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: Das intellektuelle It-Girl

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Es ist nicht viel Zeit vergangen. Die Nachricht von ihrem Tod kam zwischen den Jahren, im Dezember 2004. Wer ihre Texte kennt, vergisst sie ohnehin nicht, und natürlich vergisst man auch nicht die Bilder von ihr: von der Frau mit jener weißen Strähne im schwarz nachgefärbten Haar, welche zwanzig ...

          Es ist nicht viel Zeit vergangen. Die Nachricht von ihrem Tod kam zwischen den Jahren, im Dezember 2004. Wer ihre Texte kennt, vergisst sie ohnehin nicht, und natürlich vergisst man auch nicht die Bilder von ihr: von der Frau mit jener weißen Strähne im schwarz nachgefärbten Haar, welche zwanzig Jahre lang ihr Markenzeichen war; ein "signature look", der es, als Standardperücke, sogar in die Comedy-Sketch-Show "Saturday Night Life" geschafft hatte.

          Susan Sontag war eine Ikone. Wie eine Ikone wurde sie begraben: Ihr Sohn David Rieff überführte sie nach Paris. Am Grab las Isabelle Huppert "Je t'aime, ô capitale infame!" aus dem Epilog von Baudelaires "Blumen des Bösen". Susan Sontag kam auf dem Friedhof von Montparnasse gewissermaßen nach Hause, neben Beckett und Cioran, Cortázar und Man Ray, Simone de Beauvoir und Sartre - als "letzte Intellektuelle", wie sie das in ihrem Essay "Im Zeichen des Saturn" eigentlich einmal über Walter Benjamin gesagt hatte. Da hatte sie sich, ein bisschen ironisch, Benjamin vor dem Jüngsten Gericht vorgestellt, wie er erklären würde, dass er das Leben des Geistes bis zum Ende verteidigt habe. Sie tat es mit ihm. Trotz aller Hingabe an die Massenkultur blieb Susan Sontag zeit ihres Lebens "High Brow". Manchmal wünscht man sich sie und ein bisschen mehr "High Brow" zurück.

          Wenn jetzt eine neue Biographie über sie erscheint, die der in New York lebende deutsche Journalist und Autor Daniel Schreiber unter dem Titel "Geist und Glamour" geschrieben hat, ist das also zunächst eine gute Nachricht. Trotzdem wundert man sich für einen Moment: jetzt schon? War es denn möglich, in dieser kurzen Zeit ihren Nachlass zu sichten, geschweige denn überhaupt an ihn heranzukommen? Es war nicht möglich. Wie sich aber herausstellt, macht das auch nichts. Susan Sontag hatte im Januar 2002 mit der University of California in Los Angeles einen Vertrag über den Ankauf ihrer Privatbibliothek, ihrer Korrespondenz und Manuskripte abgeschlossen. Mit 1,1 Millionen Dollar war dies der bis dahin teuerste Ankauf eines Autorenarchivs. Die meisten der Dokumente belegte sie mit einer Sperrfrist von fünf Jahren nach ihrem Tod. Ihre Geschichte wird in den kommenden Jahren also wahrscheinlich noch einmal anders und mit neuen Details erzählt werden. Daniel Schreiber allerdings kann auf so viel zugängliches Material zurückgreifen, auf die unzähligen, sich bezeichnenderweise immer widersprechenden Interviews, die Susan Sontag gegeben hat; auf die umfassende Korrespondenz mit ihrem Freund und Verleger Roger Straus; auf Gespräche mit Freunden und Wegbegleitern, die er geführt hat, so dass er genug Stoff hat für das, was sie selbst das "Projekt Susan Sontag" nannte.

          Sontags Leben ist zuallererst die Geschichte einer Selbsterfindung. Susan Lee Rosenblatt, wie sie hieß, bevor ihre Mutter nach dem Tod des Vaters den Kriegsveteranen Captain Nathan Sontag heiratete, musste für diese Selbsterfindung zunächst einmal ihrer Familie entrinnen. Nichts war dringender als das. Sontags ungeliebte Mutter, eine schöne und depressive Alkoholikerin, war mit ihrem ersten Mann nach China gegangen und hatte sie und ihre jüngere Schwester Judith in New York bei der Nanny alleingelassen. Als Susans Vater in China an Tuberkulose starb, kam die Mutter zurück. Der soziale Abstieg folgte, Umzüge, das Leben in einem heruntergekommenen Trailer am Rande von Tucson, in der Wüste Arizonas.

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