21.05.2008 · Eine Übersetzung von Goethes "Faust", die 1821 in London erschien, spaltet gerade die anglistische Gelehrtenwelt. Es geht darum, wer ihr Übersetzer ist. Im vergangenen Herbst hatte die Oxford University Press in ihrer renommierten "Clarendon"-Reihe eine ausführlich kommentierte Neuausgabe des Dramas veröffentlicht.
Eine Übersetzung von Goethes "Faust", die 1821 in London erschien, spaltet gerade die anglistische Gelehrtenwelt. Es geht darum, wer ihr Übersetzer ist. Im vergangenen Herbst hatte die Oxford University Press in ihrer renommierten "Clarendon"-Reihe eine ausführlich kommentierte Neuausgabe des Dramas veröffentlicht. Sie schreibt einem der bekanntesten romantischen Schriftsteller der Briten, Samuel Taylor Coleridge, diesen englischen "Faust" zu. Coleridge kann als der erste große germanophile Literat Englands gelten. Er war Importeur des deutschen Idealismus - wie viele Briten außer ihm haben jemals behauptet, Schelling verstanden zu haben? - und Handlungsreisender in Ideen der Brüder Schlegel, die er manchmal auch als die Seinen ausgab. Seine glänzende Übersetzung des zweiten und dritten Teils von "Wallenstein" erfolgte direkt aus Schillers Manuskript.
Coleridge hatte Ende des achtzehnten Jahrhunderts Deutschland bereist, kam romantiktrunken von dieser Tour zurück und bewirkte, dass seitdem eigentlich niemand mehr die Romantik als eine deutsche Affäre bezeichnen kann. Zusammen mit William Wordsworth revolutionierte er in "Literarische Balladen" von 1798 die englische Literatursprache. Seine berühmtesten Gedichte, "Kubla Khan" und "Der Reim vom alten Seenmann", kannte einst jeder englische Oberschüler. 1833 nun allerdings hatte Coleridge selbst bestritten, auch nur einen Tropfen Tinte an den "Faust" verwendet zu haben. Die amerikanischen Literaturwissenschaftler Frederick Burwick, Emeritus der Universität von Kalifornien, und James C. McKusick, Anglist an der Universität von Montana, verbrachten nichtsdestotrotz Jahrzehnte mit dem komplizierten stilkritischen Versuch, nachzuweisen, dass er der Autor der 1821 anonym als Arbeit eines "Gentleman von literarischem Rang" erschienenen Fassung des Versdramas sei. Sollte er gelungen sein, wäre es eine Sensation.
Wochen nach der Publikation des stattlichen, mehrere englische "Faust"-Übersetzungen des neunzehnten Jahrhunderts bringenden Bandes kam der Gegenschlag. Drei Londoner Professoren für die Geschichte der deutschen und insbesondere der romantischen Literatur - Roger Paulin, Elinor Schaffer und William St. Clair - attackierten die Oxforder Edition in einer von der "School of Advanced Study" der Londoner Universität ins Internet gestellten Analyse von fünfunddreißig Seiten, voller Fußnoten, Quellenverweise und Illustrationen - sowie voller bissiger Richtigstellungen und Beschwerden. Es könne keine Rede davon sein, dass Coleridge den ersten Teil des "Faust" - nur um ihn geht es - übersetzt habe. Dutzende von Tatsachen sprächen dagegen. Die Edition entspreche nicht den normalen Standards der Oxford University Press. Seitdem ist eine Kontroverse über philologische Methoden und historische Detektivarbeit entbrannt.
Worum geht es? Um einen Indizienprozess und um zwei Arten wissenschaftlicher Evidenz. Die eine hält sich an historische Quellen, die andere an die Sprache. Zuerst die Tatsachen: Als Coleridge 1814 von John Murray, dem Verleger Lord Byrons, einhundert Pfund erhielt, damit er den "Faust" übersetze, war seine Karriere als Dichter schon zu Ende. Er hatte die eigene Genie- und Opiumperiode überlebt, ohne jemals zu dem hinreißenden Ton zurückzufinden, der seine Werke um 1800 herum in den Rang von Weltliteratur hob. Die "Faust"-Übersetzung lieferte er damals nicht, Teile des Werks seien unübersetzbar.
Im Mai 1820 fragt der Verleger Thomas Boosey erneut bei ihm in einem nicht erhaltenen Brief an. Coleridge' Antwort, die nicht in den Materialien der Oxforder Edition, aber in der Attacke der Londoner Professoren mitgeteilt wird: Er könne sich nicht um die Werke anderer kümmern, außerdem gehe es dem Verleger um eine "Faust"-Ausgabe, die vor allem durch Illustrationen bestimmt sei, da fehle ihm, Coleridge, der Platz, um sich gegenüber einem Werk von zweifelhaftem religiösen Ruf zu erklären. Tatsächlich war der englische "Faust" von 1821, wie die Kritiker der Oxforder Ausgabe schreiben, ein Beiwerk zu sechsundzwanzig Zeichnungen nach Stichen des deutschen Künstlers Moritz Retzsch. Den Käufern solcher Illustrationen, so Coleridge an den Verleger, seien die poetischen und moralischen Aspekte des Werkes gleichgültig, ihnen genüge die Story, die aber könne jeder liefern, der des Deutschen und Englischen mächtig sei. Und was Booseys Angebot einer höheren Bezahlung anging, teilte Coleridge, selten um Pathos verlegen, mit, er mache sein Ja oder Nein niemals von Verhandlungen abhängig.
