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Der Kaiser und die Stinker von der Wilhelmstraße

Wer es gerne deftig mag, der wird in John Röhls Biographie über Wilhelm II. gut bedient / Von Christoph Cornelißen

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde an vielen Orten geweint. Nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Palästen gaben sich die Menschen ihren Gefühlen hin, sei es aus Freude oder einer düsteren Vorahnung heraus. Unter Tränen hatte Außenminister Grey das britische Ultimatum an Deutschland gestellt, und noch am Nachmittag des 4. August 1914 kam es im Haus des deutschen Botschafters zu einer bemerkenswerten Begegnung. Der "Kriegsgegner" Karl Max Fürst von Lichnowsky irrte - so berichtet sein amerikanischer Kollege Page - nur noch wie ein Wahnsinniger durch die Räume, vor Tränen ganz außer sich. Und Fürstin Mechthild Lichnowsky fegte das Porträt Kaiser Wilhelms II. von ihrem Schreibtisch und rief dabei aus: "Das ist das Schwein, das dies getan hat!"

Den Einblick in diese denkwürdige Szene wie auch in Hunderte weitere Begegnungen von Monarchen, Staatsmännern und Diplomaten verdanken wir dem dritten Band der monumentalen Wilhelm-Biographie aus der Feder des deutsch-britischen Historikers John C. G. Röhl. Nachgezeichnet wird der Weg "in den Abgrund" für den Zeitraum von 1900 bis 1941, dem Todesjahr Wilhelms II. Mit einer schier überwältigenden Zitatenfülle breitet der Autor auf rund 1600 Seiten ein in dieser Breite bislang unbekanntes Panorama der deutschen Außenpolitik in der wilhelminischen Epoche aus. Dabei will er vor allem zeigen, dass der letzte deutsche Kaiser im außen- und militärpolitischen Bereich bis zum Kriegsausbruch "die entscheidende Kraft" geblieben sei. Zwar spricht Röhl im Vorwort seines neuen Buches mit etwas gespielter Demut von einem nur "kleinen Gedanken", und doch ist eines allzu offensichtlich: Unter der Hand ist ihm der Nachweis des sogenannten "Königsmechanismus" zu einer Lebensaufgabe geworden. Demzufolge nahm Wilhelm II. im polykratischen Herrschaftsgefüge des Kaiserreiches bis zur Julikrise 1914 eine dermaßen herausgehobene Herrschaftsposition ein, so dass er gleichsam als Zünglein an der Waage sämtlichen wichtigen politischen Entscheidungen seinen Stempel aufprägen konnte.

Den Einwand, Wilhelm II. habe spätestens mit der "Daily Telegraph"-Affäre im Jahr 1908 den Zenit seiner Machtausübung überschritten, lässt Röhl nicht gelten. Denn auch noch in den Folgejahren sei es im Bereich der Außen- und Militärpolitik tatsächlich zu keinerlei Schmälerung seiner Entscheidungsgewalt gekommen. Im Gegenteil: Mit seiner "erschreckenden Unüberlegtheit, einer ungebärdigen Großmannssucht, einer militaristischen Aggressivität, einer persönlichen Labilität und Emotionalität, die ans Pathologische grenzten", habe Wilhelm II. sowohl unter der Kanzlerschaft Bülows als auch der Bethmann-Hollwegs den Kurs des Deutschen Reiches persönlich bestimmt. Kurz: Das, was die Zeitgenossen als "persönliches Regiment" des Kaisers kritisiert hatten, erscheint in der Deutung Röhls als eine "persönliche Monarchie". Erst mit Kriegsbeginn erkennt er eine klare Wende in diesem neoabsolutistischen Regierungssystem, denn sowohl politisch als auch militärisch habe der Kaiser in den Kriegsjahren geradezu "kläglich" agiert und damit von sich aus dem Untergang der Monarchie vorgearbeitet. Endgültig im holländischen Exil sei überdeutlich geworden, dass die schon zuvor feststellbare Realitätsverweigerung des Kaisers ihre letzte Übersteigerung erreicht habe; angesichts seiner Flucht in Weltverschwörungsphantasien, bei denen Juden, Freimaurer und Jesuiten die Hauptfeinde abgaben, könne im Fall Wilhelms II. nur noch von psychopathischen Zügen gesprochen werden.

Die bereits in den ersten beiden Teilen der Wilhelm-Biographie Röhls überdeutlich zum Vorschein getretene monarchozentrische Interpretation erfährt im Abschlussband noch eine Steigerung, werden doch nicht nur die deutsche Außen- und Kolonialpolitik mit allen ihren diplomatischen Verwicklungen vom Burenkrieg bis zum Ersten Weltkrieg, sondern auch die Heeres- und Flottenrüstung sowie ausgewählte Winkelzüge der deutschen Innenpolitik detailliert, jedoch fast ausschließlich aus dem Blickwinkel des handelnden und urteilenden, das heißt meist verurteilenden Kaisers abgehandelt.

