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Der Mann in der Krise Ein Gockel, der so gerne größer wäre

22.06.2008 ·  Frauenbewegung und Feminismus waren so erfolgreich, dass jetzt die Männer in einer Krise stecken, glaubt der Buchautor Walter Hollstein, der sich als Söldner im Krieg der Geschlechter versteht. Muss man(n) seine Warnungen ernst nehmen?

Von Ernst Horst
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Vielleicht ist der Autor Walter Hollstein ja so jemand wie Fräulein Kassandra aus dem alten Troja. In seinem Buch „Was vom Manne übrig blieb – Krise und Zukunft des starken Geschlechts“ warnt er uns Männer vor den Gefahren, an die außer ihm und ein paar verstreuten Geistesverwandten wohl noch niemand so recht glauben mag.

„Der Mann erscheint coram publico heute als verachtenswerte, eher eklige und auf jeden Fall defizitäre Kreatur. Das haben in analytischer Genauigkeit Nathanson und Young exemplarisch belegt.“ Ich bin ein Mann, auch wenn ich noch kein Haus gebaut und noch keinen Baum gepflanzt habe, aber in diesen Worten kann ich mich nicht wiedererkennen.

Das Übel, das Nathanson und Young in Amerika aufgedeckt haben und das auch uns betrifft, lässt sich folgendermaßen beschreiben: Die negativen Bilder von Männlichkeit, die der Feminismus verbreitet hat, wurden zunächst von der elitären, intellektuellen Kultur übernommen und haben sich inzwischen in der Populärkultur massiv verbreitet. So steht es jedenfalls in Hollsteins Buch. Doch an diesem Beispiel erkennt man gut, auf welch wackligen Füßen so eine Argumentation steht. Man könnte es ja zum Beispiel auch als Zeichen von Souveränität deuten, wenn Männer sich über sich selbst lustig machen können, aber auf die Idee kommt der Autor erst gar nicht.

Bitte alles aufdecken!

Männer und Frauen sind so verschieden wie Katholiken und Protestanten, wie Bayern und Franken, wie Maurer und Dachdecker, wie Hunde und Katzen, wie Mars und Venus. Vieles wird besser, wenn es Männer und Frauen gemeinsam miteinander versuchen, zum Beispiel der Abend beim Tango. Das Zusammenleben der Geschlechter ist kein Nullsummenspiel. Es gibt aber auch Ressourcen, die zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden müssen. Was die einen bekommen, kriegen die anderen nicht. Wenn die Stadt ein Frauenhaus finanziert, dann fehlt vielleicht das Geld für die Männergruppen. Wenn beide Seiten gleich laut jammern, dann ist der Gerechtigkeit oft schon Genüge getan. Dieser Diskurs erfolgt auch über das Schreiben von Büchern, und das Buch von Hollstein ist eines davon. Er könnte aber ruhig etwas phantasievoller jammern.

Hollstein ist ein Männerforscher. Er hat dem Thema Mann einen großen Teil seiner Lebensarbeit gewidmet. Seine zentrale These besagt, dass die Frauenbewegung und der Feminismus so erfolgreich waren, dass jetzt die Männer in einer Krise stecken und dass diese Krise dem öffentlichen Bewusstsein noch weitgehend verborgen geblieben ist. Dahinter verbergen sich mindestens drei Annahmen: Erstens haben die Frauen – zumindest vorläufig – die Männer übertrumpft. Zweitens ist das schlecht, und es gibt triftige Gründe, mit der Gesamtsituation unzufrieden zu sein. Drittens ist das alles längst noch nicht so bekannt, wie es sein sollte, und muss schonungslos aufdeckt werden.

Himmelschreiendes Unrecht

Der Versuch, sich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, gleicht allerdings dem sprichwörtlichen Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Hollstein hat Berge von Informationen angehäuft. Wenn man über Jahre die einschlägige Literatur studiert, wenn man die Entwicklung in Film und Fernsehen beobachtet, Frauenzeitschriften und Romane liest, dann kommt natürlich viel zusammen. Nehmen wir mal als Beispiel das Sorgerecht. Dieses Beispiel ist so typisch für das Buch wie die einzelne Kugel für ein Maschinengewehrfeuer.

