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Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft : In dieser Schule lernt man, mit der Wirklichkeit zu spielen

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Bild: Alexander Verlag

René Pollesch, Tim Staffel, Rimini Protokoll, She She Pop: Die Heroen des neuen Theaters sind alle in Gießen ausgebildet worden. Ein Sammelband erklärt, wie es dazu kommen konnte.

          Je virtueller die Lebenswelten, desto größer der Hunger nach Realität. Das ist der einache Schluss, den der Literaturwissenschaftler David Shields vor zwei Jahren zog, als er in der Literatur, aber auch in Serien oder den Formaten des Reality-TV eine Tendenz erkannte, „immer größere Brocken von ,Wirklichkeit’ in ihre Arbeiten einzubauen“. Hätte David Shields das Theater in seine Überlegungen einbezogen, müsste man ihn als einen jener Hammer führenden Protagonisten der - wie es in dieser Zeitung einmal hieß - „Unglücksschmiede des deutschen Theaters“ betrachten. Jedenfalls nach Lektüre des „Buchs von der Angewandten Theaterwissenschaft“, das zum dreißigjährigen Bestehen des Studiengangs der Gießener Universität erschienen ist.

          Denn die Rede vom Einbauen immer größerer Brocken Wirklichkeit erscheint in diesem Sammelband wie ein Leitmotiv für die Arbeit der Gießener Schule, deren Absolventen wie Tim Staffel, René Pollesch oder die Kollektive Rimini Protokoll und She She Pop als etablierte Größen inzwischen die Spielpläne großer und kleiner Häuser von Wien oder Zürich bis Hamburg erobert haben. Und das, obwohl deren theoretisches und ästhetisches Programm nicht zuletzt als Institutionenkritik des Stadttheatermodells gelesen werden kann. Diese Kritik an den bestehenden Theaterverhältnissen betrifft die Suche nach „postdramatischen“ Stoffen, etwa die Öffnung des klassischen Repertoires für Theoriediskurse oder die Realität der Massenmedien, etwa Soaps, Telenovelas oder Talkshows. Das betrifft zudem die Arbeitsweise: Kollektive statt Regie-Egos, das Überdenken der individuellen Autorenrolle im Theater oder das Infragestellen der ökonomischen und hierarchischen Bedingungen des Stadttheaters. Das betrifft aber vor allem neue Darstellungsformen, etwa die Hinwendung zur Performancekunst.

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          Glücklicherweise ist das Buch kein Sammelband von Absolventen für Absolventen. Zwar bündelt es eine Reihe von Werkporträts von Gruppen und Performern, deren Aufführungen nur dem bekannt sind, der sich auf den Festivals oder an den Spielorten der Off-Szene tummelt, doch es erstaunt, dass es in dem von postmoderner Theatertheorie gesättigten Umfeld der Gießener Schule hier zumeist darum geht, die Grundlagen und Ergebnisse dieser Arbeit gründlich darzustellen. Und meist versteigen sich die Autoren dabei nicht so sehr wie Gerald Siegmund, der von einer „Gießnizität“ des Theaters spricht und sich über Roland Barthes’ Mythenbegriff und poststrukturalistische Zeichentheorie in eine Unverständlichkeit hineintheoretisiert, aus der kein Signifikant, kein Signifikat mehr herausführt.

          Statt derlei theoretischem Überbau lassen die Beiträge mehrheitlich Theater als Wirklichkeitsspiel der besonderen Art erscheinen, als Reflex auf die Lebenswelt des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Denn - so Helga Finter, Professorin am Institut - für „die junge Generation, die seit Ende der Neunziger in die Theater drängt, stellt sich die Frage nach der Funktion des Theaters in der heutigen Gesellschaft insofern in anderer Weise, als inzwischen ein Großteil der dem Theater bisher zugesprochenen Funktion - Gemeinschaftsbildung/Identitätsstiftung einerseits, die Reflexion auf das Gedächtnis dieser Gemeinschaft und das Verhältnis des Einzelnen zum Heterogenen andererseits - inzwischen Medien wie der Film oder das Fernsehen ... übernommen hatten“.

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