Je länger die Mobilisierung des Rechts und administrativer Förderprogramme andauert, umso deutlicher wird deren begrenzte Wirksamkeit für Gleichstellungsbemühungen. Der Anteil an Frauen bleibt in bestimmten Disziplinen niedrig. Welche Mechanismen dazu beitragen, untersucht eine neue soziologische Studie, indem sie am Fall der Schweiz die dortigen Wissenschaftsstile vergleicht. Dabei werden ganz verschiedene Zugänge zu den Fächern deutlich, die erhebliche Konsequenzen für die geschlechtliche Kategorisierung haben.
Ausgangspunkt der Forscherinnen ist das Selbstverständnis der modernen Wissenschaft, wonach von persönlichen Merkmalen abstrahiert werden soll und Leistungen nur nach Sachkriterien zu beurteilen sind. Diesem Ethos wäre eine Differenzierung nach Geschlechtszugehörigkeit zuwider: Das Geschlecht ist ein Unterschied, der in der Forschung keinen Unterschied macht. Dennoch herrscht dringender Tatverdacht, dass es Mechanismen gibt, die dies unterlaufen und die von Fach zu Fach verschieden ausgeprägt sind.
Um diesen Mustern auf die Spur zu kommen, untersuchten die drei Forscherinnen die Verfahren des Erkenntnisgewinns und seine Kooperationsformen in vier Disziplinen: Botanik, Pharmazie, Meteorologie und Architektur. Wie wird dort geforscht, und nimmt man in der Interaktion den Unterschied zwischen einer Kollegin und einem Kollegen wahr? Erwartet man ihn geradezu? Denn gerade in der Interaktion und bei den derzeit grassierenden Netzwerkbildungen kommen jene oft unbewusst zugeschriebenen, personalisierenden Merkmale wieder zum Tragen, die auf der normativen Ebene eigentlich keine Rolle mehr spielen.
Die Kriterien bei der Untersuchung der vier Disziplinen waren: die Standardisierung der epistemischen Verfahren, der Grad der wechselseitigen Abhängigkeit und die Trennbarkeit von beruflichen und privaten Erwartungszusammenhängen. In der ethnographischen Studie der Forscherinnen erwies sich die Botanik als eine typische Feldwissenschaft, in der die Datenerhebung wenig standardisiert ist: Der "entdeckende Blick" muss eingeübt werden und ist höchst individuell. Die Subjektivität des Forschers und sein persönliches Erfahrungswissen gelten als wichtige Ressource.
Auch die Meteorologie ist keine Laborwissenschaft, auch sie gewinnt ihre Daten im Feld. Allerdings sind ihre Verfahren der Datenerhebung und -auswertung weitgehend standardisiert. Sie erfolgen über Messinstrumente, nicht über den Körper des Forschers. Daher bietet die Meteorologie die Möglichkeit, die Leistung von der Person, die sie erbracht hat, zu trennen. Anders in jenen Fächern wie der Botanik, wo die Methoden wenig systematisiert und viele personenbezogene Merkmale sozial relevant werden können.
Die Pharmazie wiederum ist eine hochtechnisierte Laborwissenschaft mit erheblichem Zwang zur Kooperation. Der Spezialisierungsgrad ist hoch, kaum eine Person beherrscht alle Verfahren. Ganz anders schließlich die Architektur, die weder Feld- noch Laborwissenschaft ist, sondern eine "professionsorientierte Disziplin" mit besonderer Praxisnähe. Auch dort wird kooperiert, allerdings nicht infolge von Spezialisierung, sondern aus ökonomischem Zwang und projektbedingtem Termindruck heraus; schon früh wird auf Wettbewerbsteilnahme hin sozialisiert. Das kulturelle Selbstverständnis der Architektur bildet eine Gemengelage von Kunst, Technik und Wissenschaft. Diese verbinden sich in der Person des Architekten selbst, der sich als verbindender Generalist versteht. Bis zum Geniekult ist es nur ein kleiner Schritt.
Was das alles für die Trennung von Persönlichem und Beruflichem bedeutet, kann auch der Laie unschwer antizipieren: In der Pharmazie geht diese sehr weit und wird noch durch das Tragen von uniformen Laborkitteln und betont unpersönlicher Arbeitsplatzgestaltung symbolisch bekräftigt. Weniger klar sind die Verhältnisse in der Meteorologie, wo die sprichwörtliche Wetterwendischkeit des Objekts seine Erforschung verkompliziert und in den außerberuflichen Alltag hineinreicht. Messungen erfolgen oft in wenig planbarer Weise und kaum je in unmittelbarer Nachbarschaft zum Institut. Die Forscher verbringen auf engem Raum viel Zeit miteinander im Feld. Die Trennung von beruflicher und privater Sphäre wird eingeebnet.
Noch radikaler ist die Entgrenzung in der Architektur, wo identitätsstiftende Berufsnormen allenthalben engste Zusammenhänge zwischen Beruf und Privatleben postulieren. Das Private wird einverleibt, ästhetische Kategorien schlagen Brücken zwischen den verschiedenen Lebensbereichen: Kleider, Kunstgeschmack und Kinobesuche qualifizieren dann ebenso für den Beruf wie der Besuch lifestyle-affiner Restaurants. Als schick gilt auch das permanente Überziehen der Arbeitszeit im Atelier, das den Mythos der kreativen und infolge besonderen Zeitdrucks notwendigen Nachtarbeit bedient.
Während daher bei der Pharmazie und der Meteorologie infolge von Standardisierungen unter Absehen des Geschlechts gearbeitet wird, vermuten die Forscherinnen entsprechende Kommunikationen eher bei Biologie und Architektur. Was in ihrem Beitrag über lange Strecken sehr vorsichtig formuliert wird, holt der Schluss im Klartext nach. Dort wird zitatweise aus dem Nähkästchen der Wissenschaft geplaudert, so dass insbesondere die Geschlechterrollenklischees in der Architektur unmissverständlich werden. Deren Jurys begründen ihre Urteile mit geschlechtlich konnotierten Attributen und Gesten, Stellenvergaben erfolgen ohne Ausschreibung und aufgrund von Reputation, "Humor" und "guter Witz" werden von den durchweg männlichen Vorgesetzten als Selektionskriterien benannt. Die Entscheidungen werden weder von den Betroffenen noch von ihren Kolleginnen als nachvollziehbar empfunden, im Gegenteil betonen die Auserwählten selbst den Sympathiefaktor und das Fehlen fachlicher Aspekte.
In einer Fußnote wird schließlich auch die statistische soziale Wirklichkeit mitgeliefert: Der Frauenanteil bei den Professoren betrug schweizweit 2005 im Durchschnitt aller Fächer zwölf Prozent, in der Architektur sind es aber nur drei Prozent.
MILOS VEC
Bettina Heintz, Martina Merz, Christina Schumacher: "Die Macht des Offensichtlichen: Bedingungen geschlechtlicher Personalisierung in der Wissenschaft", Zeitschrift für Soziologie 36 (2007), Heft 4.