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David Graeber: Die falsche Münze unserer Träume Lasst die Betelnüsse kreisen!

 ·  Links werden doch noch Theoriewaffen geschmiedet: David Graeber will die falsche Münze ökonomischen Denkens aus dem Verkehr ziehen.

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Der Ethnologe David Graeber, Occupy-Mitinitiator, Gewerkschafter, Anarchist und Verfasser von „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ erfährt derzeit auf dem deutschen Buchmarkt eine regelrechte Veröffentlichungswelle. Neben seiner revisionistischen Geschichte des Geldes sind in diesem Jahr bereits ein Bericht über die Occupy-Bewegung und ein Band mit dem unmissverständlichen Titel „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“ erschienen. Mit seinem jetzt vorliegenden akademischen Erstlingswerk von 2001 lässt sich auch die sozialwissenschaftliche Grundierung von Graebers politischem Engagement nachvollziehen.

Das Buch, zunächst als Untersuchung über den Begriff des „Werts“ in der Ethnologie geplant, wuchs sich zu einem Parforceritt durch die eigene Disziplin mit Blick auf die Sozialwissenschaften insgesamt aus - nicht weniger als einen Paradigmenwechsel scheint Graeber mit ihm anzuvisieren. Seit ihren Gründertagen, so die Eröffnungsbilanz, sei es der Ethnologie nicht gelungen, eine Theorie des Werts zu entwickeln. Warum wäre eine solche Theorie wichtig?

Weil sie dem Ethnologen zu verstehen helfen würde, wie Gemeinschaften zu ihren höchsten Werten kommen, zu ihren Idealvorstellungen davon, wie man sich verhalten sollte. Solche normativen Horizonte zu beschreiben sei das eine, erst eine Werttheorie aber ließe uns nachvollziehen, „wie sich Bedeutung in Begehren verwandelt“ - wie also individuelle Handlungen und Wünsche mit dem Wertesystem der betreffenden Gesellschaft verbunden sind.

Das ökonomische Primat des Einzelnen

Drei Dimensionen des Wertbegriffs sieht Graeber, die nie überzeugend unter einen Hut gebracht wurden: Wert im Sinn des als gut oder richtig Erwünschten, Wert als ökonomisches Maß dessen, was man für ein erwünschtes Gut herzugeben bereit ist, sowie Wert im linguistischen Verständnis eines bedeutungsvollen Unterschieds zwischen zwei Elementen. Mit Hilfe dieser letzteren Wertkategorie erarbeitete etwa Claude Lévi-Strauss leistungsfähige Beschreibungen des Weltverständnisses unterschiedlicher Völker - aber eben keine Antwort auf die Frage, warum ein Wert dem anderen vorgezogen wird.

Ökonomische Ansätze, die von der Verfolgung des Eigeninteresses ausgehen, haben in der Sozial- und Kulturanthropologie ohnehin einen schweren Stand: Schon Marcel Mauss, neben Marx eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Graeber, untersuchte in seinem wegweisenden Essay über „Die Gabe“ Gesellschaften, die auf „Schenkökonomien“ und einem Prinzip größtmöglicher Verausgabung im Schenken aufbauen statt auf dem homo oeconomicus.

Vor allem aber, so Graeber, neigten die ökonomischen Ansätze mit ihrem Primat auf den Präferenzen des Einzelnen dazu, soziale Werte zu verdinglichen: Die Frage, ob jemand nach materiellen Gütern oder nach Prestige strebt, behandelt Letzteres wie einen objektivierbaren Gegenstand, der damit aus dem sozialen Gefüge herausgerissen wird. Dabei hat es die Ethnologie umgekehrt immer wieder mit Völkern zu tun, die den Wert eines hergestellten Dings an den sozialen Beziehungen bemessen, welche sich in seiner Produktion niederschlagen oder in seinem Tausch begründet werden.

