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: Das Symbol der Synagogenorgel

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In der Pogromnacht des 9. November 1938 drangen Nazis in die Synagoge in Königsberg ein, zertrümmerten die Bänke, zerrten die Tora-Rollen aus dem Schrein, zerrissen die Gebetbücher und stapelten ihre Beute zu einem Haufen in der Mitte des Raumes. Währenddessen spielte ein Parteigenosse auf der Synagogenorgel das Horst-Wessel-Lied.

          In der Pogromnacht des 9. November 1938 drangen Nazis in die Synagoge in Königsberg ein, zertrümmerten die Bänke, zerrten die Tora-Rollen aus dem Schrein, zerrissen die Gebetbücher und stapelten ihre Beute zu einem Haufen in der Mitte des Raumes. Währenddessen spielte ein Parteigenosse auf der Synagogenorgel das Horst-Wessel-Lied. Es erklang noch, als der Haufen in Flammen aufging. Erst als das Feuer auch das Instrument erfasste, hatte der Spuk ein Ende. Jene Nacht bedeutete für die meisten Orgeln in den deutschen Synagogen das Ende. Mit ihrer Verbrennung endete ein wichtiges Stück deutsch-jüdischer Kultur, der Tina Frühauf in ihrer lesenswerten Dissertation ein Denkmal gesetzt hat ("Orgel und Orgelmusik in deutsch-jüdischer Kultur". Georg Olms Verlag, Hildesheim 2006. 336 S., geb., 58,- [Euro]). Die deutschen Synagogenorgeln waren markante Symbole jüdischer Assimilation, ihre Zerstörung markiert symbolhaft deren gewaltsames Ende.

          Frühauf untersucht in ihrer gut strukturierten, mit einem umfangreichen dokumentarischen Apparat ausgestatteten Arbeit über "Orgeln und Orgelmusik in deutsch-jüdischer Kultur" den Zeitraum zwischen 1810 und 1938; er reicht von der Errichtung der ersten Synagogenorgel in Deutschland 1810 bis zur Zerstörung fast des gesamten Instrumentenbestandes während der Novemberpogrome. Ein kurzer Exkurs über Orgeln in Synagogen vor 1800 lässt erkennen, welch rasante Entwicklung der Orgelbau in Synagogen innerhalb der knapp hundertdreißig Jahre des Untersuchungszeitraums nahm.

          Die Autorin erörtert ihr Thema denkbar umfassend. Neben statistische Erhebungen über Instrumente und Kompositionen tritt die Erörterung der theologischen Probleme, die die Einführung von Orgeln in die Synagogen mit sich brachte. Zur Schilderung des Orgelbaus als Ausdruck weitreichender Assimilation gesellt sich ein Bericht über die Bemühungen jüdischer Komponisten, der Orgel ein eigenständig jüdisches Profil zu verleihen. Die Arbeit schließt mit Kapiteln über das emigrationsbedingte Fortwirken deutsch-jüdischer Orgelkultur in Israel und Amerika.

          Die methodischen Probleme, die das Thema mit sich bringt, werden von Frühauf benannt. Sie betreffen vor allem die Frage, was "jüdische" Musik überhaupt sei angesichts einer musikalischen Überlieferung, die bis um 1800 fast ausschließlich mündlich erfolgte, angesichts auch einer synagogalen Musikkultur, in die der gregorianische Choral ebenso eingeflossen ist wie das mittelalterliche deutsche Volkslied. Frühauf resümiert: "Wie weltliche, christliche und jüdische Gesänge miteinander verwoben sind, kann in letzter Instanz aufgrund der äußerst dürftigen Quellenlage nicht geklärt werden." Als Fundus jüdischer Musik respektiert die Autorin deshalb jene Musik, die in den jüdischen Gemeinden selbst seit je als integraler musikalischer Bestandteil der Liturgie gilt.

          Anhand der Entwicklung der synagogalen Orgelkultur in Deutschland erzählt Frühauf exemplarisch die Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur, die eine Geschichte der Assimilierung ist: Der Synagogengottesdienst wurde seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr dem protestantischen angeglichen - Chorgesang, Gemeindelied, landessprachliche Predigt -, und schließlich wurde die Orgel eingeführt. Dies brachte Komplikationen mit sich: Es musste geklärt werden, ob Instrumentalmusik im jüdischen Gottesdienst, seit der Zerstörung des zweiten Tempels verboten, überhaupt zulässig und ob die Tätigkeit des Organisten am Sabbat als Arbeit anzusehen sei. Kritiker der liturgischen Anähnelung bekämpften die Orgel als typisch christliches Instrument, Befürworter hielten ihre Einführung für notwendig, weil der neuartige Chor- und Gemeindegesang anders nicht zu steuern sei. Um 1870 bildete sich allmählich ein Konsens zugunsten der Synagogenorgel heraus, aber noch nach 1900 wurde in Einzelfällen (Köln) weiter über sie gestritten.

          Die Zeit, die bis zur Pogromnacht blieb, war denkbar kurz. Eine eigenständige jüdische Orgelmusik konnte sich in dieser Frist kaum herausbilden. Tina Frühauf zeigt an Beispielen, welche Strategien entwickelt wurden, um der endlich tolerierten synagogalen Orgelmusik ein eigenes Gepräge zu geben. Dabei ist eine Entwicklung von der vollständigen stilistischen Übereinstimmung mit der zeitgenössischen Musik in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hin zur Verwendung jüdisch konnotierter Skalen und Modi zu beobachten. Diese Entwicklung verläuft zeitlich parallel zu der Herausbildung nationaler musikalischer Schulen etwa in Nord- und Ostmitteleuropa oder auch zur Rückbesinnung katholischer Komponisten auf den gregorianischen Choral. Frühaufs These, jüdische Orgelmusik habe sich im Laufe der Zeit immer mehr von der christlich geprägten unterschieden, ist also triftig in Bezug auf das verwendete musikalische Material, aber nicht unbedingt hinsichtlich der kompositorischen Verfahren, mit denen dieses Material verarbeitet wurde.

          Im künstlerischen Ghetto des 1933 gegründeten "Jüdischen Kulturbunds" verstärkten Komponisten noch einmal ihre Bemühungen, ein typisch jüdisches Idiom zu finden. Da ihre Musik nicht gedruckt werden durfte, muss sie heute weithin als verschollen gelten. Als die Schikanen unerträglich wurden, emigrierten die Organisten, soweit irgend möglich; ihre Instrumente wurden zerstört. Heute gibt es gerade einmal zwei Orgeln in deutschen Synagogen. Die Kultur deutsch-jüdischer Orgelmusik ist (vorerst?) erloschen.

          MICHAEL GASSMANN

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