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David Lama: High Jedenfalls Hirnschmalz

01.09.2010 ·  Sportlermemoiren sind interessant, wenn sie anthropologische Möglichkeiten erhellen. Der Kletterer David Lama braucht im Buch nicht viele Adjektive, aber am Berg den Kopf.

Von Ernst Horst
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David Lama heißt so, weil sein Großvater tatsächlich ein Lama war, ein buddhistischer Mönch in Tibet und später in Nepal. Dessen Sohn, ein Sherpa, heiratete eine Touristin aus Innsbruck. Dort wurde David 1990 geboren. In dieser Familie schert man sich nicht um das, was die anderen von einem erwarten.

David Lama ist ein Sportkletterer, angeblich ein „Jahrhunderttalent“. Mit seinen gerade einmal zwanzig Jahren hat er so viele Preise eingeheimst, dass er in einigen Tagen schon seine Memoiren veröffentlichen kann. Was ist Sportklettern? Das Buch kann man auch und gerade Lesern empfehlen, die das nicht wissen. Kurz gesagt, geht es beim Klettern nicht darum, einen Gipfel zu ersteigen, sondern eine vorgegebene Strecke im Fels zu bezwingen, deren Schwierigkeit zu den Fähigkeiten des Sportlers passt. Haken und Seile dienen nur der Sicherheit. Man muss klettern, als ob der Fels noch im Urzustand wäre.

Beim „Free-Solo“ verzichtet man sogar ganz auf das Seil, aber so tollkühn ist unser Autor nicht. Wettkämpfe finden an künstlichen Kletterwänden statt. Beim „Bouldern“ kraxelt man ohne Absicherung, aber so niedrig, dass man noch unverletzt auf eine Matte am Fuß der Kletterwand fallen kann. Da benötigt man viel Kreativität, hier zählt mehr das Talent als das sture Training. Unser junger Held bouldert gerne und erfolgreich, aber er ist nicht der Typ, der sich auf eine Disziplin konzentrieren mag. Ihn reizt die ganze Vielfalt seines Sports.

Er ist nicht das klassische Wunderkind

David Lama hat so früh angefangen, wie es nur möglich war. Seine Eltern waren passionierte Bergwanderer und hatten ihn schon als kleinen Buben immer dabei. Ein paar gute Gene haben sie ihm wohl auch mitgegeben. Ansonsten wurde er aber nur so weit gefördert, wie er es selbst wollte. Er ist nicht das klassische Wunderkind mit dem dominanten Vater. Mit Klettern lässt sich längst nicht so viel Geld verdienen wie mit Tennis oder Fußball. Insofern wäre es auch wenig sinnvoll gewesen, ihn mit äußerem Leistungsdruck zum Spitzensportler zu dressieren.

Mit sechs Jahren begann David ernsthaft mit dem Klettern, und seitdem verbringt er jede freie Minute damit. Zu seinem ersten Wettbewerb durfte er leider erst mit sieben - als jüngster Teilnehmer - antreten. Er war enttäuscht, dass er nur auf Platz zwei kam. In der Folge jagte eine Aufregung die andere. David sammelte die Pokale wie seine Altersgenossen Paninibilder und wurde mit fünfzehn Jahren Jugend-Weltmeister. Jetzt, als Erwachsener, gehört er weltweit wohl zu den besten zehn Kletterern.

Wie sagen die Heuchler doch immer: „Nicht siegen, dabei sein ist wichtig!“ Natürlich will David Lama immer siegen. Wenn man sein Buch liest, dann erkennt man aber, dass er nach Möglichkeit mit relativ wenig Aufwand siegen will. Sein erklärtes Ziel ist es, vom Klettern zu leben. Dafür muss er immer wieder einmal eine neue Trophäe ins Regal stellen können. Lieber als die Wettbewerbe an den artifiziellen Kletterwänden sind ihm aber die Felsen in der freien Natur. Dafür ist er in Österreich, in Europa, in der ganzen Welt unterwegs, natürlich immer mit mindestens einem Begleiter. Auch ein Bergfex kann schon einmal mitten in der Wildnis einen Bänderriss haben, vor allem wenn er noch nicht ganz erwachsen und manchmal etwas übermütig ist. Ein Flug mit dem Rettungshubschrauber geht übrigens gegen die Sportlerehre. Lieber kriecht man zwei Stunden lang auf allen Vieren zum Parkplatz, wo das Auto steht.