Die kreative Energie der Sozialisation

Ernüchtert resümiert Graeber auch manchen Heroen der kritischen Gesellschaftstheorie. An Pierre Bourdieu etwa moniert er ein ökonomistisches Denken, das alles soziale Handeln als eigennütziges, konkurrenzorientiertes Streben zu entlarven versucht. Graeber bezweifelt nicht, dass sich in jedem Lebensbereich eigennützige Kalküle finden lassen. Aber es ist der Glaube, mit der Figur des Eigennutzenmaximierers habe man so etwas wie den festen Boden des Sozialen unter den Füßen, den er den Humanwissenschaften austreiben will.

Seine eigene Antwort auf das Wertproblem betont das kreative Handeln: Wert ist für Graeber eine Art und Weise, „wie Menschen die Bedeutsamkeit ihrer eigenen Handlungen für die anderen darstellen“. Er skizziert ein Programm, das von der Erkenntnis unwandelbarer Objekte auf die Dynamik sozialer Prozesse umstellen will. In staatenlosen Gesellschaften, stellt Graeber fest, wird viel mehr kreative Energie in die Sozialisation von Menschen gesteckt als in die Erzeugung von Gütern zur Grundversorgung.

Wenn die Baininger, eine Gruppe von Bauern in Papua-Neuguinea, ständig mit dem Anbieten und Austauschen von Essen beschäftigt sind und dabei auch noch scheinbar sinnlos Betelnüsse gegen Betelnüsse tauschen, dann „realisieren“ sie den Wert, dessen Ursprung (für sie selbst) in ihrer Feldarbeit liegt, erst dadurch, dass sie einem anderen einen Teil ihrer Nahrung abgeben. In solchen sozialen Handlungen reproduzieren die Menschen ihr eigenes Verständnis ihrer Gesellschaft.

Pragmatischer Optimismus

Ausgehend von solchen Überlegungen macht sich Graeber eine kaum zu rekapitulierende Fülle von Gedanken zu Formen von sozialer Macht, zur Frage, unter welchen Bedingungen den Akteuren das Ergebnis ihres eigenen Handelns in fetischisierter, nicht als solches erkannter Gestalt wiederkehrt, und zur Macht des Geldes. Der Grundtenor ist dabei: Die Gedankenfiguren des unersättlichen Marktakteurs, der seinen privaten Nutzen verfolgt, und die des „Naturzustands“ als eines Krieges aller gegen alle, der sich nur durch einen Gesellschaftsvertrag - vorzustellen als einer zwischen Männern um die vierzig, wie Graeber mokant anmerkt - und einen mächtigen Staat abwenden lässt, sollen regelrecht zermahlen werden. Das Buch liest sich wie ein Plädoyer dafür, alle Praktiken und Institutionen daraufhin abzuklopfen, inwiefern sie Entfremdung oder Ungerechtigkeit hervorrufen. Dabei sei jedoch nie zu vergessen, sich selbst „zu einem pragmatischen Optimismus zu zwingen“. Sonst wäre alle Kritik sinnlos.

Es ist unübersehbar, dass der Autor den von ihm abgelehnten ökonomischen Denkungsarten nicht die gleiche großzügige Betrachtungsweise angedeihen lässt. Der Kapitalismus und seine Institutionen sind Graebers Menschenfresser und als solche ziemliche Pappkameraden. Ob für ihn freilich Demokratie und Marktwirtschaft so unwandelbar sind wie für Louis Dumont das indische Kastenwesen - das seine Form wie ein Stuhl, der im Inneren von Termiten zerfressen wird, so lange beibehalte, bis es auseinanderbreche -, das wird man womöglich bald erfahren: Allein für kommendes Jahr sind von Graeber auf Englisch Bücher über die Neuerfindung der Demokratie, die „99 Prozent“ sowie die „Frontlinien des Dissenses“ angekündigt; auch an einem Band zum Thema Bürokratie soll er arbeiten.

Hier hat jemand offensichtlich einen Lauf. Die vorliegende Grundsatzreflexion jedenfalls zeigt Graeber als linken Intellektuellen, der den Rückzug progressiven Denkens in das Schneckenhaus desillusionierter Theoriebildung im Sturmschritt rückgängig machen möchte.

David Graeber: „Die falsche Münze unserer Träume“. Wert, Tausch und menschliches Handeln. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Sven Koch, Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Diaphanes Verlag, Zürich 2012. 447 S., br., 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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