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: Der belgische Hitler-Sohn und der deutsche Überleib

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Als ich 1977 die Untersuchung zu den deutschen Freikorps beendete, die in den Jahren nach 1919 die deutschen Arbeiteraufstände niederschlugen und sich später selber als "die ersten Soldaten des Dritten Reiches" feierten, hatte ich keine Ahnung, welche Rolle das Buch - veröffentlicht unter dem Titel "Männerphantasien" ...

          Als ich 1977 die Untersuchung zu den deutschen Freikorps beendete, die in den Jahren nach 1919 die deutschen Arbeiteraufstände niederschlugen und sich später selber als "die ersten Soldaten des Dritten Reiches" feierten, hatte ich keine Ahnung, welche Rolle das Buch - veröffentlicht unter dem Titel "Männerphantasien" - in der Geschlechterdiskussion unterm Zeichen des einsetzenden Feminismus spielen sollte. Etwas anderes wusste ich: Ich hatte etwas geliefert, was es bis dahin nicht gab, den Versuch, den Faschismus, den Nationalsozialismus, nicht als Ausgeburt einer fürchterlichen "Ideologie" zu beschreiben, sondern, ausgehend vom Mann-Frau-Verhältnis in der europäischen Geschichte, als eine gewalttätige Art und Weise, "die Realität" herzustellen: die politische mörderische Realität des faschistischen Gewaltstaats nicht als Folge von Ansichten, Ideen oder Industrie-Interessen, sondern als umgesetzter Ausdruck verheerender Körperzustände seiner Protagonisten - der faschistische Staat als Realitätsproduktion des Körpers des soldatischen Mannes.

          "Vielleicht die aufregendste deutschsprachige Publikation des Jahres 1977", schrieb "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein. Weniger enthusiasmiert war das Gros der deutschen Historiker. Historiker haben Vorbehalte gegen autobiographische Texte. Sie trauen Untersuchungen nicht, die vorwiegend die Affekte des historischen Personals untersuchen. Schon gar nicht trauen sie psychoanalytischen Zugängen; unter anderem, weil sie keine Ahnung von ihnen haben. Ihr schlechtes Gewissen kam dazu: Erneut kümmerte sich ein Fachfremder um ihre (versäumten) Aufgaben.

          Von Historikern freundlicher aufgenommen wurde das Buch in den Vereinigten Staaten. Das liegt daran, dass in Universitäten viele Kinder jüdischer Eltern, die der Schoa nach Amerika entkamen, leben und lehren; junge Wissenschaftler, die darauf warteten, dass endlich jüngere Deutsche sich mit dem Nazismus ihrer Eltern auseinandersetzten. Womöglich kamen auf diesem Weg die "Male Fantasies" in die Hände von Jonathan Littell?

          Als der Autor von "Les Bienveillantes" ("Die Wohlgesinnten") im Herbst 2007 Kontakt mit mir aufnahm, hatte ich von seinem Roman gehört, ihn aber nicht gelesen; die deutsche Übersetzung sollte erst noch kommen. Jonathan Littell schickte mir ein Bild mit einem kleinen Text: ein Foto aus dem Jahr 1944; es zeigt den belgischen Faschisten Léon Degrelle mit dreien seiner Kinder bei einer Parade; alle mit ausgestrecktem Arm beim "Hitlergruß". In der ersten Zeile des Texts entdecke ich meinen Namen - und verstehe im Weiteren, dass Littell Degrelles Buch "La Campagne de Russie" "mit meinen Augen" gelesen hat, das heißt mit den Kategorien, die ich in "Männerphantasien" für die Lektüre faschistischer Zusammenhänge entwickelt habe.

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