Im September desselben Jahres allerdings schreibt Goethe an seinen Sohn, "Colleridge" sitze am "Faust". Das entsprechende Gerücht hatte der in London ansässige Hofbuchhändler Johann Heinrich Bothe nach Weimar getragen. Da die anonym publizierte Fassung im Oktober 1821 in einem Magazin besprochen wurde, hätte Coleridge für seine Arbeit allerhöchstens achtzehn Monate Zeit gehabt. Doch wie kommt es, fragen die Kritiker der Oxforder Ausgabe, dass es davon keine einzige briefliche Spur gibt und dass der redselige Coleridge, der groß im Ankündigen von Projekten, aber zurückhaltend im Durchführen war, sein Leben lang alle seine Freunde über diese Autorschaft getäuscht haben sollte? Wiederholt hatte der Dichter in seinen berühmten Tischgesprächen betont, den "Faust" wieder weggelegt zu haben.
Ein Grund für seine Geheimhaltung und die anonyme Publikation, meinen Burwick und McKusick in ihrer Ausgabe, seien die Vorauszahlungen des anderen Verlegers gewesen, die Coleridge ohne Leistung eingesteckt habe. Ein anderer Grund liege in den von Coleridge angedeuteten religiösen Provokationen des Dramas. Der Schriftsteller gab sich um 1820 alle Mühe, die Freisinnigkeit seiner frühen Jahre vergessen zu machen und als Theologe zu erscheinen. Da mochte die Arbeit an einem vom Teufel, Hexen und Dämonen, außerehelicher Intimität, Abtreibung und Mord handelnden Stück nicht ins Bild gepasst haben. Tatsächlich war die Ausgabe von 1821 sogar in den Illustrationen um religiöse Korrektheit bemüht, etwa indem aus dem "Prolog im Himmel" gegenüber den Originalradierungen Gott, dort in direktem Sichtkontakt mit Mephisto, weggelassen wurde. Und auch die Prosazusammenfassungen vieler Szenen, die zwischen den übersetzten Versen stehen, nehmen Rücksicht auf den religiösen Geschmack der Anglikaner.
Aber reicht der Hinweis auf denkbare Gründe für seine Anonymität aus, um plausibel zu machen, dass Coleridge mit keiner Seele über seine Übersetzertätigkeit gesprochen hatte? Kein einziger zeitgenössischer Rezensent hatte Coleridge hinter den Blankversen vermutet. Und doch ist es gerade ihre Sprache, die Burwick und McKusick gegen vielerlei Quellen vermuten lässt, es habe sich um diesen und keinen anderen Übersetzer gehandelt. Denn ihre wichtigste Evidenz ist die der "stylometrischen Analyse", auch wenn sie selber betonen, von dieser allein hänge ihre Zuschreibung nicht ab und vollkommene Sicherheit sei auch auf diesem Weg nicht zu gewinnen. Stylometrie - das heißt hier: Die amerikanischen Forscher haben den Text der "Faust"-Übersetzung durch das Computerprogramm "Signature" geschickt, das Dokumente auf rhetorische Eigenheiten, Worthäufigkeiten und Wortkombinationen hin untersucht. Die 1964 gelungene Zuschreibung großer Teile der "Federalist Papers" auf James Madison hatte dieses an der Universität Leeds entwickelte Programm schon 1964 berühmt gemacht. Und auch die Identifikation von William Shakespeare als Mitautor von "Henry VIII." und "Two Noble Kingsmen" beruhte auf solchen Auswertungen.
Mit diesem Mittel fanden die Editoren erhebliche, durch den Zufall kaum erklärbare Übereinstimmungen mit Versen aus "Remorse" und "Der Fall Robespierres", zwei Versdramen von Coleridge. "My soul's wild warfare" und "my heart's wild tempest" - solche Wendungen, meint Frederick Burwick gegenüber dem "Chronicle of Higher Education", seien tatsächlich wie Unterschriften des Schriftstellers. Mehr als achthundert "Echos" des Stils von Coleridge im Text von 1821 haben die Amerikaner gefunden.
Manche Philologen sehen das anders und halten statistische Befunde über die Häufigkeit im Gebrauch intransitiver Verben für kaum hinreichend, um die Lektüre zu ersetzen. Der Autor der jüngsten Biographie von Coleridge etwa, Richard Holmes, Professor für Biographische Studien an der Universität East Anglia, hat, wie er uns sagt, schwere Zweifel an der Zuschreibung. Im zweiten Band seiner Coleridge-Biographie, "Darker Reflections" von 1998, verfolgte er selbst die Spuren der Initiative des Verlegers Murray, aber stellte fest, dass dieser den Verdacht nicht loswurde, Coleridge stelle zu hohe finanzielle Forderungen.
Das Urteil von Holmes wird man nicht in den Wind schlagen, mehr als jeder andere hat er in den vergangenen zwanzig Jahren das Leben des Dichters in alle Richtungen durchforscht. Er selbst spekuliert, ob der "Faust" von 1821 nicht vielmehr eine Arbeit von Claire Clairmont, der Stiefschwester von Mary Shelley, ist - aber er gibt im Gespräch zu, dafür auch keinen stichfesten Beweis zu haben.
In der Gelehrtenwelt ist vor allem die Heftigkeit des Angriffs der englischen Philologen auf ihre amerikanischen Kollegen mit Irritation registriert worden. In der Tat laufen ihre Vorwürfe auf nicht weniger als den des schlampigen Forschens hinaus. Dieser Tage ist Frederick Burwick in England, um auf einem Coleridge-Symposion seine Edition zu verteidigen.
JAMES WOODALL
Faustus. From the German of Goethe Translated by Samuel Taylor Coleridge, hrsg. von Frederick Burwick und James C. McKusick, Oxford: Clarendon Press, 2007; Materialien zur Debatte finden sich unter www.friendsofcoleridge.com/Faustus.
Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Kaube.