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Der Blender, seine Frau und ihr Liebhaber

Protokoll einer dreifachen Obsession am Hofe des Herzogs und seiner Kurtisanen: Elias und Veza Canetti schreiben "Briefe an Georges"

Wo ist der von Elias Canetti immer wieder angekündigte zweite Teil von "Masse und Macht" geblieben? Wo der gleichfalls oft erwähnte zweite Roman nach der "Blendung"? Im Nachlaß des 1994 gestorbenen Literaturnobelpreisträgers fand sich keine Spur von den angeblich so weit gediehenen Büchern. Canetti, diesen Vorwurf muß man ihm machen, war ein Blender. Er trieb das vielgeliebte literarische Maskenspiel ins Leben.

Statt dessen fand sich im Nachlaß einiges, von dem man nie zuvor gehört hatte. Seit Canettis Tod ist daraus eine Fülle von Publikationen entstanden, die unser Bild von ihm umgestürzt haben: die Editionen der literarischen Arbeiten seiner Frau Veza, weitere Aufzeichnungsbände, "Party im Blitz" als im Entwurf fertiger vierter Band der Autobiographie und die große, unter Nutzung des Nachlasses entstandene Biographie von Sven Hanuschek.

Im vergangenen Jahr erschienen dann an unscheinbarer Stelle, im August-Heft der Literaturzeitschrift "Akzente", drei Briefe an Georg Canetti, den jüngsten Bruder. Zwei davon, von 1934 und von 1935, stammten von Elias, einen schrieb 1945 Veza. Man erfuhr in "Akzente", daß dies lediglich Auszüge einer umfangreichen Korrespondenz seien, die sich im Pariser Nachlaß von Georg gefunden habe.

Der war 1971 gestorben, was also war seither mit den Briefen geschehen? War Elias Canetti bekannt, daß sie noch existierten? Man muß es bezweifeln, denn die drei publizierten Briefe sind von einer persönlichen Intensität, die man nicht anders als glühend nennen kann. Sollten die anderen einen ähnlichen Ton anschlagen, müßte man von einem Flächenbrand sprechen.

Nun bricht er aus, denn am heutigen Samstag erscheint ein Buch, das die gesamte erhaltene Korrespondenz zwischen Veza, Elias und Georg Canetti unter dem Titel "Briefe an Georges" (Georg paßte seinen Vornamen dem französischen Gebrauch an) wiedergibt. Es ist einer der bizarrsten Briefwechsel der Literaturgeschichte, denn er enthüllt eine Dreiecksgeschichte, die ihresgleichen nicht hat. Nicht weil sie Skandale hervorgebracht hätte, sondern weil drei hochbegabte Menschen in den Briefen ihr wechselseitig aneinander verzweifelndes Leben offenbaren. Elias Canetti hatte recht, als er Georg am 28. Juni 1948 schrieb: "Ich glaube, daß Familie etwas wie Todsünde ist." Alle drei sind in Liebe zueinander verbunden ("Nothing shall destroy the afinity between us three", versichert Veza 1945 Georg), doch die unterschiedlichen Weisen dieser Liebe trennen sie. Wir begegnen schwärmerischer und körperlicher Liebe, idealistischer und intellektueller, platonischer und geschwisterlicher, hoffnungsvoller und enttäuschter, niemals aber erfüllter Liebe.

Romane könnte man darüber schreiben. Man hat sie schon geschrieben. In der "Blendung" tritt Georg Canetti nicht einmal ansatzweise verhüllt als Georg Kien, Bruder des bibliomanen Sinologen Peter Kien, auf. Man darf es als eine der größten Prophezeiungen der Literatur betrachten, wie hier, noch vor dem Einsetzen der erhaltenen Korrespondenz, das spätere Verhältnis der Brüder Canetti - zwischen den Polen von überschäumender Begeisterung und kühler Distanz, wie sie vor allem die Briefe der vierziger Jahren belegen - vorweggenommen wurde. "Die exakteste Phantasie", schreibt Elias 1934 an Georg, "ist ja die unglaubwürdigste, denn sie entfernt sich am weitesten vom Gegenwärtigen." Aber das Zukünftige, so muß man diese Briefstelle weiterdenken, holt die Phantasie wieder ein. Genau das geschah im Leben von Veza, Elias und Georg.

