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„Der Fall Arnolfini“ : Reich mir die Hand fürs Jenseits

Jan van Eycks „Arnoflini-Hochzeit“ aus dem Jahr 1434 hängt heute in der Londoner National Gallery Bild: Picture-Alliance

Die Deutung von Jan van Eycks Gemälde „Arnolfini-Hochzeit“ wirft seit Jahrhunderten Fragen auf. Nun hat sich Jean-Philippe Postel daran gemacht, das Bilderrätsel zu lösen – und verblüffende Erkenntnisse gesammelt.

          Jean-Philippe Postel stellt seinem Buch als Motto einen Satz des französischen Pathologen und Neurologen Jean-Martin Charcot voran, Direktor des Hopital de la Salpétrière in Paris, dessen Versuche, mittels Hypnose auf die Spur der Hysterie zu kommen, Sigmund Freud maßgeblich zu seinen Beobachtungen anfeuerten: „Hinsehen und noch einmal hinsehen und immer wieder hinsehen, und so gelingt es uns, zu sehen.“ Der Autor nimmt sich gemäß diesem Motto Jan van Eycks unerhörtes Gemälde von 1434 vor, das gemeinhin die „Arnolfini-Hochzeit“ heißt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das Bild ist bis heute ein Rätsel, auf den ersten Blick scheint es den Akt eines Heiratsversprechens darzustellen. Doch selbst das kann nicht als gewiss gelten. Sicher ist, dass sich die Hände zweier vermögender Personen treffen in einem intimen Gemach, das ebenfalls Reichtum verrät. Einigkeit herrscht auch darüber, dass sich in der Kunst van Eycks akribisch realistische Details mit hoher symbolischer Aufladung des christlichen Glaubens verbinden.

          Doch wer nur einmal im Saal 56 der National Gallery in London vor dem grade einmal achtzig mal sechzig Zentimeter großen Gemälde stand, weiß intuitiv, dass er einem Geheimnis gegenübergetreten ist. Was machen die zwei merkwürdigen Gestalten da überhaupt? Ist die junge Frau schwanger, oder bedeutet die Wölbung ihres Leibs, was in der Zeit nicht ungewöhnlich war, jungfräuliche Fruchtbarkeit? Warum stehen der bleiche Mann und die kostbar gewandete Frau in der privaten Kammer beisammen, ohne sich mit Blicken zu begegnen?

          Er reicht die linke Hand

          Tatsächlich ruhen die Augen der Frau auf der wie zum Schwur erhobenen rechten Hand des Mannes. Und wieso reicht dieser ihr seine linke Hand, berührt sie aber kaum? Als handle es sich um eine morganatische Verbindung, eben „zur linken Hand“, in der die Frau die vom sozialen Stand her unterlegene ist? Wenn doch davon ausgegangen wird, dass es sich bei den Dargestellten um den schwerreichen italienischen Kaufmann Giovanni di Nicolao Arnolfini und seine ebenfalls reiche Gattin Costanza Trenta handelt. Die allerdings bereits 1433, also ein Jahr zuvor, gestorben war.

          „Jan van Eyck war hier“, so steht es über dem Spiegel auf dem Gemälde „Arnolfini-Hochzeit“.  Doch was malte er da eigentlich?

          Jean-Philippe Postel, Arzt im Ruhestand, kennt die zahlreichen kontroversen Wendungen der Forschungsliteratur, angefangen bei Erwin Panofskys Deutung von 1953, und er lässt sie in seine Überlegungen einfließen. Aber er gräbt sich ein paar neue Wege, indem er seine Erkenntnisse nicht nur aus kunsthistorischen Quellen schöpft, sondern auch aus anderen Zeugnissen. Sie unterfüttert er mit einer guten Portion deutender Phantasie, auch der glückliche Zufall spielt ihm in die Hände. Seine feingliedrige Argumentationskette kann hier nicht nachgezeichnet werden – das würde auch ein intelligentes Spiel verderben –, aber einige ihrer Eckpunkte seien doch genannt.

          Es beginnt damit, dass Postel auf den ursprünglichen Titel des Bildes rekurriert, nämlich „Hernoult le Fin mit seiner Frau in einem Schlafgemache“. So steht es Anfang des sechzehnten Jahrhunderts im Inventar der Gemälde Margaretes von Österreich, der das Werk damals gehörte. Sie ließ übrigens, aus bisher ungeklärten Gründen, „ein Schloss zum Verschließen“ vor diesem Bild anbringen, als sei seine Betrachtung gefährlich.

          Postel bezweifelt, dass „Hernoult le Fin“ dem Namen „Arnolfini“ entsprechen soll. Dagegen hält er zeitgenössische Belege – angefangen beim „Rosenroman“ – dafür, dass „Arnould“ der Spitzname für betrogene Ehemänner, dass der „heilige Arnulf der Schutzheilige der Gehörnten, Hahnreie, der Geneppten...“ sei. Wer aber steht dann auf van Eycks Bild neben einem solchen? Es müsste doch, folgert Postel, eine Frau sein, die ihn dazu gemacht hat – zumindest eine, auf der dieser Verdacht ruht, der womöglich falsch ist. Der Spiegel an der Wand soll da Auskunft geben.

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