Die Zahl der Ehescheidungen ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Männer und Frauen sind unterschiedlich. Nicht der einzelne Mann und die einzelne Frau, die unterscheiden sich vielleicht nur darin, dass er besser Landkarten lesen und sie das zweigestrichene A singen kann. Aber im statistischen Durchschnitt sind Frauen anders als Männer. Deshalb ist es vielleicht auch sinnvoll, wenn Scheidungskinder in der Mehrzahl der Fälle bei der Mutter bleiben. Die Frau hat wohl eher das Talent und das Bedürfnis, ein Kind großzuziehen, als ihr Exmann. Niemand fordert hier eine Quote von fünfzig Prozent. Im Einzelfall kann es aber durchaus vorkommen, dass ein Familiengericht einem Vater beim Sorgerecht ein himmelschreiendes Unrecht zufügt. Aber was beweist das? Es beweist zunächst einmal nur, dass es auf der Welt manchmal nicht gerecht zugeht. Für jeden solchen Einzelfall findet man in der Zeitung einen anderen, in dem eine Mutter bei der Scheidung den Kürzeren gezogen hat. Um weitergehende Schlüsse zu ziehen, müsste man zunächst eine sehr differenzierte Untersuchung durchführen, und zwar, ob es wirklich eine „väterfeindliche Rechtspraxis in Familien- und Scheidungsfragen“ gibt, wie das Buch behauptet.

Hollstein schreibt meistens die Wahrheit, wählt dabei aber natürlich systematisch aus. Er weist darauf hin, dass Männer häufiger arbeitslos werden als Frauen, ignoriert aber, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer. Er beklagt, dass die armen Männer viel häufiger an Lungenkrebs und Leberzirrhose sterben als Frauen. Das bestreitet ja auch niemand. Deshalb folgt aus solchen Statistiken keineswegs, dass es eine aktuelle Krise des Mannes gibt.

Pelzmäntel und Cabrios

Das neunte Kapitel von Richard Dawkins’ „Das egoistische Gen“ beschäftigt sich mit dem Krieg der Geschlechter. Warum gibt es eigentlich ungefähr genauso viele Männer wie Frauen? Der Grund dafür ist, dass es sich nicht nur um ein Gleichgewicht, sondern sogar um ein „stabiles“ Gleichgewicht handelt. Würde zum Beispiel der Anteil der Männer ein wenig zunehmen, so wären sofort die Frauen im Vorteil und umgekehrt. In diesem technischen Sinne sind Männer und Frauen automatisch völlig gleichberechtigt. Das heißt freilich nicht, dass sie auch gleiche Ziele haben. Die einen bevorzugen Pelzmäntel, die anderen Cabrios von Porsche. Dieses Gleichgewicht bleibt aber nur deshalb erhalten, weil die Männer und die Frauen permanent darum kämpfen. Es herrscht Krieg, aber der Krieg ist gerecht.

So sollten wir Hollsteins Buch lesen. Hollstein ist gewissermaßenen von Beruf Mann. Er ist ein Söldner im Krieg der Geschlechter. Er schreibt Traktate über das Thema, er hält regelmäßig Vorträge, sein Einkommen und seine Reputation sind mit der Rettung der Männer verknüpft. Ignorieren wir einfach das weinerliche Gerede darüber, wie ungerecht doch die Knaben und Männer vom Schicksal gebeutelt werden. Das ist Propaganda. Was übrig bleibt, ist ein durchaus auch mal komisches Panorama des ewigen Kampfes zwischen XX und XY.

Der Autor endet im versöhnlichen Ton: „Gemeinsam wären wir stark.“ So ist es. Darauf können wir uns immer einigen. Wie aber so ein guter Vorsatz zu verwirklichen ist, darüber wird man auch in hundert Jahren noch streiten. Auf dem Schutzumschlag des Buchs ist ein kleiner Gockel zu sehen, der offenbar sehr gerne etwas Größeres wäre. Die Hoffnung stirbt zuletzt.Ernst Horst

Walter Hollstein: „Was vom Manne übrig blieb“. Krise und Zukunft des starken Geschlechts. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 304 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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