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: Der bittersüße Honig der Mutlosigkeit

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Das neue Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, der in wenigen Wochen in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, ist zugleich Autobiographie, Porträt seiner Heimatstadt Istanbul und eine Geschichte vom Zerfall einer Familie. Mit seinen Stadtansichten und den vielen privaten Familienfotos ...

          Das neue Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, der in wenigen Wochen in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, ist zugleich Autobiographie, Porträt seiner Heimatstadt Istanbul und eine Geschichte vom Zerfall einer Familie. Mit seinen Stadtansichten und den vielen privaten Familienfotos der Pamuks ist dieses reiche Istanbuler Lesebuch auch der Versuch, das prägende Lebensgefühl der Metropole am Bosporus zu erfassen.

          Von Hubert Spiegel Was ist "Hüzün"? Hüzün ist ein Lebensgefühl, das man zu allen Zeiten und an vielen Orten unter dem Namen Melancholie kannte, das aber an keinem anderen Ort der Welt soviel Einfluß gewinnen konnte wie in Istanbul. Hüzün streicht durch die Stadt wie ein unaufhörlich wehender Wind, der noch durch die schmalste Gasse fegt, durch Fenster, Türen und alle Ritzen in die Häuser dringt und nicht aufzuhalten ist, bevor er sich in den Seelen ihrer Bewohner eingenistet hat. Hüzün kommt über die Stadt und ihre Bewohner und kommt zugleich aus der Stadt und aus den Menschen. Mit jedem Atemzug atmen die Istanbuler Hüzün ein und mit jedem Atemzug stoßen sie Hüzün aus, so daß niemand zu entscheiden vermag, wie sich die Sache wirklich verhält: Ist es die Stadt, die Kummer über ihre Bewohner bringt? Oder ist es der Hüzün der Istanbuler, der die ganze Stadt in süßem Schmerz versinken läßt?

          Im Leben des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk ist Hüzün die große Konstante: "Seit ich denken kann, ist die Stadt von Armut gekennzeichnet, von Untröstlichkeit über den Verfall des Reiches, von der Melancholie, die von den Überresten aus großer Zeit ausgeht. So bin ich von jeher damit beschäftigt, diese Melancholie zu bekämpfen oder mich dann doch, wie alle Istanbuler, ihr endlich hinzugeben."

          Drei Wochen bevor er in Stockholm den Nobelpreis erhält, erscheint nun das ursprünglich für das kommende Frühjahr angekündigte Erinnerungsbuch Pamuks: "Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt" ist die Autobiographie der frühen Jahre, ein Porträt der Stadt, in der Pamuk seit fünf Jahrzehnten lebt und die er wohl niemals auf Dauer verlassen wird, und es ist eine Übung in Hüzün, die aufs Papier bannt, was in immer neuen Anläufen erklärt, beschrieben und beschworen wird. Zunächst einmal aber ist dieses Buch die hinreißend erzählte Geschichte vom Verfall einer Familie.

          Sorglose Untergangsstimmung.

          Orhan Pamuks Großvater war ein Ingenieur, der mit dem Geld, das er beim Bau der türkischen Eisenbahn verdient hatte, eine Fabrik errichtete, einen profitablen Zulieferbetrieb für den Tabakanbau. Seine Söhne werden ihr Leben damit verbringen, das Vermögen des Vaters in unrentable Unternehmen zu investieren, sie gründen oder übernehmen Firmen, bekleiden Direktorenund Geschäftsführerposten und müssen ein Grundstück des umfangreichen Immobilienvermögens nach dem anderen verkaufen, um ihre Pleiten zu kaschieren. So wachsen Pamuk und sein Bruder in sorgloser Untergangsstimmung auf, unternehmen mit Vater und Onkel immer wieder fröhliche Ausfahrten mit dicken westlichen Autos, um gemeinsam der Familienfestung zu entkommen, dem im modernen Baustil errichteten Appartmenthaus "Pamuk Apartmani" im Stadtviertel Nisantasi, in dem die Großfamilie gemeinsam unter einem Dach lebt, bis Zwist, Vermögensstreitigkeiten und westliche Lebensart den Familienverbund gesprengt haben.

          Pamuk beschreibt das Haus, in dem er mit Unterbrechungen seit seiner Geburt im Jahr 1952 gelebt hat, als Museum eines Lebensstils im Übergang von der türkisch-osmanischen Kultur zu westlicher Lebensart. Die dunklen Räume, von der Großmutter so gut wie nie, von den Kindern nur selten verlassen, werden dem kleinen Orhan zum unergründlichen Mikrokosmos. Wo andere Kinder ein Wäldchen oder ein paar Büsche in der Nachbarschaft als Urwald erleben, muß Orhan sich mit dem floralen Muster im Teppich begnügen. Den Rest besorgt die Phantasie, von der er soviel hat, daß er zeitlebens in selbst geschaffenen Parallelwelten zu verschwinden fürchtet.

          Pamuk berichtet ausführlich von Kinderspielen und Bruderzwist, von den häufigen Ehekrächen der Eltern, dem strengen Regiment der Großmutter, von Tanten, Nachbarinnen, Gesellschaftsdamen, von seiner Streberkarriere in der Schule (Orhan zeigte immer auf, sogar dann, wenn er die Frage der Lehrerin über seinen Tagträumen gar nicht gehört hatte), er schildert Pubertätsnöte und die erste Liebe zu seiner "Schwarzen Rose", einem langbeinigen Reh, das unverzüglich ins Schweizer Internat verfrachtet wird, als ihr Vater erfährt, das sie einem Knaben namens Orhan Modell steht. Denn damals wollte Pamuk noch Maler werden.

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