den Terminus „Gefühl“ viel zu weit fasst. Dazu zählt er Körperempfindungen wie Schmerzen, Emotionen wie Angst, Stimmungen wie gute Laune und sogar Wahrnehmungseindrücke wie Farben und Töne. Vielleicht verleitet diese Vielfalt Damasio zur Behauptung, Gefühle seien notwendig für Bewusstsein. Ein Argument für diese These liefert er allerdings nicht. Sie klingt jedenfalls trivial, wenn man mit „Gefühl“ das bezeichnet, was Philosophen „phänomenales Bewusstsein“ nennen.

          Noch sonderbarer mutet seine Behauptung an, er habe David Chalmers’ „hard problem“, also die schwierige Variante des Leib-Seele-Problems, gelöst. Damasio meint, Menschen haben deshalb Bewusstsein, weil es in der Evolution von Vorteil war, die Welt subjektiv zu bewerten. Doch Philosophen wie Chalmers geht es nicht darum, dass Bewusstsein adaptiv war, sondern sie sehen das Rätsel darin, worin dieser Vorteil bestanden haben könnte. Dieses Problem löst man nicht durch unbegründete Behauptungen.

          Während seine Vorgänger die Intelligenz der Gefühle verkannt haben, scheint Damasio die Rolle der Affekte für die Kultur zu überschätzen. Denn wie er selbst andeutet, beruhen Wissenschaft und Rechtsprechung gerade auf Affektregulation und somit auf kühler Vernunft. Selbst das Streben nach Unsterblichkeit durch Gentechnik, das Damasio im letzten Kapitel thematisiert, ist vom Wunsch geleitet, sich von der menschlichen Natur und ihren Affekten zu lösen. Die Gefühle kommen eher an anderer Stelle ins Spiel, nämlich bei der Frage, ob das ewige Leben überhaupt lebenswert ist. Dazu hätte man vom Emotionsforscher gerne mehr gelesen.

          Antonio Damasio: „Im Anfang war das Gefühl“. Der biologische Ursprung der menschlichen Kultur. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Siedler Verlag, München 2017. 320 S., geb., 26,80 .

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch.

          Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

          Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?
          Unter dem Namen „DJ D-Sol“ legt David Solomon ungefähr einmal im Monat elektronische Musik auf.

          Manager David Solomon : Der DJ von Goldman Sachs

          David Solomon ist einer der wichtigsten Manager der amerikanischen Großbank. Daneben hat er aber noch eine ganz andere Leidenschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.