04.03.2010 · Woran sollen Informatiker sich halten, wenn ihre Arbeit sie in ethische Konflikte bringt? Ein Band formuliert Richtlinien und entwirft realistische Fallgeschichten mit offenem Ende.
Von Milos VecGewissensbisse sind jene Sanktion, die sich nach moralischem Fehlverhalten einstellt. Sie nagen am Betroffenen rein innerlich und sind nicht notwendig durch gesellschaftliche Ächtung oder staatliche Zwangsgewalt gestützt. Die zweifelnde Stimme des Gewissens indiziert oft nur die Existenz eines Problems, nicht notwendig die sichere Verletzung einer Norm. Denn was diese Norm aussagt, ja, ob es sie überhaupt gibt, ist oft Teil des ethischen Dilemmas, in dem sich der Betroffene befindet; er fragt: Wie soll ich handeln?
Das verständlich und flott geschriebene Büchlein der fünf Informatik-Autoren nähert sich den ethischen Problemen des eigenen Fachs, die diese Gewissensbisse verursachen können, in ebenso einseitiger wie erhellender Weise: Die Konflikte werden nicht aus einer lehrbuchmäßigen Theorie der Ethik deduziert, sondern als ungelöste Fallgeschichte entwickelt. Der Leser begegnet also den Herausforderungen der Informationsgesellschaft in vielfältigen Miniaturerzählungen mit stets offenem Ende.
Konflikte im Netz
Die standardisierenden Elemente sind dennoch erheblich: Es geht immer um das - konsequent subjektive - Erleben eines Konflikts, immer wird dieser Konflikt auf prototypische Interessen zurückgeführt, und es ist jemand in seiner professionellen Rolle als Informatiker oder als privater EDV-Nutzer gefordert, damit umzugehen. IT-Projekte stehen unter Zeitdruck, sind rücksichtslosen Profiterwartungen und nachvollziehbaren Sparzwängen ausgesetzt; ihren Auftraggebern fehlt der Sinn für Normübertretungen, sie verfolgen unerreichbare Ziele. Netzbewohner finden fehlerhafte Maschen, die verblüffende Einblicke in abgeschirmte Bereiche des Datenuniversums ermöglichen.
Auch bevor er den mehrfach eingestreuten Hinweis gefunden hat, weiß der Leser, dass diese Fälle oft realen Vorkommnissen nachgebildet sind. Vorsätzlicher Datenklau oder -missbrauch, grob fahrlässige Sicherheitslücken im EDV-System und die erschreckenden Selbstüberschätzungen der Informationsgesellschaft bilden den narrativen Kern dieses Pitavals der Computergeneration in ihren ethisch zweifelhaften Seiten.
Diskurs im Maschinenraum
Mit der Publikation verknüpft sich der nicht selbstverständliche Anspruch, dass die Informatiker mehr sind als die unselbständigen Handlanger im Maschinenraum einer hochtechnisierten Gesellschaft. Im Gegenteil: Sie sollen die nicht-technischen Konsequenzen ihres Handelns reflektieren und mit ihrer Verantwortung für Technik umgehen lernen. Das heißt vor allem, sich der Komplexität der Probleme bewusst zu werden und die eigenen Handlungsmöglichkeiten so zu sondieren, dass Positionen begründbar und Argumente intersubjektiv formuliert werden. „Diskurse üben“ scheint das Motto für eine Zunft, die man sich von Haus aus vielleicht wenig diskussionsfreudig, aber sehr an „korrekten“ technischen Lösungen orientiert vorstellen darf.
In den ethischen Konflikten aber helfen diese starren Richtigkeitsvorstellungen nicht weiter, oft geht es um delikate Abwägungen zwischen verschiedenen Gütern. Um diese Abwägungen zu strukturieren, bietet das Buch auf der formalen Seite plausible Schemata an, wie Konflikte analysiert werden können. Inhaltlich verweist es vielfach auf die im Anhang abgedruckten „Ethischen Richtlinien der Gesellschaft für Informatik“, die selbstregulierenden Normen der Datenarbeiter.
Verständnis, aber keine Lösung
Das strukturelle Problem nicht nur des Buches ist, dass auf diese Weise die Konflikte in sehr angemessener Weise nachvollzogen werden können, eine „Lösung“ aber weit weniger konkret im Raum steht. „Richtlinien“ geben eben nur eine Richtung vor; ob sie gewählt wird, bleibt ungewiss. Sie entfalten weder eine rechtliche Bindung, noch entscheiden sie konkret über richtig und falsch. Zumeist sprechen sie nur Prinzipien aus, deren Anwendung und Konsequenzen in Entscheidungssituationen uneindeutig bleiben - was man freilich auch als Stärke sehen kann.
Kritischer wiegt, dass das Buch anfangs eine Ausgrenzung trifft, die es aber immer wieder einholt: „Der juristische Aspekt der in diesem Buch diskutierten Fälle soll jedoch weitgehend ausgespart werden“, heißt es programmatisch im Abschnitt über „Verantwortung in der Informatik“. Das wäre ein kluger Schachzug, um auf das ethische Problem zu fokussieren. Allein der Kunstgriff greift erstens nicht, und zweitens wird er auch von den Autoren selbst in den Fallbeispielen immer wieder unterlaufen.
Ausblendung der Rechtsaspekte?
Man nehme etwa die Trias „Biometrie, Datenschutz, geistiges Eigentum“, die auf dem Umschlag den Brueghelschen Höllensturz durchschneidet, und wende den Satz konsequent an. Kann man den Umgang mit universitären Plagiaten, mit Datendiebstählen im medizinischen Sektor wirklich ethisch angemessen unter Ausblendung der Rechtsaspekte diskutieren? Soll es keine Rolle spielen, ob und welche Rechtsnormen es für das Whistleblowing gibt, wenn man Missstände offenlegt?
Es kann also dem Informatiker bei seinen ethischen Reflexionen nicht gleichgültig sein, ob das Recht ein Handeln mit dem Stigma der Kriminalisierung oder des Arbeitsplatzverlusts belegt oder ihm umgekehrt Anerkennung und Schutz verleiht. Und für den klassischen Fall des Konflikts von Recht und Moral müsste über die angemessenen Kollisionsnormen nachgedacht werden, die man dem Individuum für seine Entscheidung an die Hand geben wollte. Noch die genannten „Ethischen Richtlinien“ akzentuieren die Frage der „juristischen Kompetenz“ und postulieren eine dreifache Pflicht des Informatikers zur Kenntnis, Einhaltung und Fortschreibung der einschlägigen rechtlichen Regelungen.
Ruhekissen bei Gewissensbissen
Anders gesagt: Die Ethisierung der Informatiker-Ausbildung, die sich in diesem Werk auch auf dem deutschen Buchmarkt abbildet, darf nicht in lebensfremder Weise die parallele und womöglich deutungsmächtigere Verrechtlichung der gesellschaftlichen Konflikte ausblenden. Sie bliebe damit nicht nur hinter den eigenen Standesrichtlinien zurück, sondern würde die Konflikte einer Dimension berauben, die für die Handlungsfolgen nicht eben unwichtig ist. Eine Ethik der Rechtsbefolgung, begrenzt oder unbegrenzt, wäre daher für die angemessene Beschreibung ein unerlässliches Seitenstück und Ruhekissen bei Gewissensbissen. Hier hätte der Band den Weg seiner Interdisziplinarität konsequent weiter beschreiten müssen.