18.07.2004 · Warum sind Bedienungsanleitungen, die ein Ingenieur verfaßt hat, kaum zu verstehen? Der Raketenforscher Werner Albring versucht eine Erklärung. Auf den Bestsellerlisten hielt sich in diesem Frühjahr für einige Wochen ein Buch mit einem rar gewordenen Helden: dem Ingenieur. In John Griesemers Roman "Rausch" ...
Warum sind Bedienungsanleitungen, die ein Ingenieur verfaßt hat, kaum zu verstehen? Der Raketenforscher Werner Albring versucht eine Erklärung. Auf den Bestsellerlisten hielt sich in diesem Frühjahr für einige Wochen ein Buch mit einem rar gewordenen Helden: dem Ingenieur. In John Griesemers Roman "Rausch" füllte der amerikanische Ingenieur Chester Ludlow sechshundert Seiten, auf denen er zwischen Europa und den Vereinigten Staaten das Transatlantikkabel verlegt, Stürme besiegt, Massen begeistert und seinem Kollegen - einem Österreicher und wie Ludlow Ingenieur - die Frau ausspannt. So viel Ingenieur war seit Jules Verne nicht mehr. Eine Ausnahme? Ja, sagt Werner Albring, der sich in der Helmholtz-Vorlesung "Der Ingenieur in der Gesellschaft" an der Humboldt Universität zu Berlin besorgt über die Zukunft seiner Profession äußerte. In der Öffentlichkeit sei der Ingenieur inzwischen geradezu unsichtbar. Obwohl jeder tagtäglich Auto fährt, sich fönt, Radio hört, das Licht und den Computer anschaltet, bleiben die Schöpfer der Technik so entrückt und unverstanden wie das Innenleben eines Fernsehers. Ingenieure gelten als Technokraten, langweilig und wenig kommunikativ.
Die Klage über die öffentliche Wahrnehmung des Ingenieurs kommt aus berufenem Munde: Der neunzigjährige Werner Albring wird in diesem Jahr zum Ehrenmitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie gewählt. Ingenieure kennen ihn als Verfasser des Handbuchs für "Angewandte Strömungstechnik". Historikern ist er als Autor von "Gorodomlia" bekannt, dem autobiographischen Bericht über die sowjetische Raketenforschung auf der Insel Gorodomlia im Seligersee, auf die ihn der sowjetische Geheimdienst 1945 zusammen mit weiteren deutschen Spezialisten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verfrachtet hatte.
Für das geringere Ansehen des Ingenieurs ist sein Verschwinden aus der Literatur des 20. Jahrhunderts nur ein Symptom. Nach den abenteuerlustigen Erfindern eines Jules Verne meißelte Max Frisch mit dem Ingenieur Walter Faber in "Homo Faber" noch das Standbild eines rationalitätsgläubigen Technokraten. Danach wurde es still um sie. Nach Ansicht von Albring bedauerlich, aber kein Wunder. Denn, so Albring, über oder mit dem Ingenieur sprechen nicht nur andere nicht. Der Ingenieur selbst spricht nicht. Er ist sprachlos. In die Vorstände von Automobilkonzernen wählt man daher inzwischen lieber Wirtschaftsfachleute, in politischen Gremien ist er ein Exot, auch in den Medien bekommt man ihn nicht zu Gesicht.
Die Schuld an der Sprachlosigkeit der Ingenieure gibt Albring der eigenen Zunft: Im Studium lernt der künftige Ingenieur Maschinenpläne zu zeichnen, Diagramme zu erstellen und in Formeln zu denken. Er verlernt dabei zu sprechen, zu schreiben, überhaupt zu kommunizieren. Der Schulaufsatz bleibe im Leben eines Ingenieurs häufig die letzte Übung im Verfassen von Texten, sagt Albring. Seine Sprache ist von nun an die Zeichnung, das Diagramm, die Formel. Mit der Ausbildung wird der Ingenieur also in eine Umlaufbahn katapultiert, auf der er sich weiter und weiter von der Gesellschaft entfernt. Die wenigen Worte, die am Horizont des Ingenieurs überhaupt noch auftauchen, sind entweder Fachtermini, die keiner sonst versteht, oder, falls ein Begriff aus der Alltagssprache stammt, meint er im Ingenieurswesen etwas völlig anderes: die "Stufen" des Strömungstechnikers sind keine Treppen und seine "Schaufeln" keine Spaten. Was aus dem technischen Begriffshimmel, etwa in Bedienungsanleitungen, in die Alltagswelt hinunterregnet, bleibt für den Rest der Welt unverständlich. Am Ende des Studiums hat sich der Ingenieur in einer Welt von Diagrammen, Zeichnungen und Fachbegriffen verpuppt. Das Extrem davon führt der Fall des selbsternannten Ingenieurs und Erfinders Janke vor, der vierzig Jahre lang in einer Nervenheilanstalt lebte und dort Maschinen konstruierte, die nur auf dem Papier existieren sollten (das Künstlerhaus Bethanien widmete ihm 2003 eine Ausstellung).
Was tun? Den Nichtingenieuren empfiehlt Albring mehr technische und naturwissenschaftliche Bildung, um die Kluft zwischen Ingenieur und Gesellschaft zu schließen. Den Ingenieuren rät er zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und mit den wortgewaltigen Pionieren des 19. Jahrhunderts. Insbesondere das Werk des Physiologen und Physikers Hermann von Helmholtz hält er in doppelter Hinsicht für vorbildlich: Es enthalte bis heute wertvolle naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die Helmholtz zudem meisterhaft zu formulieren wußte. Wissenschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen war Helmholtz ein ebenso ernsthaftes Anliegen wie die Forschung selbst.
Daß die Arbeit des Ingenieurs jedoch nie außerhalb der Gesellschaft stattfindet, auch wenn er dabei nicht öffentlich in Erscheinung tritt, zeigt Albrings eigene Biographie. Nach dem unfreiwilligen Exil im Dienst Stalins wandte er sich von der Raketenforschung ab und widmete sich der zivilen Luftfahrt als Professor in Dresden. Mit den Maschinen der Ingenieure werden wir auch weiter eine Welt teilen - sprachlos oder nicht.
Literatur: Heinz Duddeck und Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): "Die Sprachlosigkeit der Ingenieure", Leske + Budrich, Opladen 1999; Werner Albring: "Gorodomlia. Deutsche Raketenforscher in Rußland", Luchterhand Verlag, Hamburg 1991.