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: Das Völlegefühl am Zipfel der Bratwurst

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Die Heimatgefühle waren bei den Deutschen nach 1945 lange Zeit in Verruf geraten. Nur die Vertriebenenverbände waren hier öffentlich laut. Das soll sich nun endlich grundsätzlich ändern, meint Christoph Türcke und schlägt als moderne Lösung eine kritische Heimatkunde vor. Meine Heimat ist Deutschland: ...

          Die Heimatgefühle waren bei den Deutschen nach 1945 lange Zeit in Verruf geraten. Nur die Vertriebenenverbände waren hier öffentlich laut. Das soll sich nun endlich grundsätzlich ändern, meint Christoph Türcke und schlägt als moderne Lösung eine kritische Heimatkunde vor. Meine Heimat ist Deutschland: Einen solchen Satz kann man nach Christoph Türcke nicht sinnvoll sagen, weil Heimat seiner Meinung nach immer kleiner als eine Nation ist, also höchstens so groß wie die Lüneburger Heide. Nation, so Türcke, sei ein "vager Begriff". Der Bürger solle sich hüten, Heimat und Nation miteinander zu verwechseln, und aufpassen, daß seine Heimatgefühle nicht zum Nationalstolz mutierten. Die Menschen da oben im Bild haben Türckes Essay nicht gelesen, sie wissen deshalb nicht, was er ihnen vorschlägt: eine kritische Heimatkunde. Der kritische Heimatkundler muß lernen, zwischen Heimat und Nation zu unterscheiden.

          Die Menschen dort oben im Bild sitzen auf dem Obersalzberg, und ihnen ist vielleicht klar, daß der Obersalzberg mit jenen zwölf Jahren der deutschen Geschichte verbunden ist, dank deren und nach denen es sehr schwierig geworden war, von Heimat und Heimatgefühlen noch frisch von der Leber weg zu sprechen. Von Heimat redeten nach 1945 vor allem die Vertriebenenverbände, und sie wurden deshalb von den Heimatkritikern als Revanchisten angegriffen, als Blindgänger, die nur von den Opfern unter den Deutschen sprechen und nicht von den Deutschen als Tätern reden würden. Christoph Türcke mag das Gerede der Vertriebenenverbände nicht mehr hören.

          Damals tauchte unter den Linken, die von Heimat nichts wissen wollten, der alte Philosoph Ernst Bloch auf und summte ihnen seine Kinderlieder ins Ohr. Das war das Echo einer Heimat, "worin noch niemand war" (Bloch). Das stand in Blochs "Prinzip Hoffnung", und Türcke zitiert den Philosophen der Utopie zustimmend.

          Die Menschen da oben im Bild haben von Bloch wahrscheinlich nie etwas gehört, und ob sie sich gerne an eine Kindheit im Krieg erinnern würden, das ist unwahrscheinlich. Christoph Türcke erinnert an Theodor W. Adornos Reflexionen über die Heimat als verwunschenen Ort der Kindheit. Adorno aber war das Kind eines wohlhabenden Weinhändlers, ein behütetes und von Mutter und Tante verhätscheltes Einzelkind. Das waren goldene Jahre.

          Diese erste Heimat der Kindheit sei, so Türcke, im Grunde genommen die zweite Heimat. Die erste Heimat, die nicht wahrgenommen werden könnte, liege im Mutterschoß, aus dem das Kind auf die Welt gepreßt werde, damit es dort zusehe, wie es weiterkomme.

          Die Menschen auf dem Bild oben werden sich auf dem Obersalzberg zu Hause fühlen. Sie werden sich auch im Strandkorb in Travemünde zu Hause fühlen und vor dem Kölner Dom und vor dem Frankfurter Römer und im Tiergarten in Berlin. Nicht aber in Paris, nicht in Rom, nicht in Ankara, allein schon deshalb nicht, weil sie die Sprache nicht beherrschen. Die Linke, die von der Heimat nichts wissen wollte, fuhr gerne in die Ferien nach Italien, nach Portugal, Griechenland oder nach Frankreich - nur Spießer blieben daheim und gingen im Bayerischen Wald wandern.

          Wer damals von Heimat redete, der machte sich verdächtig, der war zu schnellen Schulterschlüssen mit der deutschen Geschichte bereit. Bei Christoph Türcke erfährt man leider nichts Genaues über die Unterschiede zwischen Heimat, Staat, Nation und Volk. Die Menschen oben im Bild schauen in ihre Heimat hinein, aber schauen sie auch in ihre Nation hinein, wenn sie ihre Blicke schweifen lassen? Heimat habe etwas mit Vertrautheit zu tun, meint Türcke und zieht einen Kreis um ein Vertrauensgebiet, das man in seiner Kindheit erwandert hat. In dem kleinen Essay fällt kein erhellendes Wort über die Muttersprache, über die vertrauten Gebiete, die durch Wissen bewohnbar gemacht werden - zum Beispiel Wissen um die deutsche Geschichte, die größer ist als die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur.

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