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: Der großer Hunger

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Seine Bücher über Finanzgebaren und Geschichtspolitik der Eidgenossen machten den einstigen Nationalrat Jean Ziegler zum Schrecken vieler Schweizer. Jetzt, in seiner aktuellen Funktion als UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, nimmt er sich das "Imperium der Schande" vor. Entlehnt hat er den Begriff bei Benjamin Franklin.

          Seine Bücher über Finanzgebaren und Geschichtspolitik der Eidgenossen machten den einstigen Nationalrat Jean Ziegler zum Schrecken vieler Schweizer. Jetzt, in seiner aktuellen Funktion als UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, nimmt er sich das "Imperium der Schande" vor. Entlehnt hat er den Begriff bei Benjamin Franklin. Als amerikanischer Botschafter in Paris wurde dieser von Georges Danton attackiert, weil die hehre Erklärung der Menschenrechte keine Schutzmacht habe. Franklin erwiderte: "Irrtum! Hinter dieser Erklärung steht eine beträchtliche unvergängliche Macht, die Macht der Schande" (the power of shame).

          Ziegler sieht das "Imperium der Schande" heute wie nie zuvor von ihren eigenen Verursachern kontrolliert. Sie setzen sich hier aus Profiteuren, Kosmokraten, Plünderern unseres Planeten zusammen, dort aus Abermillionen der Ärmsten, deren Schande in passiver Scham über ihr Schicksal bestehe - in der Internalisierung eigener Minderwertigkeit. Für sie fordert Ziegler eine Art zweiter Französischer Revolution. Veredelt durch Kants Friedensartikel weltbürgerlicher Solidarität und befeuert von Ernst Blochs Vertrauen in die Utopie der Humanität. Was sollen, fragt Ziegler, Freiheit und Gleichheit per Wahlschein, wenn der Wähler verhungert? "Natürlich wird die Menschheit", so Ziegler, "nie den Tod besiegen, und auch nicht die Einsamkeit, die Verzweiflung oder eines der zahlreichen Leiden, die die Conditio humana ausmachen. Doch neben dem unaufhebbaren Schmerz, wie viel vom Menschen erzeugtes Leid!" Vor allem von jenen zu verantworten, für die selbst Kindersterblichkeit eine Marktfrage sei.

          Zu den Ortsterminen seiner Prozeßführung nimmt Ziegler den Leser mit und zwingt dessen Blick in die Datenbanken des Weltelends, zu denen Ziegler qua Amt Zugang hat. Er weiß, daß man den Bedürftigen nicht hilft, wenn man bloß den Reichen alles nimmt. Doch könnten sie mittels gezielter Rettungsstrategien das Elend zwar nicht gänzlich beseitigen, aber erheblich lindern. Zu den Reichen zählen 7,7 Millionen Dollarmillionäre mit einem Gesamtvermögen von 28 000 Milliarden Dollar. Und da sind die 500 Konzerne, die Reichtümer kontrollieren, welche größer sind als die kumulierten Guthaben der 133 ärmsten Länder der Welt.

          Tausende Kinder verhungern an einem Tag. Täglich kostet der Krieg im Irak 177 Millionen Dollar. Pressure groups des großen Geldes mobilisieren die große Politik. Aus ihren Interventionen belegt Ziegler konkret: "Wie so oft wurde Kofi Annan erpreßt." Die Agonie des Völkerrechts, die strukturelle Gewalt, Korruption und Versagen der Weltdiplomatie, die globale Plazierung von Lebensmitteln und Medikamenten nach Gewinnerwartung macht Ziegler im Zitat Henry Kissingers anschaulich: "Imperium superat regnum." Nach einer Harvard-Studie wird von den Pharmakonzernen, in deren Vorstandsgehälter nun Ziegler Einblick gibt, mehr Geld für Marketing als für Forschung aufgewendet. "Es ist ein großes Unglück", so der Vorsitzende der NGO Antenna, "daß die Malaria nicht in New York wütet."

          Einen wahren Krieg führen amerikanische Firmen in den Kulissen der Weltpolitik für die globale Durchsetzung gentechnisch veränderter Pflanzen. Sie sollen das Saatgut, das bei der Ernte üblicherweise zurückgelegt wird, ersetzen. Da genveränderte Saaten patentiert und deren Nutzung alljährlich gebührenpflichtig sind, könnte die Landwirtschaft (60 Prozent der berufstätigen Weltbevölkerung sind Bauern) zur neuen Goldmine unter der Parole werden, so den Hunger in der Welt besser bekämpfen zu können. Der ist aber nach Ziegler nur entstanden aus der künstlichen Verknappung der Ressourcen.

          So weise der FAO-Report 2003 nach, daß die Weltlandwirtschaft beim derzeitigen Entwicklungsstand ihrer Produktivkräfte problemlos (und vor allem ohne genmanipuliertes Saatgut) 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Seine Kritik an genbehandelten Produkten machte Ziegler in den UN zum Feind der Diplomatie Washingtons. Im Dickicht der "kosmokratischen Barbarei" und "kannibalischen Weltordnung" erkennt Ziegler Stützpunkte des Optimismus. In Äthiopien, Indien, Südamerika drängen anwachsende Protestgruppen aus der Fatalität des Opferdaseins heraus und wollen zum Akteur ihres eigenen Schicksals werden. Mit der Wahl Lulas da Silva ist Brasilien (240 Milliarden Dollar Auslandsschulden) in eine neue Epoche eingetreten. Der neue Präsident erhielt 52 Millionen Stimmen. Seine Transformation des Landes verlangt Umsicht. Die Strickleitern der Hoffnung auf eine bessere Zukunft dürfen sich nicht am "Vertrauen der Märkte" durchscheuern. Das Allende-Experiment in Chile warnt.

          Die Quälerei mit dem ungeheuerlichen Thema verleitet Ziegler dazu, daß er nicht immer Fakten von Spekulation, Daten von Deutungen absetzt. Wer deshalb Zieglers Anklage abtun möchte als Postwurfsendung eines apostolischen Sozialismus, der bekommt es mit einer Scham ganz lautloser Art zu tun: "Man verliert nicht den Glauben; er hört auf, dem Leben Form zu geben, das ist alles" (Georges Bernanos).

          Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. C. Bertelsmann Verlag, München 2005. 316 S., 19,90 [Euro].

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