David Lama und seine Begleiter erleben gefährliche Abenteuer

Solche Reisen müssen natürlich finanziert werden. Dafür braucht man Sponsoren. Dieser kommerzielle Aspekt bleibt aber in dem Buch gottlob im Hintergrund. Besonders sympathisch finde ich, dass darin niemand von den jungen Leuten das aus Ochsengalle, Zucker und Koffein gemixte Tonikum des Hauptsponsors zu sich nimmt, obwohl es sich dabei doch eigentlich um ein sehr altersgemäßes Produkt handelt. Stattdessen trinkt man Bier oder Radler. Nur an Heiligabend genehmigt man sich schon einmal einen Gin.

Den Sponsoren verdanken wir auch die meisten Bilder im Buch. Es ist ja klar, dass die immer einen Fotografen mitschicken, der tolle Bilder macht und darauf achtet, dass auch das Logo auf der Mütze gut zu erkennen ist. Die siebzehn Fotos ergeben ein kleines Familienalbum, wir sehen den kleinen David auf dem Arm seiner Mutter im Himalaya und den herangewachsenen mit seinen Freunden in der Mitte gewaltiger Felsformationen.

Die Sprache des Buchs (für die Textfassung zeichnet Christian Seiler verantwortlich) ist, abgesehen von diversen infantilen Einsprengseln, ganz angenehm zu lesen, solange man keine Literatur erwartet. Viel mehr als zwei Adjektive (genial, super) kennt der Autor allerdings nicht. Aber das hat auch etwas Authentisches. So parliert man halt, wenn man im Lager tagelang auf besseres Wetter hofft. David Lama und seine Begleiter erleben gefährliche Abenteuer fern der Zivilisation, da redet man eher wie Lederstrumpf als wie Peter Handke.

Seine Obsession liegt am Rand der sozialen Gaußkurve

Das Klettern, wie David Lama es beschreibt, ist ein besonders interessanter Sport. Nicht unbedingt die Wettkämpfe am normierten Objekt, da bemängelt Lama mit der geballten Altersweisheit seiner zwanzig Jahre, dass die junge Generation heutzutage nicht mehr so entspannt ist wie früher. Doch das Klettern im Gebirge ist eine unglaublich komplexe Angelegenheit. Da braucht man mehr Hirn- als Muskelschmalz. Dazu kommt noch die Herausforderung, die darin besteht, dass man ja erst einmal zum Fels hinkommen muss. Das kann Stunden oder Tage dauern. Wenn man auf gutes Wetter warten muss, sogar Wochen. Dafür schmeckt danach das Bier in der Cervecerìa in El Chaltén besonders gut.

Was mir an dem Buch gefällt, hat eigentlich gar nichts mit Sport zu tun. Leicht verrückte Menschen, die ihren ganz und gar eigenen Weg gehen, sind faszinierend. Man denke nur an den Sammler, der Dutzende von Motorrädern zusammenkauft, oder an den architektonischen Spinner, der sich im Garten seltsame Türme errichtet und sie mit Zehntausenden selbst gesammelten Muschelschalen verziert. So jemand ist David Lama auch. Er ist kein Unikat, er hat Geistesverwandte, aber nur wenige. Seine Obsession liegt am Rand der sozialen Gaußkurve. Geld spielt schon eine Rolle, das ist immer so, aber doch nur eine kleine. Irgendwie muss man die vielen Müsliriegel ja finanzieren. Einem Weltklasseschwimmer würde ich nicht unbedingt glauben, dass er nur aus Idealismus sportelt, Lama schon. Er hat die Schule abgebrochen, er hat mit zwanzig Jahren noch keinen Führerschein und keine Freundin. Nun ja, das ändert sich vermutlich irgendwann, aber so viele Bücher wie Luis Trenker wird er wohl nie verkaufen.

Man darf Sportlern ja nicht zu sehr trauen. Gerade erst ist das blitzsaubere Image eines gewissen Golfspielers schneller zerbrochen, als man das Wort „Waterloo“ aussprechen kann. Die Gemeinschaft der Kletterer, wie David Lama sie schildert, macht aber einen relativ harmlosen und familiären Eindruck. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die Kletterszene dem Radsport um zwanzig Jahre hinterherhinkt. Bei dem einzigen Dopingfall, über den in jüngerer Zeit berichtet wurde, ging es um Cannabis, eine Substanz, über die sie in Freiburg nur hämisch lachen würden. Es gilt ja auch immer die Unschuldsvermutung. Vielleicht gibt es wirklich Sportarten, in denen der Geist des Barons de Coubertin noch lebendig ist. Wünschen wir David Lama, dass sein Traum von einem langen Leben als Kletterprofi in Erfüllung geht.

David Lama: „High“. Genial unterwegs an Berg und Fels. Albrecht Knaus Verlag, München 2010. 224 S., Abb., br., 19,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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