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David Edmonds / John Eidinow: Rousseaus Hund : Schwierig ist die philosophische Natürlichkeit

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Bild: Deutsche Verlags-Anstalt

Jean-Jacques Rousseau Arm in Arm mit David Hume: Die europäische Presse war begeistert. Doch es endete, wie David Edmonds und John Eidinow erzählen, mit bitterer Enttäuschung auf allen Seiten.

          Nach dem Erscheinen des „Contrat social“ und seines Erziehungsbuches „Émile“, dessen Schlussteil das heftig umstrittene „Bekenntnis des savoyischen Vikars“ enthielt, war Rousseau in Europa nicht mehr sicher. 1762 wurde er aus Frankreich vertrieben, Ende 1765 aus der Schweiz. Die Bücher waren verboten und verschiedentlich vom Henker verbrannt oder vernichtet worden. Rousseau war auf der Suche nach einem sicheren Asyl.

          Rousseau ist schon auf dem Weg nach Berlin, als er in Straßburg dem Drängen vor allem zweier Pariser Damen, Madame de Verdelin und Madame de Boufflers, nachgibt und sein Reiseziel ändert. Sie überreden ihn, sich nach England zu wenden und dafür die Hilfe des berühmten Philosophen David Hume in Anspruch zu nehmen. So reist er nach Paris und trifft dort die Vorbereitungen für einen längeren Englandaufenthalt. Das Arrangement mit Hume scheint vielversprechend, man umwirbt sich gegenseitig und wird in der Öffentlichkeit gefeiert. Doch es wurde daraus, wie David Edmonds und John Eidinow in ihrem Buch höchst lebendig erzählen, eine Geschichte von Missverständnissen, Verdacht und Enttäuschung.

          Kleinigkeiten wachsen ins Monströse

          Am 13. Januar 1766 trifft Rousseau in London ein. Größtes publizistisches Interesse erwartet ihn. Rousseau, zweifellos der berühmteste Literat der Zeit, allenfalls mit Voltaire zu vergleichen, will sich in England niederlassen. Diese Sensation kann sich die Presse nicht entgehen lassen, täglich berichten die Zeitungen von Rousseaus Spaziergängen und seinen Treffen mit wichtigen Londonern – und sogar über seinen Hund Sultan, der zweimal verschwindet und mit Hilfe der Zeitungen wiedergefunden wird.

          Allmählich wächst bei Rousseau ein Misstrauen gegen seinen angeblichen Beschützer heran. Es sind Kleinigkeiten, die dieses Misstrauen nähren und es ins Monströse wachsen lassen. Als Hume für Rousseau eine Pension des Königs erwirken will und um sein Einverständnis bittet, wird ihm die Tatsache, dass die Pension geheim bleiben soll, zum Stein des Anstoßes. Rousseau sucht die verborgene Absicht der Geheimhaltung zu erraten, für ihn sind nur öffentliche Ehrungen ohne Zweideutigkeit. Und so geht es von Tag zu Tag. Versprechungen werden gemacht und auf ihre verborgenen Absichten hin durchleuchtet. In den kleinen Abweichungen zwischen Versprechen und Einlösung tun sich Abgründe auf.

          Geschenke waren heikel

          Die Pensionsangelegenheit ist bald völlig undurchsichtig geworden. Hume meint, Rousseau habe die Pension abgelehnt, während Rousseau auf seiner Zusage besteht. Alle Beteiligten fürchten schließlich, sich zu blamieren. Es zeigt sich, dass Rousseau, bei all seiner nach außen zur Schau getragenen Schlichtheit und Natürlichkeit, viel schwieriger ist, als seine Wohltäter angenommen hatten. So ist er jedes Mal alarmiert, wenn sein Verdacht geweckt wird, man wolle ihm unbemerkt eine Wohltat erweisen. Sogar seine Freunde können davon erzählen, wie er unnachgiebig jedes Geschenk zurückweist, das sie ihm in bester Absicht machen. Denn er hält die daraus erwachsenden Verpflichtungen für gefährliche Einschränkungen seiner Freiheit. Als er von London aufs Land, nach Wootton, übersiedelt, hat sein Gastgeber die Kutsche als eine sogenannte Retourkutsche ausgegeben, die nichts koste. Als Rousseau die gutgemeinte Täuschung entdeckt, wird die Kutschenaffäre zu einem neuen Beweis dafür, dass man ihn auch sonst hintergeht.

