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: Dem Klima geht's prima!

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Auf dem Cover des Buchs "Frohe Botschaften" von Dirk Maxeiner und Michael Miersch spaziert ein griesgrämig dreinblickender Herr mit Brille und Anzug einen Sandstrand entlang. Zwei splitternackte Damen kommen ihm entgegen, doch für diese Wesen interessiert sich der Mann überhaupt nicht. Er trägt ein Plakat vor sich her, auf dem in schwarzen Lettern "The end is in sight" steht.

          Auf dem Cover des Buchs "Frohe Botschaften" von Dirk Maxeiner und Michael Miersch spaziert ein griesgrämig dreinblickender Herr mit Brille und Anzug einen Sandstrand entlang. Zwei splitternackte Damen kommen ihm entgegen, doch für diese Wesen interessiert sich der Mann überhaupt nicht. Er trägt ein Plakat vor sich her, auf dem in schwarzen Lettern "The end is in sight" steht. Die Welt, schleudert uns dieser Mann entgegen, droht unterzugehen, und wohin man auch schaut, auf Moral und Anstand wird sowieso längst gepfiffen.

          Zu Schwarzmalern dieser Sorte zählen die Journalisten Maxeiner und Miersch natürlich nicht ("Frohe Botschaften". Dirk Maxeiner & Michael Miersch über den alltäglichen Wahnsinn. Verlag Wolf Jobst Siedler jr., Berlin 2008. 208 S., geb., 18,- [Euro]). Die beiden Journalisten halten, so liest man, Zukunftsoptimismus nicht für eine Geisteskrankheit und schauen selbst hoffnungsfroh nach vorne, denn was sie da sehen, ist viel Licht und sehr wenig Schatten. Das ist nicht immer so gewesen. Anfang der neunziger Jahre leiteten die zwei nämlich das deutsche Umweltmagazin "Nature" und publizierten eine Katastrophenstory nach der anderen. Und die Umweltpessimisten zeigten sich hoch zufrieden, fühlten sie sich doch in all ihren Befürchtungen bestätigt. Erst starb der Wald (das begann schon in den Achtzigern), dann starben die Robben, bald folgten das Insekten- und das Vogelsterben, und sogar ein Spermiensterben schien sich anzukündigen. Dem schlimmstmöglichen Szenario wollte man ins Auge sehen, das zeugt schließlich von kritischem Bewusstsein, der Rest ist Traumtänzerei.

          Die vorhergesagten Katastrophen mochten allerdings nicht eintreten. Hinzu kam, dass Maxeiners und Mierschs Recherchen dem gewohnten Klagelied immer häufiger die Melodie verweigerten. Und so erkannten die Redakteure: "Die Welt wird besser. Ob Krieg, Hunger, Analphabetentum, politische Unterdrückung oder Umweltverschmutzung: Alle großen Übel dieser Welt schrumpfen erfreulicherweise schon seit längerem." Es blieb den Zukunftsfrohen nichts anderes übrig, als das Magazin zu verlassen und fortan ihre Zuversicht zu zelebrieren (unter anderem in dem Buch "Öko-Optimismus"). Das tun Maxeiner und Miersch nun auch in dem amüsanten Buch "Frohe Botschaften", für das sie einige ihrer in der "Welt" erschienenen Kolumnen ausgewählt haben. Ihr Themenspektrum ist ziemlich breit und reicht vom Doping im Radsport über die Wiederkehr des Gammelns bis zu Bruno, dem Problembären. Besonders angetan sind die Autoren aber von der Klimadebatte: Gut gelaunt rufen uns Maxeiner und Miersch zu: Ist doch alles nur halb so schlimm, kein Grund zur Sorge, auch dem Klima geht's prima.

          "Wer sich die offiziellen Temperaturstatistiken der großen Forschungseinrichtungen wie der britischen ,Climate Research Unit' anschaut, ist leicht verblüfft. Pssssst: Die globale Erwärmung hat irgendwie ein Päuschen eingelegt. Seit 2001 ist der Planet nicht wärmer geworden, die Temperaturen stagnieren auf hohem Niveau." Maxeiner und Miersch loben außerdem die Tempo-30-Zonen, die Fußgängerampeln, unsere Medizin, die vielen Impfstoffe sowie die Tatsache, dass frisches Obst heutzutage eine Selbstverständlichkeit ist. "Bedenkliche Chemikalien wurden verboten, Baustellen abgeriegelt, und sogar die Zahl der Kindermorde ist seit den Siebzigern deutlich gesunken." Erfreulich, schreiben die Autoren, sei auch, dass die Rinderseuche BSE den Menschen verschont habe und die Vogelseuche plötzlich wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Wer der Welt Gutes tun möchte, dem raten Maxeiner und Miersch, im Supermarkt nach gentechnisch veränderten Produkten Ausschau zu halten und den ganzen Biokram links liegenzulassen. Die Gentechnik verringere schließlich den Einsatz von Pestiziden, sorge für mehr Ertrag und damit für weniger Flächenbedarf. Das wiederum entlaste die wilde Natur, es entständen neue Pflanzen, die dazu beitragen, "Mangelerkrankungen bei den Menschen in armen Ländern zu lindern".

          Also Schluss mit der ganzen Hysterie? Dass man nicht jedes Wort, das Maxeiner und Miersch von sich geben, für bare Münze nehmen darf, versteht sich von selbst. Die beiden überspannen gerne den Bogen und spitzen gerne zu, dabei geht es ihnen in erster Linie gar nicht um Provokation, sondern darum, zu sensibilisieren; jede Medaille hat ja bekanntlich zwei Seiten oder, mit Maxeiner und Miersch gesprochen: "Konsens schützt nicht vor Nonsense." "Frohe Botschaften" ist jedenfalls ein hübsches Buch, was auch daran liegt, dass die Autoren den richtigen Ton treffen und nicht wie belehrende Weltversteher auftreten. Man lässt sich deshalb gerne von ihnen auf ihre Reise durch den deutschen Alltag mitnehmen. So viele gute Nachrichten hat es schließlich lange nicht mehr gegeben.

          MELANIE MÜHL

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2008, Nr. 156 / Seite 35

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