Darüber wird ein um das andere Mal in überlangen Quellenexzerpten der Sachverhalt nachdrücklich aufgezeigt, wie sehr die oft unüberlegten Stellungnahmen und wankelmütigen Entscheidungen Wilhelms II. sowie sein forsches Auftreten der deutschen Politik einen schwerwiegenden Vertrauensverlust eintrugen, ja den Ruf der Deutschen im Ausland insgesamt beschädigten. Sei es wegen des vollmundig hinausposaunten Anspruchs, er habe mit einem selbst ausgearbeiteten Feldzugsplan den Engländern während des Burenkriegs aus der Patsche geholfen, der illusionären - auch von Reichskanzler Bülow geteilten - Vorstellung, dass das wirtschaftlich erfolgreiche und rüstungspolitisch immer stärkere Deutschland "freie Hand" zwischen England und Russland habe und daher die europäischen Flügelmächte zum eigenen Vorteil gegeneinander ausspielen könne, oder aufgrund der vom deutschen Kaiser 1901 dem englischen König Edward VII. vorgetragenen Idee eines Zusammenschlusses der europäischen Mächte einschließlich Englands, freilich unter deutscher Führung. Überhaupt zeichnet sich das Denken Wilhelms II. durch mancherlei schwindelerregende Spekulation über die Potentiale der deutschen "Weltpolitik" aus, ob im Blick auf die machtpolitische Durchdringung Chinas, den Bau der Bagdad-Bahn oder auch in der Idee, das Osmanische Reich und die Welt des Islam könnten im deutschen Interesse gegen die anglo-französisch-russische Entente ausgespielt werden.

Angesichts des nicht nur vom Kaiser, sondern auch von vielen führenden deutschen Politikern und Militärs weit überschätzten Handlungsspielraums in der Außenpolitik, ja man muss wohl sagen: ihrer illusionären Verblendungen, waren Enttäuschungen geradezu vorprogrammiert. Aus diesem Gefühl heraus reagierte Wilhelm II. wiederholt mit einer ausgesprochen trotzigen Aggressivität sowie martialischen Auftritten. Wohl am bekanntesten sind seine Ausfälle in der sogenannten "Hunnenrede" vom Juli 1900, in der er aus Verbitterung über die "bodenlose" Interessenpolitik der anderen Kolonialmächte die deutschen Soldaten zur rücksichtslosen Vernichtung ihrer Gegner aufwiegelte: "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht." Von manchen wird dieser Ausspruch heute als der Beginn einer "deutschen Vernichtungsstrategie" angesehen. Aber auch sonst war die Welt Wilhelms reich an Gegnern, schlugen doch Anwandlungen von Anglophilie rasch immer wieder um in Hass und Neid auf sein englisches "Mutterland". Ebenfalls aufschlussreich sind die unzähligen Attacken gegen die Presse, die der deutsche Monarch nur allzu gern im Stil eines vorkonstitutionellen Systems kontrolliert hätte. Und auch die "Schweinehunde vom Auswärtigen Amt" waren gar nicht immer nach dem Geschmack des Kaisers. 1904 notierte er dazu auf einem Brief: "Die Wilhelmstraße hat sich wieder mal vor der Ausländischen Presse in die Hosen gemacht, und stinken die dortigen Bureaus auch dementsprechend!"

Wer es also gerne deftig mag, der wird in der Biographie von John Röhl reichhaltig, ja überreich bedient. Freilich kehrt sich die "Methode Röhl", der es nach eigenem, etwas naiv anmutendem Bekunden "ausschließlich um die Wahrheitsfindung" geht, mit jedem weiteren Kapitel letztlich gegen den Autor selbst. Denn in seinem Bestreben, den "Königsmechanismus" noch für das späte Kaiserreich als das allein bestimmende Merkmal des politischen Systems zu identifizieren, blendet er andere politische Machtzentren, darunter an vorderster Stelle den Reichstag und die Parteien, aber auch die organisierten Verbandsinteressen und die nur schwer zu greifende öffentliche Meinung, aus seiner Darstellung viel zu stark aus.

Gewiss, auf dem Feld der Außen- und Rüstungspolitik besaßen der Kaiser und seine geheimen Kabinette eine größere Handlungsfreiheit als auf innenpolitischem Gebiet, und doch erscheint es geradezu grotesk, Wilhelm II. zum Hauptlenker sämtlicher großer Entscheidungen im ausgehenden Kaiserreich zu stilisieren. An diesem Selbstbild Wilhelms II. haben bereits die kritischen Zeitgenossen zu Recht Anstoß genommen, und kaum zufällig hat die neuere Kaiserreichforschung ein weit nüchterneres Bild seiner Person und seines Erbes gezeichnet. Aber eben erst, seitdem sie den Fokus von der Person abkehrte und stattdessen die wechselseitigen politisch-gesellschaftlichen Abhängigkeiten und Prägewirkungen des zeitweilig durchaus populären "Medienkaisers" in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rückte.

Positiv gewendet, bietet die stupende Gelehrsamkeit Röhls jedoch etwas Wichtiges: nämlich den tief dringenden Einblick in die Welt der - nach James Joll - "unausgesprochenen Annahmen" - mit anderen Worten: Aufschlüsse über die Mentalität der politischen und gesellschaftlichen Eliten. Röhl gelingt es außerdem, zahlreiche Auslassungen und Verzerrungen der wichtigsten deutschen Aktenedition aus der Zwischenkriegszeit, der "Großen Politik der europäischen Kabinette", zu korrigieren. Dass die Biographie außerdem sowohl mit einer eindrucksvoll nacherzählten Todesszene einsetzt, dem Besuch Wilhelms II. am Totenbett seiner Großmutter, Victoria I., als auch mit einem weiteren Todesfall, dem Begräbnis Wilhelms II., endet, verdeutlicht ihre kompositorische Mehrschichtigkeit. Denn hier wird nicht nur der letzte deutsche Kaiser zu Grabe getragen, sondern zugleich auch der Untergang des Deutschen Reiches in vielen Facetten gleich mitverhandelt. Röhl folgt damit indirekt einer Beobachtung Friedrich Naumanns, der der deutschen Öffentlichkeit, die sich bereits zu Lebzeiten Wilhelms II. über dessen diplomatische Fehlleistungen erregt hatte, entgegenhielt: "Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild."

John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1901-1941. C.H. Beck Verlag, München 2008. 1620 S., 49,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008, Nr. 241 / Seite L34

 
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