Auch Veza Canetti hat einen Roman darüber geschrieben: ihre stark autobiographisch bestimmten "Schildkröten" von 1939, in der die damals den Höhepunkt erreichende Faszination für Georg einfloß. Auch hier machen etliche Passagen des Briefwechsels staunen, weil sie inhaltlich wie aus dem Roman übernommen scheinen, wobei allerdings zuvorderst die entlarvenden Bemerkungen über den Gatten genannt werden müssen. Aber die Briefe zeigen eine ungebärdige Autorin, eine Getriebene, nicht die ironische Allegorikerin der "Schildkröten". In den Briefen, da finden sich Hilfeschreie: "Denn niemand ist zärtlich zu mir, Georg, niemand. Es wären schon welche da, die es sein wollten, aber Canetti vertreibt sie und kommt dafür in der früh nachhause und versichert mir, dass ich eine gute Mutter zu ihm bin, eine Dichterin dazu. Denn die bin ich." Mit den "Schildkröten" bewies sie es - auf der Grundlage des eigenen Lebens.

Um den "Briefen an Georges" gerecht zu werden, müßte man drei Rezensionen schreiben - über jeden Korrespondenten eine eigene. Elias Canettis Briefe überraschen am wenigsten. Man besitzt mit ihnen Proben eines kalkulierten Schreibens, das von derselben Präsision wie die Aufzeichnungen ist, aber die sentimentale Zuneigung zu Georg nicht kaschieren kann. Elias buhlt um die Sympathie des sechs Jahre Jüngeren, hat dabei jedoch stets etwas Belehrendes an sich wie im ersten seiner erhaltenen Briefe vom 2. März 1934, als er Georg voraussagt, irgendwann selbst einen Roman zu schreiben - eine Hoffnung, die er und Veza bis zuletzt hegten -, und auf die Brüder Powys hinweist: "alle drei Schriftsteller, und der grösste von ihnen hat zuletzt mit der Kunst begonnen, er war früher reiner Philosoph. Ich hoffe, Du weisst diese ehrende Bemerkung zu schätzen." Wenn sich der kleingewachsene Canetti schon selbst einmal klein machte, sollte es der Briefempfänger gefälligst auch würdigen.

Herz des Briefwechsels, in jeder Beziehung, ist Veza Canetti. Ihre Schreiben machen rund achtzig Prozent der erhaltenen Korrespondenz aus, und sie ist es, um die sich überhaupt das ganze Drama dieses Dreiecks entwickelt, denn in Georg Canetti fand sie das Gegenbild ihres Mannes: einen zartfühlenden, zurückhaltenden und nicht zuletzt seiner homosexuellen Neigungen wegen an anderen Frauen desinteressierten Mann, dessen Erscheinung wie ein Korrektiv zum unansehnlichen Elias wirken mußte; einen zurückgezogenen Dandy, bald zusätzlich verklärt durch eine Tuberkuloseerkrankung, die ihn in Vezas Augen endgültig vergeistigte, gegenüber dem stadtbekannten Sonderling, dessen erotische Eskapaden seine Frau zutiefst verletzten.

In der wüstesten Brieffolge des ganzen Buches kommentiert Veza das Verhältnis von Elias mit der Schriftstellerin Friedl Benedikt, das er pro forma als literarische Lehrstunden zu tarnen pflegte: "Wenn ein Genie sein Leben damit verbringt, eine schreiende Puppe aufzuziehen, statt seine großartigen Fähigkeiten zu entfalten", schreibt sie 1946 resigniert an Georges (in der Kriegszeit wechselte sie von der deutschen zur französischen Namensschreibweise). Wir lesen, wie Veza "am Hofe des Herzogs Canetti und seiner Kurtisanen" lebte und litt, wie sie Selbstmordversuche unternahm (das erfahren wir aus Briefen von Elias) und sich doch nicht von ihrem Mann lösen konnte, sogar selbst der Nebenbuhlerin half, um ihn nicht zu belasten. Denn auch Elias war gefährdet: "Der Murkl wollte sich gestern mit einer Feile beide Augen ausstechen", teilt Veza dem Schwager am 13. Mai mit.

Einiges ist aber auch rasend komisch - komisch durch die Manien, die die Beteiligten pflegten. 1948 bereitete Elias Canetti Vorträge über Kafka, Joyce und Proust vor. Am 3. Mai schrieb er von einer Frankreich-Reise (mit Friedl!) an Veza: "O Türmchen, Türmchen, wie ich diesen Proust liebe! Ich bin Dir mehr als dankbar dafür, dass Du ihn genau liest. Er ist so dicht, dass ich unmöglich mehr als zwei Bände ganz lesen kann, und ich wäre verloren ohne Deine genaue Hilfe." Mit anderen Worten: Seine Frau sollte ihm die Ideen zum Vortrag liefern. Die eifersüchtige Veza giftete vier Tage später in einem Brief an Georg: "Jetzt wird er nicht Proust lesen, jetzt arbeitet er an ihrem Roman. Und was die anderen beiden Autoren anlangt, er kennt vielleicht zehn Seiten Kafka und zwanzig Seiten Joyce." Einen Monat später aber schreibt Elias an Georg: "Nicht nur habe ich den ganzen ,Ulysses' wieder durchstudiert, ich bin wieder mitten im Proust . . . Du hast geglaubt, ich könnte über Proust sprechen, ohne ihn ganz zu kennen. Nun das könnte ich wohl, aber ich täte es nicht; ich habe zuviel Respekt für ihn."