          Rousseau glaubt schließlich, dass man seinem Ansehen und seiner Integrität in England eine Falle stellen wolle. Seit seinem Bruch mit den Pariser Philosophen und verstärkt durch die realen Verfolgungen, die er aufgrund seiner Bücher erleidet, glaubt er sich zunehmend von einem Komplott bedroht, das seine ehemaligen Freunde gegen ihn angezettelt hätten. Hume, der mit ihnen seit seiner Zeit in Paris in enger Verbindung steht, wird für Rousseau mit jedem neuen Missverständnis immer mehr zu einem Handlanger seiner Feinde. Es ist bis heute strittig, wie weit Rousseaus Furcht vor einem Komplott berechtigt gewesen ist. Unbestreitbar ist, dass er durch seine letzten Schriften, in denen er dem Atheismus seiner Freunde ein religiöses Bekenntnis entgegenschleuderte, und durch seinen Rückzug aus der Gesellschaft den Hass der fortschrittlichen Geister auf sich gezogen hat.

          Ein Dissident aus dem Zentrum der Aufklärung

          Es gab Gegner der Aufklärung genug. Aber Rousseau war ein Abtrünniger der Aufklärung. Er hatte zu ihrem Zentrum gehört, war einer der produktivsten Literaten der Zeit – und hatte von einem Tag auf den anderen durch sein religiöses Bekenntnis mit seinen Freunden gebrochen. Sein Rückzug aus der Gesellschaft in Eremitagen und Asyle besiegelte diesen Schritt. Wohl zu Recht glaubte Rousseau, dass die Pariser Philosophen sich damit nicht abfinden würden. Rousseau war der erste Dissident aus dem Zentrum der Aufklärung. Er stellte sie durch seine Existenz in Frage. In England wurde nun seine Existenz in Frage gestellt: Innerhalb weniger Wochen erlebte er, wie die öffentliche Meinung von Begeisterung umschlug in Spott über den Sonderling und Scharlatan.

          Anfang Mai 1767 verlassen Rousseau und seine Lebensgefährtin England. Weder Rousseau noch Hume haben sich von dieser Affäre erholt. Hume, der seine Version in einer Broschüre (mit allen Briefen, die gewechselt wurden) dokumentiert hat, zieht sich für seine letzten Lebensjahre weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, und Rousseau ist, zumindest für das große Publikum, erledigt. In England endet die einzigartige öffentliche Rolle, die er in Europa gespielt hatte. Nur noch für wenige Freunde erreichbar, wird er bis zu seinem Tod 1778 in selbstgewählter Einsamkeit an wechselnden Orten leben, die letzten Jahre in Paris, wie ein Literat im Untergrund. Was er in diesen Jahren schreibt, wird erst nach seinem Tode veröffentlicht: „Die Bekenntnisse“, seine Dialoge „Rousseau richtet über Jean-Jacques“, die manche Spuren des Englandtraumas zeigen, und die endlich von alldem befreiten „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“. Die Niederschrift der „Bekenntnisse“ bricht ab, bevor er auf Hume hätte eingehen müssen. So hat Rousseau, außer in seinen Briefen, keine Darstellung seines Englandaufenthalts hinterlassen.

          Die unbefriedigende Situation, dass sich keine schlüssige Erklärung für die Vorgänge bei Rousseaus Englandabenteuer aufdrängt und offenbar auch durch kriminalistischen Spürsinn nicht erzwungen werden kann, gibt den Autoren die Möglichkeit, jedes Detail, das schon die Zeitgenossen beschäftigte, noch einmal hin und her zu wenden, als verberge sich darin der Schlüssel zum Ganzen. Das erzählerische Kunststück, die Illusion einer aussichtsreichen Ermittlung über vierhundert Seiten aufrechtzuerhalten, ist den beiden Autoren glänzend gelungen. Anzuerkennen ist auch die Fairness, mit der sie die Frage bis zum Schluss offenhalten. So erhält der Leser die Gelegenheit, an einer berühmten Affäre des achtzehnten Jahrhunderts teilzuhaben, als wäre er ein Zeitgenosse.

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