Wer lügt hier? Es spricht einiges dafür, daß es Elias war, denn er hatte Veza ja um die Proust-Lektüre gebeten. Sie klagt gegenüber Georg am 24. Juni: "Ich habe für ihn den ganzen Proust - nicht gelesen, sondern durchgearbeitet, mit Notizen Einfällen etc. . . . Jetzt, wo ich ihm alles geebnet habe, wo die Schickse bei mir gewohnt hat, bei mir speist, hier mit ihm schläft und hier badet, sehe ich nichts ein: sind die Vorträge nicht fertig, so gehe ich zu meinem solicitor und reiche um die Scheidung ein." Elias Canetti sollte Prousts "Recherche" doch noch ganz lesen, aber die Vorarbeiten hatte Veza geleistet, wie sie auch - als Einarmige - seine Manuskripte abtippte.

Geradezu gespenstisch erscheint dagegen Vezas Liebe zu Georg, die von Ritter-und-Prinzessinnen-Phantasien in der Vorkriegszeit zu einem mütterlichen Verhältnis in den vierziger Jahren regrediert ("Geliebtes Kind"). Nun war sie zum zweiten Mal einem Geliebten zur Mutter geworden. Einmal noch sollte sie Georg nach dem Krieg sehen, als sie ihn am Krankenlager aufsuchte - und die mittlerweile Fünfzigjährige spottet über ihre eigene Erscheinung am Bett des Mittdreißigers. Was Liebe sich selbst antun kann, das ist selten so schonungslos dokumentiert worden wie in diesen Briefen und am brutalsten in dem vom 1. Juli 1948, als Veza ihre Unterschrift ergänzt: "Sadist und Sapphist". Kurz danach bricht der Briefwechsel ab.

Bleibt der dritte Korrespondenzpartner als für uns meist unsichtbarer Dritter. Elias hat Georgs Schreiben an Veza und ihn entweder vernichtet oder sekretiert. So gibt es nur sechs frühe Entwürfe, die sich im Pariser Nachlaßkonvolut gefunden haben, und einen Brief von 1946, der deshalb überlebt hat, weil Veza ihn aus Vorsicht an Georg zurücksandte; sie fürchtete, Elias könne ihn zu Gesicht bekommen.

In dieser Handvoll Briefe aber erweist Georg Canetti sich als Meister der psychologischen Beobachtung und großer Stilist. "Der Elias", schreibt er 1933 an Veza, "ist wohl einer jener Menschen, die eine ganz spezielle Optik, ganz bestimmte Treffwinkel und Beleuchtungsgrade brauchen, um voll zur Geltung zu kommen . . . Beim Elias darf die unleugbare Diskrepanz zwischen dem Dichter und den restlichen Menschen nicht in allzu grellem Licht erscheinen und das ist nur dann möglich wenn der Dichter übermächtig wird und alles andere beschattet."

In den Briefen von Elias an den Bruder aber zeigt sich eine andere Diskrepanz in grellstem Licht: die zwischen dem Dichter und dem gewöhnlichen Menschen, der Elias Canetti war. Veza und Georg kommen in den "Briefen an Georges" nicht nur moralisch besser weg, sondern auch literarisch. Vielleicht hatte das Ehepaar Canetti recht, daß aus der Feder des unsichtbaren Dritten ein großes Buch zu erwarten gewesen wäre. "Bitte legen Sie diesen Brief zu meinen anderen", hatte Veza ihn bereits 1938 gebeten, "ich werde es einmal brauchen." Dank Georgs treuer Erfüllung dieses Wunsches haben wir nun tatsächlich ein großes Buch - und das aus gleich drei Federn.

Veza und Elias Canetti: "Briefe an Georges". Hanser Verlag, München 2006. 420 S., 20 Abb., geb., 25,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2006, Nr. 180 / Seite 46

 
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Veröffentlicht: 05.08.2006, 12:00 Uhr